Vor zwei Wochen hat die Heinrich Böll Stiftung zwei neue Projekte online gestellt (PS: Update – Ich erfahre gerade, dass es gar kein Projekt der Böllstiftung ist, sondern ein ehrenamtliches Projekt, das das Gunda-Werner-Institut in der Böllstiftung lediglich „beherbergt“ und unterstützt), und zwar:
Eine Broschüre „Gender raus“ und ein Lexikon über Antifeministin namens „Agentin“, die sich kritisch mit antifeministischen Argmenten, Strömungen, Organisationen und Personen beschäftigen. Seither ist eine halbwegs aufgeregte Debatte darüber in Gange, ob man das (so) machen darf, und einige haben mich gefragt, was ich davon halte, und warum ich mich dazu nicht äußere.
Grund ist: Ich habe mir die Seiten bisher nicht angeschaut, weil mich das Thema nicht interessiert. Nicht jede Feministin muss sich ja mit allem beschäftigen. Und ich interssiere mich nicht für Antifeminismus. Was natürlich nicht bedeutet, dass das Thema nicht wichtig ist. Es gibt einen organisierten, mit Rechtspopulismus verbandelten Antifeminismus, es gibt gezielte Angriffe und Diffamierungen gegen Gender Studies, es gibt einen fließenden Übergang zwischen frauenfeindlichen Extremisten und einem saturierten männlichen selbstbezogenen Feuilleton-Mainstream und so weiter. Und deshalb ist es vermutlich nicht verkehrt, dass sich jemand mit dem Phänomen beschäftigt. Aber nicht wir alle müssen das tun. Antifeminismus ist lästig und gefährlich, aber kein originäres Thema des Feminismus. Jedenfalls nicht originärer ein feministisches Thema als Straßenbau oder Lateinunterricht an Grundschulen. (Will heißen: ALLES ist natürlich ein feministisches Thema).
Kritisiert wird an den Projekten offenbar vor allem, dass auf dem Wiki Personen namentlich aufgeführt werden. Ich halte das nicht für prinzipiell problematisch und mein Mitleid mit den als antifeministisch „Geouteten“ hält sich in Grenzen. Aber ich weiß tatsächlich nicht, ob es schlau ist, so vorzugehen. Ich selbst mache es anders. Zum Beispiel beziehe ich mich in meinen Blogtexten so gut wie nie namentlich auf Menschen, die ich kritisiere, es sei denn, ich möchte diese Personen wertschätzen und andere dazu bringen, sich mit ihnen zu beschäftigen.
Wenn ich aber dezidiert antifeministische Texte kritisiere, beziehe ich mich nur auf die darin angeführten Argumente, nicht auf die Person. Im Internet heißt diese Praxis „Nonmention“, und ich finde sie sehr bewährt gerade in der Auseinandersetzung mit Antifeminismus. Denn ich will das Argument widerlegen, nicht den Autor adressieren, oder die Autorin. Mein Publikum sind die anderen Menschen, die den betreffenden Text lesen, darüber nachdenken, davon hören. Für sie will ich andere Perspektiven und Zusammenhänge anbieten. Und anderen, die mit solchen Menschen diskutieren, zum Beispiel auf der Arbeit und so weiter, argumentativ unterstützen. Aber mit dem Autor oder der Autorin will ich ja gerade gar nichts zu tun haben. Ich verweigere zu ihnen die Beziehung, auch die negative.
Zwei weitere Aspekte in Bezug auf Antifeminismus und wie wir am besten damit umgehen, würde ich gerne noch ins Gespräch bringen:
Erstens: Zu viel Aufmerksamkeit für Antifeminismus birgt die Gefahr, die eigenen Anliegen aus den Augen zu verlieren.
Das Dilemma ist für die Frauenbewegung nämich gar nicht neu. Ich habe mich ja intensiv mit Feminismus im 19. Jahrhundert beschäftigt, und da war es so, dass aus einem frühsozialistischen Feminismus, der spannende Gesellschaftsutopien diskutiert und ausprobiert hat, durch die Notwendigkeit, Antifeministen zu bekämpfen, eine etwas lame Frauenrechtsbewegung wurde, die hauptsächlich darauf fokussierte, dasselbe zu dürfen wie die Männer. Ich will die Protagonistinnen dafür nicht kritisieren, der antifeministische Backlash in der Mitte des 19. Jahrhunderts war real und noch um einiges krasser als das, was wir heute erleben. Aber die daraus resultierende Schwächung der Frauenbewegung ist eben eine Tatsache. Sich mit Antifeminismus zu beschäftigen bedeutet, sich eine Agenda aufdrücken zu lassen, die gar nicht die eigene ist.
Zweitens: Auch an vermeintlich antifeministischen Argumenten und Perspektiven kann was dran sein.
Die Älteren unter euch erinnern sich vielleicht noch an Katharina Rutschky, die in den 1990er Jahren eine Debatte über den „Missbrauch mit dem Missbrauch“ anstieß und bestimmte Aspekte des Umgangs von Feministinnen mit dem Thema kritisierte. Daraufhin erhielt sie das Etikett „Antifeministin“ (und, man muss zugeben: Sie benahm sich dann auch so). Sie schrieb dann in der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens (selbst)ironische Kolumnen unter der Überschrift „antifeministische Briefe aus Berlin“. Vieles an ihrer damaligen Auseinandersetzung mit einem Feminismus à la Emma und Alice Schwarzer wird heute von anderen Feministinnen ähnlich gesehen. Aber damals wurde sie im deutschen Feminismus zur unerwünschten Person erklärt. Katharina Rutschky war ganz sicher keine Antifeministin, sondern eine engagierte Autorin, der die Freiheit der Frauen am Herzen lag. Was natürlich nicht heißt, dass alles richtig war, was sie sagte, aber es wäre definitiv bedenkenswert gewesen. Das Etikett „Antifeministin“, auf Frauen angewandt, birgt immer, schon rein logisch, die Gefahr, unkonventionelle und originelle Denkerinnen auszuschließen und einen innerfeministischen Konformismus zu befördern. Und Konformismus ist das schlimmste Gift für die Freiheit der Frauen. Ein viel schlimmeres Gift als es jeder Antifeminismus sein könnte.
Soweit also meine 50 Cent zu dem allen.

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