Revolutionärer Feminismus, Luise Büchner und wie ich überhaupt Feministin wurde

Jutta Schütz hat mich in ihrer Sendung „Mathilde on Air“ auf Radio Darmstadt am 19.11.2025 interviewt. Hier ist das Transkript, als Audio hören könnt Ihr den Mitschnitt in meinem Podcast.


JUTTA SCHÜTZ:

Die in Darmstadt ansässige Luise Büchner-Gesellschaft pflegt das Erbe von Luise Büchner, einer jüngeren Schwester von Georg Büchner, die eine bedeutende Publizistin und Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts war. Seit 2012 verleiht sie den Luise Büchner-Preis für Publizistik, mit dem Autorinnen ausgezeichnet werden, die sich in ihren Publikationen für eine geschlechtergerechte Gesellschaft einsetzen. Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert, gestiftet vom Lions Club Luise Büchner Darmstadt. In diesem Jahr 2025 bekommt ihn Antje Schrupp. Hallo Antje, du bist jetzt mit mir am Telefon verbunden.

ANTJE SCHRUPP:

Hallo.

JUTTA SCHÜTZ:

Bist du mit Luise Büchner vertraut?

ANTJE SCHRUPP:

Durch die Luise Büchner-Gesellschaft habe ich gelernt, dass es eine interessante Schwester von Georg Büchner gibt. Das 19. Jahrhundert interessiert mich, ich habe mich da etwas angelesen. Ich war schon oft in Darmstadt für die Luise Büchner-Gesellschaft eingeladen, um meine Bücher vorzustellen.

JUTTA SCHÜTZ:

Was ist für dich das Besondere an Luise Büchner?

ANTJE SCHRUPP:

Luise Büchner war eine reformorientierte Frauenrechtlerin, keine Revolutionärin. Sie wollte nicht die ganze Gesellschaft umwälzen und auch nicht das Geschlechterverhältnis radikal verändern. Innerhalb der bestehenden Rahmenbedingungen forderte sie Frauen auf, sich mehr zu engagieren und mehr politisches Interesse zu entwickeln. Eine Besonderheit ist, dass sie die Frauen vor allem aufruft, sich aktiv einzumischen. Das hat sie mit den revolutionärer ausgerichteten Feministinnen gemeinsam. Ich finde es interessant, wenn Frauen in derselben Zeit und mit denselben Problemen konfrontiert unterschiedliche Ideen entwickeln. Luise Büchner ist etwas anders unterwegs als die Frauen, mit denen ich mich sonst beschäftigt habe.

JUTTA SCHÜTZ:

Darüber werden wir noch sprechen. Ich zitiere aus der Begründung der Jury: Die Luise Büchner-Gesellschaft zeichnet mit dem Luise Büchner-Preis 2025 eine engagierte Publizistin aus, die sich für das Begehren der Frauen einsetzt, historische Bezüge erläutert und zu aktuellen Themen klar Stellung bezieht. Antje Schrupp nimmt auf der Basis der Liebe der Frauen zur Freiheit und zur Welt teil am öffentlichen Diskurs, ist produktiv mit Podcast, Blog und Postings, wissenschaftlichen Artikeln und Buchveröffentlichungen. Was genau ist mit Begehren der Frauen gemeint?

ANTJE SCHRUPP:

Die Frauenbewegung, wie sie öffentlich dargestellt wird, ist stark auf die Gleichstellung von Frauen und Männern bezogen: die Forderung, dass Frauen gleiche Rechte haben sollen wie Männer, gleiche Repräsentanz, Quotenregelungen und dergleichen. So wichtig das alles ist, lege ich den Schwerpunkt lieber auf das, was Frauen wollen – was aus den Frauen selbst herauskommt an Wünschen für eine gute Welt. Der Unterschied ist, dass der Maßstab für Feminismus dann nicht das ist, was die Männer schon haben und die Frauen auch kriegen sollen, sondern offener: Wie wünschen Frauen, dass die Welt ist, unabhängig davon, wie die Männer sich schon eingerichtet haben? Das Begehren ist etwas Individuelles. Was treibt einzelne Frauen an? Was sind ihre Wünsche, ihre Begabungen? Wo schlägt ihr Herz? Wo ist bei ihnen Strom drauf? Ich mag es nicht, wenn Frauen als vereinheitlichte soziale Gruppe betrachtet werden, die alle dasselbe wollen. Das passiert zwangsläufig, wenn man sie mit den Männern vergleicht. Dann sieht man die Frauen als Gruppe. Mich interessiert die einzelne Frau mit ihren Projekten und Wünschen, mit ihrem persönlichen Begehren.

JUTTA SCHÜTZ:

Antje Schrupp, du stammst aus Weilburg an der Lahn, hast evangelische Theologie, Politologie und Philosophie in Frankfurt studiert. 1999 hast du promoviert mit einer Studie über die politischen Ideen von Frauen in der Ersten Internationale. Zum Feminismus hast du nach dem, was man über dich lesen kann, über die italienische Philosophinnengruppe „Diotima“ gefunden. Was verbindet dich mit dieser Diotima und ihrer Weisheit?

ANTJE SCHRUPP:

Diotima ist die Lehrerin von Sokrates. Bei Platon wird sie als Philosophin vorgestellt, die die Lehrerin der männlichen Philosophen ist. Der italienische Feminismus ist für mich interessant, weil er davon ausgeht, dass die Frauen etwas einzubringen haben in die Welt und dass der Welt etwas fehlt, wenn Frauen dort nicht mit ihren Ideen, Wünschen und Vorstellungen präsent sind. Umgekehrt gedacht: Nicht den Frauen fehlt etwas, weil sie nicht gleichberechtigt sind, sondern der Welt fehlt etwas, wenn Frauen sich nicht einbringen. Das verbindet mich mit den Italienerinnen auch biografisch. Erst nachdem ich diese Art von Feminismus kennengelernt habe, der nicht ein Feminismus der Forderungen und der Gleichstellung ist, sondern ein Feminismus des weiblichen Begehrens, war ich so elektrisiert, dass ich mich als Feministin verstanden habe. Dafür will ich eintreten. Ich will mich mit meinen Ideen ausleben und mich nicht darauf beschränken, Forderungen zu stellen, damit ich genauso werden darf wie die Männer schon sind. Das fand ich nie attraktiv.

JUTTA SCHÜTZ:

Parallel zu deinen wissenschaftlichen Studien hast du schon in den 1990er-Jahren als freie Journalistin für Presse und Hörfunk und als Redakteurin in der Pressestelle des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt gearbeitet. Du warst Redakteurin der Zeitung \“Frauen unterwegs\“ und Mitbegründerin des Online-Forums \“Beziehungsweise Weiterdenken\“, das immer noch unregelmäßig Beiträge verschiedener Autorinnen publiziert. Welches sind die zentralen Anliegen, die deinen Veröffentlichungen zugrunde liegen?

ANTJE SCHRUPP:

Mein Anliegen ist es in allen Büchern, Kontroversen unter Frauen nachzuzeichnen und darzustellen. Welche unterschiedlichen Ideen haben Frauen von einem Phänomen oder einer Zeit? Was haben sie gemacht? Worüber haben sich Frauen gestritten? Worüber sind sie unterschiedlicher Meinung? Auf diese Weise möchte ich einen weiblichen Ideen-Kosmos eröffnen. Die politische Ideengeschichte lebt von Kontroversen. Wir haben eine ganze Historie von Männern: Platon versus Aristoteles, Kant und Hegel gegen Marx und so weiter. Die Geschichte der politischen Ideen ist eine der Kontroversen unter Männern. Ich wollte nie eine Frauenperspektive gegenüberstellen, sondern daneben stellen: die Kontroversen unter Frauen. Wie hat sich eine weibliche Tradition entwickelt? Was haben sie gefordert? Welche Einwände von anderen Frauen gab es dagegen? Das ist ein wichtiges Thema. Heute wird es im Feminismus unter dem Label der Intersektionalität diskutiert: Frauen mit verschiedenen Privilegien, Positionen und Herkünften haben unterschiedliche Perspektiven und sehen Dinge unterschiedlich. Das stimmt. Aber sie haben auch noch unterschiedliche Ideen, weil sie Individuen sind und originelle Denkerinnen, nicht nur aufgrund ihrer sozialen Position, sondern weil ich ich bin, habe ich vielleicht eine andere Position als andere Frauen. Das nachzuzeichnen macht mir Spaß, finde ich interessant und wichtig für den Diskurs.

JUTTA SCHÜTZ:

Das journalistische Handwerk hast du von 1985 bis 87 mit einem Volontariat beim Evangelischen Pressedienst gelernt. Seit 2000 arbeitest du als Redakteurin der Zeitung \“Evangelisches Frankfurt\“, was seit 2019 \“Evangelisches Frankfurt und Offenbach\“ heißt. Du bist Mitglied der Jury der Evangelischen Filmarbeit und seit 2019 Mitglied im Präsidium der Evangelischen Frauen in Deutschland. Könnten wir dich als evangelische Feministin bezeichnen? Wie wichtig sind Religion und Kirche für dich in deinem Berufsleben?

ANTJE SCHRUPP:

Das ist eine interessante Frage. Ich würde das additiv sehen. Ich bin evangelisch und ich bin Feministin, aber nicht in einem evangelischen Sinn feministisch – eher in einem feministischen Sinn evangelisch. Ich bin eine feministische evangelische Christin, weil der Feminismus das ist, wo meine Loyalität liegt. Feminismus ist das, was ich frei selbst gewählt habe zu werden, nachdem ich den italienischen Feminismus kennengelernt hatte. Evangelisch und christlich bin ich durch Herkunft. Ich bin als Baby getauft worden, das ist eine kulturelle Tradition, in der ich groß geworden bin und die ich für mich akzeptiere. Wahrscheinlich wäre ich eine andere Religion, wenn ich zu einer anderen Zeit woanders geboren worden wäre. Das Evangelisch-Sein habe ich nicht selbst gewählt und sehe es auch nicht emphatisch, aber es ist die religiöse Tradition, die meine ist und die ich mitgestalten möchte und die ich auch gar nicht so schlecht finde, sonst würde ich das nicht machen. Aber es ist nicht das Label, das ich vor mir hertragen würde.

JUTTA SCHÜTZ:

Dein neues Buch, \“Unter allen Umständen frei. Revolutionärer Feminismus bei Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman\“, erschien im August im Ulrike Helmer Verlag. Du hast es bereits in Darmstadt vorgestellt. Mit Victoria Woodhull, die 1872 als erste Präsidentschaftskandidatin in den USA antrat, hattest du dich schon vorher eingehend beschäftigt. Was verbindet die drei Frauen, die du in diesem Buch vorstellst, und was verbindet dich mit ihnen?

ANTJE SCHRUPP:

Was sie miteinander verbindet: In einer Zeit, in der sich die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen immer mehr auf das Wahlrecht fokussierten, traten sie dafür ein, feministische Anliegen breiter zu halten. Antirassistische Arbeit – das war die Zeit kurz nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA – und Kapitalismuskritik beziehungsweise die erbärmlichen Lebensverhältnisse der Arbeiterinnen und Arbeiter im Blick zu behalten. Dazu die Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern, Familiengesetze, Familienstrukturen. Die drei waren revolutionäre Feministinnen insofern, als sie eine große, breite Agenda hatten, bei der das Wahlrecht nur ein Thema von vielen war. Im Widerspruch zu einer bürgerlichen Frauenrechtsbewegung, die sich immer mehr darauf verengte, weil sie Unterstützung im bürgerlichen Milieu suchte und sich deshalb von allem distanzierte, was zu revolutionär klang: freie Liebe, Antikapitalismus, Sozialismus. Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen sagten: Nein, wir bleiben beim Frauenwahlrecht, das ist unsere einzige Forderung. Dagegen wehrten sich die drei, weil sie sagten: Das Frauenwahlrecht alleine bringt nichts, wenn die Gesellschaft ansonsten so ungerecht bleibt, wie sie ist.

JUTTA SCHÜTZ:

Du hast einen Blog, der heißt \“Aus Liebe zur Freiheit\“. Dort schreibst du Texte zu aktuellen Debatten aus feministischer Perspektive. Welche Themen sind für dich zurzeit vordringlich?

ANTJE SCHRUPP:

Im Prinzip genau das, weshalb ich dieses Buch geschrieben habe: Die Demokratie ist unter Druck. Was wir bisher als Demokratie für selbstverständlich hingenommen haben, müssen wir neu durchdenken. Demokratie darf nicht rein auf formalen Regelungen wie Parlamentarismus und Wahlrecht beruhen, sondern wir müssen Demokratie kulturell unterfüttern durch wirkliche Möglichkeiten der Partizipation, wirkliche Verfahren, bei denen die Menschen mitgestalten können. Vor allem dürfen wir Demokratie nicht gegen weibliche Freiheit und Frauenrechte ausspielen, sondern man kriegt das nur zusammen. Deshalb finde ich das erstaunlich aktuell, auch weil Leute wie Donald Trump ganz offen sagen, dass sie gerne in diese Zeit des frühen Kapitalismus, in die Zeit des Golden Age, wie sie es nennen, zurück wollen und viele Errungenschaften wieder zurückdrehen wollen. Dagegen anzugehen und zu sagen: Wir brauchen ein neues Konzept von Demokratie. Es genügt nicht, den Parlamentarismus zu verteidigen gegen Angriffe von Rechtsextremen, sondern wir müssen das, was wir als Demokratie haben wollen, unterfüttern mit mehr als nur dürren Rechten. Das ist momentan sehr vordringlich.

JUTTA SCHÜTZ:

Kommen wir zur Luise Büchner-Preisverleihung. Dorothee Markert wird deine Laudatorin sein. Ihr seid Weggefährtinnen seit vielen Jahren, habt zum Beispiel zusammengearbeitet bei Übersetzungen von Texten der italienischen Diotima-Philosophinnen. Wie ging der gemeinsame Weg weiter bis heute? Was verbindet euch darüber hinaus?

ANTJE SCHRUPP:

Wir sind mittlerweile befreundet, aber wir sind über all die Jahre, Jahrzehnte muss man schon sagen, immer wieder in gemeinsamen Projekten aktiv gewesen. Dorothee denkt das Denken der Italienerinnen im deutschsprachigen Kontext am originellsten weiter und analysiert wirklich sehr klug. Ich habe sehr viel von ihr gelernt und wir inspirieren uns gegenseitig als originelle Denkerinnen, die nicht zufrieden sind damit – Feminismus hat immer Moden und Hypes und Themen, die dann auf einmal alles sein sollen. Was wir gemeinsam haben, ist, dass wir das nicht für befriedigend halten, sondern gerne wirklich frei denken. Da sind wir nicht nur zu zweit, sondern es gibt ein richtiges Netzwerk von Feministinnen, mit denen wir immer wieder in Kontakt sind auf Tagungen oder gemeinsamen Projekten, mal öffentlich, mal nicht öffentlich. Wir sind schon sehr lange miteinander unterwegs und ich schätze das, was sie macht, sehr.

JUTTA SCHÜTZ:

Dann bin ich sehr gespannt auf die Preisverleihung mit euren Reden. Wir sehen uns am Sonntag, 23. November um 11 Uhr in der Darmstädter Orangerie. Ich freue mich drauf, Antje.

ANTJE SCHRUPP:

Ich freue mich auch und bin schon sehr gespannt, wie das wird.

JUTTA SCHÜTZ:

Wer teilnehmen möchte, sollte sich bei der Luise Büchner-Gesellschaft anmelden. http://www.luise-buechner-gesellschaft.de Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute bis dahin.

ANTJE SCHRUPP:

Danke, dass ich da sein durfte. Bis bald.

JUTTA SCHÜTZ:

Tschüss.

ANTJE SCHRUPP:

Tschüss.

Was meinst du?

Foto: Heike Rost

Antje Schrupp

Ich bin Journalistin und Politikwissenschaftlerin und lebe in Frankfurt am Main. Mein Thema ist besonders weibliche politische Ideengeschichte. Aktuelles Buch: „Unter allen Umständen frei“ über revolutionären Feminismus am Ende des 19. Jahrhunderts – Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman. Am 10. Februar 2025 erscheint „Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern“ (Aufbau Verlag)

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