
Anlässlich der erneut aufgepoppten Gender-Debatten in der Piratenpartei fällt mir auf, dass immer wieder (und nicht nur bei den Piraten) drei Argumente vorgebracht werden, die aus meiner Sicht ein grobes Missverständnis im Hinblick auf den Feminismus zeigen. Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März will ich die Gelegenheit mal nutzen, sie hier aufzuschreiben.
Irrtum 1: Feminismus muss es nur geben, wenn Frauen diskriminiert werden
Mal ganz abgesehen, ob die Beteuerungen, dass bei „bei uns“ Frauen doch total gleich behandelt werden, im konkreten Einzelfall stimmen oder nicht: Der Kampf gegen Diskriminierung ist nicht der Hauptgrund für den Feminismus. Feminismus ist eine politische Praxis, die die Freiheit von Frauen befördern will. Das heißt, es geht darum, wie Frauen mit ihren eigenen, individuellen Wünschen und Ideen die Welt gestalten können. Natürlich richtet sich das in patriarchalen Gesellschaften, die Frauen aufgrund ihres Geschlechtes zu allem möglichen zwingen oder von allem möglichen ausschließen, zunächst einmal darauf, diese Zwänge abzuschaffen. Aber wenn das geschafft ist, wird der Feminismus keineswegs überflüssig. Ich meine sogar, er wird umso wichtiger. Denn gerade wenn Frauen alles mögliche werden und tun können, kommt es ja umso mehr darauf an, nach welchen Maßstäben sie das tun – nach ihren eigenen oder denen, die andere ihnen vorgeben. Auch in emanzipierten Gesellschaften gibt es Konformismus und Erwartungsdruck. Die Abwesenheit von Zwängen bedeutet nicht automatisch Freiheit (auch für Männer übrigens nicht).
Irrtum 2: Feministinnen müssen für alle Frauen sprechen
Ein ebenso oft gehörter Einwand gegen feministische Initiativen lautet: Was du sagst, ist falsch, denn es gibt viele Frauen, die deine Meinung gar nicht teilen. Aber seit wann sprechen Feministinnen für „alle Frauen“? Das haben sie nie getan. Als Feministinnen für das Frauenwahlrecht kämpften, war die Mehrheit der Frauen der Ansicht, dass das nicht gebraucht wird. Ganz abgesehen davon, dass es „die Frauen“ als homogene Gruppe mit einheitlichen Interessen sowieso nicht gibt. „Die Frauen“ gibt es nur, wenn man sie mit „den Männern“ vergleicht. Und genau diesen Maßstab setzt der Feminismus ja außer Kraft. Frauen sind Individuen, sie haben ihre subjektiven Meinungen und Ansichten. Die innovative Kraft des Feminismus liegt und lag schon immer in den Differenzen unter Frauen, darin, dass aus den Diskussionen, die Frauen untereinander führen, Ideen und Impulse entstehen, die nicht nur für sie selbst, sondern für die Gesellschaft insgesamt wichtig sind.
Irrtum 3: Feministinnen müssen Männer zu ihren Gruppen zulassen
Empfindlichkeiten gegen Feministinnen werden immer dann besonders groß, wenn Männer irgendwo nicht dabei sein dürfen. Heute wird ihnen dafür sogar Sexismus vorgeworfen. Aber der Vergleich hinkt: Frauen wurden früher nicht aus irgendwelchen privaten Männergruppen ausgeschlossen, sondern aus Institutionen, die die Belange der Allgemeinheit regelten – Parlamente, Universitäten, Verbände. Das ist Sexismus: Menschen aufgrund ihres Geschlechtes von den Orten auszuschließen, wo über Dinge entschieden wird, die sie selber unmittelbar betreffen. Wenn Frauen sich hingegen in Diskussionsgruppen, Mailinglisten oder sonstwo ohne Männer zusammen finden möchten, um untereinander Dinge zu diskutieren, ist das etwas völlig anderes. Sie nehmen für sich ja nicht in Anspruch, auch über Männer zu entscheiden. Frauen, die auf solche Gruppen keine Lust haben, müssen dabei natürlich nicht mitmachen (siehe Irrtum 2). Und selbstverständlich steht es Männern jederzeit frei, für sich auch solche Räume zu schaffen, wenn sie das wollen. Klar ist es notwendig, dass die in Frauengruppen gewonnenen Erkenntnisse und Ideen auch mit Männern diskutiert werden, aber das ist ja ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Ich persönlich bin sowieso der Meinung, dass Männer zu Frauenveranstaltungen öfter zugelassen werden sollten. Dieser Dialog gelingt – nach meiner Erfahrung – immer dann besonders gut, wenn sich die Männer auch wirklich für das, was Frauen an möglicherweise anderem zu sagen haben, interessieren. Und nicht gleich wieder versuchen, es ihren eigenen Maßstäben oder Kriterien unterzuordnen.


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