Als vor einem Jahr die ersten Berichte über ein neues Virus bekannt wurden, war ich früher als andere in Alarmstimmung. Spätestens seit dem Ausbruch bei einer Karnevalsfeier in Gangelt war ich zudem auf der eher skeptischen Seite, was die Schwere des Verlaufs der Pandemie in Deutschland angeht. Aber dass wir ein Jahr später nur hierzulande 50.000 Tote zu beklagen haben würden, damit hätte ich nicht gerechnet.
Wie vermutlich die meisten habe auch ich damals vielmehr aufgeatmet, als klar wurde, dass Corona im Fall einer Infektion sehr viel weniger tödlich ist als Mers (mit einer Sterblichkeitsrate von um die 25 bis 50 Prozent) oder gar Ebola (50 bis 90 Prozent). Corona hingegen hat eine Sterblichkeitsrate von grade mal rund 0,5 Prozent, also insgesamt nicht so furchterregend, oder?
Ich dachte das damals: „Corona ist viel weniger tödlich als andere Viren, da haben wir nochmal Glück gehabt.“ Inzwischen ist mir aber klar geworden, dass genau das das Problem an Corona ist. Gerade wegen seiner geringen Letalitätsrate ist die statistische Wahrscheinlichkeit für jede einzelne Person, an einer Coronainfektion zu sterben – größer als bei Mers oder Ebola. Und zwar deshalb, weil die geringe Sterblichkeit zumindest in Kulturen wie der europäischen höchstwahrscheinlich dazu führt, dass keine effektiven Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus ergriffen werden. Deshalb breitet es sich unkontrolliert aus und die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, wird immer größer. So groß, bis dieser Faktor die geringeren statistischen Todesraten locker ausgleicht. Denn, und das ist der Witz: Ohne Grundimmunität und Impfung stecken sich irgendwann alle an – und 0,4 Prozent von allen sind halt sehr sehr viele Tote.
Natürlich wäre es prinzipiell möglich gewesen, die Ausbreitung von Corona zu verhindern, das sehen wir daran, dass es anderen Weltregionen, nämlich Ostasien, gelungen ist. Theoretisch und prinzipiell wäre das auch immer noch möglich, weshalb ich auch die Strategie Zero Covid unterstütze. Aber in Europa sind die erforderlichen Maßnahmen offenbar im Fall von Corona nicht durchsetzbar. Ich wette, im Fall von Ebola wären sie es gewesen.
Der Unterschied liegt nicht in den notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen, sondern in der Motivation. Bei Corona gibt es, eben wegen seiner vergleichsweise geringen Letalität im Infektionsfall, eine Lücke zwischen dem gesellschaftlichen und dem individuellen Risiko: Die sozialen und gesellschaftlichen Folgen einer Epidemie sind zwar enorm, wie wir inzwischen wohl gemerkt haben, aber die individuellen Risiken einer Infektion sind eben überschaubar. Bei einem Ebola-artigen Virus mit hohen Todeszahlen hingegen wäre das anders. Dort fallen gesellschaftliches und individuelles Interesse ineinander: Ich will mich nicht anstecken, weil ich dann mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sterbe.
Das gilt auch für kleinere Einheiten wie zum Beispiel Büros. Bei einem Virus wie Corona haben Chefs ein persönliches Interesse, ihre 100 Mitarbeiter:innen ins Büro zu holen. Denn selbst wenn dort Corona zirkuliert und sich die Hälfte der Leute ansteckt, stirbt statistisch nur einer oder zwei. Ein Risiko, das viele bereit sind, einzugehen. Würde es sich hingegen um Ebola handeln, müsste der Arbeitgeber damit rechnen, dass im Fall eines Ausbruchs die Hälfte der Belegschaft hinterher tot wäre – dieses Risiko wird er nicht eingehen, nicht nur aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus reinem betrieblichem Eigeninteresse. Wäre Corona Ebola, wären längst alle im Homeoffice, die das nur irgend könnten.
Dasselbe gilt für alle anderen gesellschaftlichen Bereiche auch, vom Schulunterricht bis zu Geburtstagsfeiern, von Gottesdiensten bis Fußballspielen. Eine Gesellschaft, in der die Einzelnen gewohnt sind, ihre persönlichen Entscheidungen ausschließlich von ihrem Eigeninteresse abhängig zu machen, ist strukturell nicht in der Lage, einem Virus wie Corona etwas entgegenzusetzen. Es sei denn, mit autoritären Anordnungen von oben, aber diese Möglichkeit ist in formal-demokratischen Systemen, wie wir im vergangenen Jahr gesehen haben, ebenfalls begrenzt.
Das Problem dabei sind nicht die Querschwurbler:innen und Rechtsradikalen, die meinen, es sei okay, die Schwächeren zu opfern, oder die schlichtweg nicht einsehen wollen, dass die Situation schlimm ist und Corona existiert. Dies sind nur die extremen Auswirkungen. Das Phänomen betrifft in gewisser Weise uns alle. Es ist eine logische Folge einer Kultur, die stark geprägt ist von der Idee, es würde unterm Stich der Allgemeinheit dienen, wenn die Einzelnen jeweils ihre egoistischen Ziele verfolgen. Also die „unsichtbare Hand des Marktes“, oder auch jenes Vulgärverständnis von Demokratie, das diese als abgefragten Durchschnitt egoistischer Partikularinteressen versteht.
In Europa herrscht eine Art Common Sense darüber, dass es falsch ist, moralische Ansprüche an Menschen (also zum Beispiel auch sich selbst) zu stellen, dass es in ethischer Hinsicht völlig okay ist, egoistisch zu handeln, solange man nichts Illegales tut. Aus diesem illusionären Traum wurden wir nun von Corona unsanft geweckt. Corona hat uns gezeigt, dass unsere Kultur, in der es als moralisch legitim gilt, in erster Linie die eigenen Interessen zu verfolgen, solange es im Rahmen einer formal-demokratischen Rechtsstaatlichkeit geschieht, nicht in der Lage ist, externe Herausforderungen zu bewältigen.
Ich bin ehrlich gespannt (wenn auch ein bisschen ängstlich), wie es nun weitergeht.

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