
Die Diskussionen um die öffentlichen Darstellungen von Sexualität, um pornografische Ästhetik auf Werbeplakaten und so weiter sind seit langem verkorkst. Radikale PorNo-Kampagnerinnen à la Emma und Protagonistinnen von „Pornos auch für Frauen” stehen sich unversöhnlich gegenüber. Ähnlich verlaufen die Fronten zwischen jenen Feministinnen, die Prostitution verbieten (und Freier bestrafen) wollen, und anderen, die die Arbeitsbedingungen von Prostituierten verbessern wollen. Aus meiner Sicht ist das alles eine typische Pest- oder Cholera-Frage. Alles ist falsch, und alles ist richtig. Eine dieser Pattsituationen, in denen die politische Debatte heutzutage so oft landet.
Die niederländische Musikjournalistin Myrthe Hilkens hat jetzt ein neues Buch zum Thema geschrieben, das die gegenwärtige „Pornofizierung unserer Gesellschaft” kritisch unter die Lupe nimmt und viele interessante Informationen enthält. Auch wenn ich ihre Unterscheidung zwischen „Sex” und „Porno” durchaus problematisch finde (weil die Diffamierung von Sex, den jemand unmoralisch findet, als „Pornografie” eine gängige Floskel dieses Patt-Diskurses ist) finde ich es lesens- und empfehlenswert. Sie hat sicher recht, wenn sie als Hauptursache des Problems die Kommerzialisierung von Sexualität und die daraus resultierende Gleichgültigkeit vieler identifiziert. Mithu M. Sanyal hat ein sehr gutes Vorwort zu dem Buch geschrieben.
Ich denke, eine Auseinandersetzung müsste vor allem damit beginnen, dass wir uns die Wurzeln der Verkorkstheit dieser Diskussion anschauen. Sie liegen aus meiner Sicht darin, dass im Zusammenhang mit der „sexuellen Revolution” der Aspekt der weiblichen Freiheit nicht mitdiskutiert worden ist. Anfangs zwar schon, aber irgendwann gegen Ende der 1980er geriet dieser Aspekt einerseits unter die Räder der unter Kohl eingeleiteten „geistig-moralischen Wende” und fiel andererseits der Dekonstruktion von Weiblichkeit zum Opfer. Die Frage, inwiefern Männlichkeit sich historisch über die Gewalt gegenüber dem Körper anderer definiert hat, die die zweite Frauenbewegung thematisiert hatte, wird inzwischen wieder meistens ausgeblendet (nach dem Motto: Männer müssen sich heute doch auch nackig machen). Auch im aktuellen Debatten-Hype um den Missbrauch in der katholischen Kirche spielte das Thema keine Rolle. Dabei gäbe es so interessante Rückverbindungen wie die, dass im Mittelalter männliche Homosexualität nicht generell als Sünde galt, sondern nur die „passive” Variante: Sünder war ein Mann, der sich penetrieren ließ. Ein Mann, der andere penetrierte, war ganz normal, egal, ob er ihn einer Frau oder einem anderen Mann reinsteckte. (Darüber hat Ruth Mazo Karras ein interessantes Buch geschrieben, das ich seinerzeit für die FR rezensiert habe).
In dieser christlich-westlichen Kultur ist Sex also prinzipiell als eine Sache verstanden worden, die nicht zwischen zweien sich abspielt, die beide begehren und ihr Begehren miteinander verhandeln, sondern Sex findet statt zwischen einem aktiven, begehrenden Part, und einem passiven, penetriert-werdenden Part. Dass sich hier ein Geschlechterdualismus niederschlägt, dass dies ganz zentral etwas mit dem Verhältnis von Frauen und Männern zu tun hat, ist offensichtlich. Und der Dualismus bleibt auch dann bestehen, wenn Frauen in diesem Setting zu „aktiven” und Männer zu „passiven” Beteiligten werden können.
Was die heutige Diskussionsstruktur betrifft, so gab es mit der „sexuellen Revolution” einen nahtlosen Umklapp von den alten patriarchalen Zeiten, in denen Frauen als Huren beschimpft wurden, wenn sie sich schminkten oder die Röcke zu kurz waren, hin zu jenen anderen Zeiten, in denen sie als hässlich und prüde tituliert wurden, wenn sie sich nicht schminken oder die Röcke zu lang sind. Es geht also nicht um Sex als solchen, sondern um die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers (der immer schon auch ein männlicher sein konnte). Beides mal bleibt die Passivität der Frau (oder des Kindes oder des „passiv”-schwulen Mannes), die Abwesenheit ihres eigenen Begehrens, das entscheidende Merkmal.
Das Ende des Patriarchats bedeutet, dass dieser Körper nicht mehr nur dem Ehemann verfügbar ist und daher nach außen verhüllt oder unscheinbar gemacht werden muss, sondern dass er der Allgemeinheit, dem Kommerz ausgeliefert ist – und die Argumentationsfigur der „Freiwilligkeit” ist dafür grundlegend, so ähnlich, wie die „Freiheit” des Konsumenten oder der Konsumentin sich darin erschöpft, zwischen vierzig verschiedenen Joghurtsorten wählen zu können. Wenn aber beide Varianten der sexuellen Verfügbarkeit der Frauen (und anderer „passiver” Sex-Partner) heute nebeneinander existieren, zum Beispiel inszeniert im Rahmen des Migrationsdiskurses (das Kopftuch, die Burka…), hat man, egal wie man diskutiert, immer die falschen Verbündeten.
Deshalb habe ich immer weniger Lust, mich an diesem Diskurs überhaupt noch zu beteiligen. Was soll man schon Vernünftiges sagen in einer Welt, in der auf der einen Seite Facebook Fotos von stillenden Müttern zensiert, weil darauf Brüste zu sehen sind, und man andererseits dauernd von übersexualisierten Frauenkörpern optisch überschwemmt wird? Die Frage, ob ich für oder gegen die öffentliche Sichtbarkeit nackter Frauenbrüste bin, lässt sich nicht beantworten. Ich bin gleichzeitig dafür und dagegen. Ebenso wie ich gleichzeitig für und gegen Prostitution bin, dafür und dagegen, dass Frauen sich verhüllen und ausziehen, für und gegen Pornos und so weiter.
Die Frage, die aus meiner Sicht entscheidend ist, ist die die nach dem Begehren der Frauen selbst. Unabhängig von dieser oder jener Tradition, unabhängig von den Tabus, die sich rund um Sexualität aufgetürmt haben. Es ist freilich nicht leicht, über dieses Thema außerhalb dieser Schemata nachzudenken und zu diskutieren. Die ersten Versuche dazu (mit guten und langjährigen politischen Freundinnen!) gerieten jedenfalls außerordentlich kontrovers. Aber gerade deshalb ist es spannend.
Myrthe Hilkens: McSex. Die Pornofizierung unserer Gesellschaft. Orlanda Frauenverlag, Berlin 2010, 207 Seiten, 18 Euro.

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