Im Juni habe ich in Paris an einem Kolloquium zum 150. Jahrestag der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) 1864 teilgenommen – zusammen mit etwa 25 Forschern und einer anderen Forscherin aus verschiedenen Ländern, die alle kurze Vorträge hielten, plus noch einmal zehn oder zwanzig Personen „Publikum“. Es war also ein eher intimer Kreis… Thema war die Frage, ob man aus der Internationale etwas für aktuelle politische Bewegungen lernen kann und in welchem Austausch sie mit anderen sozialen Bewegungen stand.
Interessant fand ich vor allem den Beitrag von Marcel Van der Linden vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. Er widersprach zum Beispiel dem Mythos, dass die IAA die erste internationale Zusammenarbeit von Arbeitergruppen gewesen sei und verwies etwa auf die schon viel ältere Solidarität zwischen Seeleuten und in die Sklaverei verschleppten Afrikanerinnen und Afrikanern bei Meutereien.
Die Internationale habe hingegen die Gruppe der legitimen sozialrevolutionären Akteure stark eingrenzt, und zwar auf diejenigen Personen, die Marx und Engels (im Auftrag des Bundes der Kommunisten) bereits im Kommunistischen Manifest definiert hatten: „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse.“ Dieses Proletariat sollte sich laut Manifest sorgfältig sowohl nach „oben“ abgrenzen („Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer sind nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär“) als auch nach unten („Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft…“).
Die Internationale war also keine Organisation, in der sich „die Arbeiter“ zusammenschlossen im Sinne von Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen mussten, um überleben zu können. Sondern hier organisierte sich eine bestimmte Gruppe, nämlich männliche, weiße, vor allem qualifizierte Arbeiter. Obwohl zum Beispiel Frauen damals rund ein Drittel der Fabrikbelegschaften stellten, waren sie an der Gründung der IAA nicht beteiligt, wurden teilweise sogar explizit ausgeschlossen. In den USA definierte sich die Internationale (teilweise) durch den Ausschluss von Schwarzen, und so weiter.
Dieser Hintergrund ist interessant zu wissen, weil es die Kern-Botschaft der IAA betrifft, nämlich dass alle Arbeiter gemeinsame Interessen hätten, die andere Unterschiede (zum Beispiel Nationalität) in den Hintergrund treten lasse. Die „Vereinigung“ aller Arbeiter gegen „das Kapital“ war Ziel, Versprechen, Strategie der IAA – und damit setzte sie tatsächlich eine Denktradition in Gang, an der sozialrevolutionäre Bewegungen bis heute oft gemessen werden.
Doch dieses Konstrukt einer einigen Arbeiterschaft mit gemeinsamen Interessen ist leider bloß eine Illusion. Ein Vortrag beim Kolloquium in Paris beschäftigte sich zum Beispiel mit der transnationalen Solidarität von Zigarrenarbeitern: Während eines Streiks in England, wo die Zigarrenarbeiter starke Gewerkschaften und relativ hohe Löhne hatten, warben die Unternehmer belgische und niederländische Zigarrenarbeiter an, die dort viel schlechtere Arbeitsbedingungen hatten. Die Internationale intervenierte, um diesen „Import“ von Streikbrechern zu verhindern. Denn das Versprechen, die Zufuhr von „Fremdarbeitern“ verhindern zu können, war das, was die Internationale vor allem bei Arbeitern in relativ guten Arbeitsverhältnissen attraktiv machte. So reisten also während dieses Zigarrenarbeiterstreiks Abgeordnete der Internationale nach Belgien und in die Niederlanden um die Arbeiter dort davon abzuhalten, die englischen Jobangebote anzunehmen.
Das klingt natürlich gut, aber warum eigentlich sollte ein belgischer Zigarrenarbeiter ein gutes Jobangebot in England ablehnen, obwohl das doch ein Ausweg aus existenzieller Not für ihn, seine Frau, seine Kinder wäre? Offensichtlich gibt es hier einen Interessenskonflikt zwischen den englischen und den belgischen Arbeitern.
Das Argument der Internationale nun war: Ihr belgischen Arbeiter müsst selbst in eurem Land für eure eigenen Lohnerhöhungen kämpfen, und vielleicht bekommt ihr davon etwas Geld aus unserer Streikkasse (wobei die finanziellen Möglichkeiten der Internationale sehr überschätzt wurden). Aber wie überzeugend ist diese Vertröstung auf die Zukunft für jemanden, der für einen Hungerlohn arbeitet oder arbeitslos ist? Ich fragte hinterher den Referenten, ob die Internationale denn mit dieser Argumentation Erfolg gehabt hätte, und er antwortete: Nicht so wirklich. Teilweise seien Arbeiter, die die englischen Jobangebote annehmen wollten, regelrecht bedroht worden, oder man habe gedroht, den zurückbleibenden Frauen und Kindern solcher „Verräter“ würde es schlecht ergehen. Nun ja, not my revolution.
Mich interessiert das natürlich vor allem deshalb, weil es einen ganz ähnlich gelagerten Konflikt zwischen Frauen und männlichen Arbeitern gab: Streiks waren eine Gelegenheit für Frauen, nicht nur Arbeit zu finden, sondern sich auch in Berufen zu qualifizieren, aus denen die Männer sie eigentlich heraushalten wollten, in Druckereien zum Beispiel oder als Vorarbeiterinnen. Das Pochen auf ein angeblich objektives Klasseninteresse erlegte den ohnehin Benachteiligten auf, für die „gute Sache“, den in ferner Zukunft zu erwartenden Kommunismus zum Beispiel, in der Gegenwart zurückzustecken. Aber von dem Versprechen, dass die Zukunft für alle gemeinsam rosig sein werde, kann man sich heute nun mal leider kein Brot kaufen.
Die Behauptung, alle Arbeiter hätten dieselben Interessen und sie dürften sich nicht spalten lassen, ist letztlich ist eben nur ein moralischer Appell, der überhaupt nur halbwegs plausibel erscheinen konnte, weil das „richtige“ Proletariat eben auf die eng definierte Gruppe des weißen, männlichen, qualifizierten Arbeiters beschränkt worden war. Dies wurde dann letztlich zur Grundlage dessen, was man „Arbeiterbewegung“ nannte: Arbeiterparteien und Gewerkschaften, die mit Staat und Unternehmern über höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und so weiter verhandeln.
Während die Internationale durch ihre Organisationsform die von ihr so verachteten „subproletarischen“ Kräfte des „Lumpenproletariats“ effektiv ausschließen konnte, gelang das hingegen für die „kleinbürgerlichen“ Kräfte nicht. Mehrere Referate des Kolloquiums schilderten den faktisch großen Einfluss von „radikalen“ oder „republikanischen“ Aktivisten (und Aktivistinnen) auf die Sektionen. Es war dies ein Milieu von Menschen, die die Welt verändern und sozialere Verhältnisse herbeiführen wollten. Diese Leute engagierten sich keineswegs nur in der Internationale, sondern auch (vorher, nachher, gleichzeitig) in ganz unterschiedlichen Vereinigungen und Zirkeln, betrieben jede Menge unterschiedlicher Themen von der Einführung einer universalen Sprache bis zum Spiritismus, von freier Liebe bis alternativer Geldpolitik. Und sie trugen diese Ideen auch in die Internationale hinein – Victoria Woodhull ist dafür ein gutes Beispiel.
Was diese Aktivistinnen und Aktivisten antrieb war nicht ihr „Klasseninteresse“, sondern so etwas wie „Spirit“, eine Geisteshaltung, eine Vision. Allerdings verwendeten die Protagonisten der Internationale (und an dem Punkt zogen Marx und Bakunin, die angeblichen Kontrahenten, völlig an einem Strang) viel Kraft darauf, diese Kräfte und Personen auszuschließen und sich von ihnen abzugrenzen, oder zumindest deren Einfluss kleinzuhalten. Das führte dazu, dass die Internationale sich kaum mit anderen zeitgenössischen Protest- und Reformbewegungen verbündete.
Mehrfach wurde während der Konferenz angemerkt, dass die heutigen Verhältnisse der Zeit der Internationale eigentlich näher sind als die vor fünfzig Jahren (als es zum 100. Jubiläum schon einmal eine große Konferenz gab). Während 1964 noch die beiden Blöcke Ost und West einander gegenüberstanden und im Westen Gewerkschaften und Arbeiterparteien großen Einfluss hatten, sind heute die Arbeitsverhältnisse wieder viel fließender und ungewisser. Kommunistische Parteien gibt es praktisch nicht mehr, die sozialdemokratischen verlieren kontinuierlich an Stimmen, die Gewerkschaften an Mitgliedern. Von den weltweit knapp drei Milliarden Menschen, die sich auf dem Arbeitsmarkt bewegen, sind nur sieben Prozent (200 Millionen) gewerkschaftlich organisiert, und von denen wiederum zahlen nur zwei Drittel Mitgliedsbeiträge, wie Marcel van der Linden in seinem Vortrag deutlich machte.
Für die emanzipatorischen gesellschaftlichen Errungenschaften in Europa und USA, so ein Referent, seien aber ohnehin Liberalismus und Radikalismus wichtiger gewesen als der Sozialismus, beziehungsweise Gewerkschaften oder Arbeiterparteien. Es gibt also vielleicht trotz des Niedergangs der klassischen Arbeiterbewegung noch Hoffnung.
Dabei wäre aus der Internationale zu lernen, dass man bestimmte Fehler nicht wiederholen sollte. Eine soziale Bewegung, die die widerstreitenden Interessenslagen der Ausgebeuteten ignoriert (durch die Proklamation eines fernen gemeinsamen Zieles), ist meiner Ansicht nach nicht in der Lage, langfristige gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, sondern sie dient letztlich nur dazu, einer bestimmten Gruppe der Ausgebeuteten gewisse Privilegien innerhalb des Systems zu verschaffen.
Wer eine internationale revolutionäre Bewegung will (und eine solche bräuchten wir eigentlich dringend wieder, da sich das Problem des Nationalismus und Populismus auch im Milieu benachteiligter und armer Menschen immer stärker stellt) müsste sich eingestehen, dass es unter den „Ausgebeuteten“ unterschiedliche Auffassungen und Interessenslagen gibt, die nicht nur verschiedene Facetten von etwas sind, das als „internationale Solidarität“ eingeklagt werden kann, sondern die tatsächlich unvereinbar sind. Jedenfalls im Hier und Jetzt, das unser Handeln verlangt.
Die Frage ist also: Wie ist internationale Solidarität unter Gruppen und Menschen mit unterschiedlichen Interessen möglich? Wie ließe sich das befördern oder organisieren?
Der erste Schritt müsste dabei meiner Ansicht nach sein, klarzumachen, dass es bei Politik NICHT in erster Linie darum geht, die eigenen Interessen zu vertreten. Nicht ein (notwendigerweise auf Ausschlüssen beruhendes) proletarisches „Klassenbewusstsein“ ist für internationale Solidarität erforderlich, sondern vielmehr tatsächlich so etwas „kleinbürgerliches“ wie Spirit, Utopie und Vision.
Die komplexen Ansichten und Bedürfnisse des wirklich gesamten „Proletariats“ können halt schlicht und ergreifend nicht in einer allgemeinen Theorie sortiert, kategorisiert und hierarchisiert werden. Sie müssen miteinander leben, so wie auch Feministinnen mit ganz unterschiedlichen und teilweise widerstreitenden Ansichten und Interessen miteinander leben (und es trotzdem so etwas wie „Feminismus“ gibt, als gemeinsamen Referenzpunkt, aber ohne einheitliche Forderungen und Pläne).
Ich vermute übrigens auch, dass die tief eingewurzelte Denkfolie, die Arbeiterbewegung sei eine einheitliche Truppe mit gemeinsamen Interessen und Forderungen (oder müsse das zumindest sein) der Grund dafür ist, warum der Feminismus in der politischen Theorie wie in der öffentlichen Debatte so wenig verstanden wird, teilweise sogar von Feministinnen selbst. Wir haben als Musterbeispiel für eine politische Bewegung immer so was wie die Internationale im Kopf.
Was also stattdessen?
Eine Strategie könnte vielleicht das sein, was ich in meinem Konferenzbeitrag als „Politik verkörpern“ beschrieben habe. Eine Strategie, die ich bei den von mir untersuchten feministischen Sozialistinnen, die sich in der Internationale engagiert haben, identifiziert habe: Nicht theoretische Standpunkte auszuarbeiten, sondern mit den anderen reden, vertrauensvolle Beziehungen aufbauen, Konflikte offen austragen, und aushalten, dass man auch mal nicht einig ist. Also einfach: Hingehen und mit den anderen reden, ohne die Absicht, am Ende ein gemeinsames Papier verfasst zu haben. Erstmal verstehen, was der_die andere überhaupt für ein Problem hat, erstmal fragen statt gleich Antworten parat zu haben.
Ein Referent sagte dazu, soziale Bewegungen bräuchten vor allem „optimism about the human race“. Ja, so ist das wohl.
(Diese These ist dazu da, weitergedacht und diskutiert zu werden)


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