Wenn man die Gefühle mal beiseite lässt…

Eher zufällig stolperte ich gerade über diesen Kommentar auf Spiegel-Online über den „Geht-so-Präsidenten“ Christian Wulff. Und ich musste – ehrlich – laut loslachen.

Also, nach der Analyse von Spiegel-Autor Roland Nelles haben folgende Interessensgruppen in der CDU/CSU verhindert, dass Ursula von der Leyen anstelle von Wulff zur Bundespräsidentin nominiert wurde, Zitat:

• Die notorischen Merkel-Hasser, die ihr schon immer eins auswischen wollten
• die Konservativen, die von der Leyen wegen ihrer Familienpolitik nicht mögen und Merkel nur erdulden
• die Katholiken, die sich ohnehin vernachlässigt fühlen
• die Wirtschaftsliberalen, die seit dem Abgang von Roland Koch gänzlich frustriert sind
• Männer, die finden, zwei Frauen an der Spitze des Staates seien mindestens eine zuviel
• CDU-Ministerpräsidenten, die das Gefühl haben, dass es an der Zeit ist, Merkels Macht zu begrenzen

Früher hat man ja den Frauen unterstellt, dass sie immer so von ihren Gefühlen beherrscht wären, dass sie keine ordentliche Politik machen können. Jetzt sind es offenbar die Männer, die höchste politische Ämter nicht nach sachlichen Kriterien besetzen, sondern weil sie anderen „eins auswischen wollen“, sich „vernachlässigt fühlen“, „frustriert sind“, „das Gefühl haben“…

Na gut, ich fürchte, das ist – zumindest bei diesen Männern – tatsächlich so. Aber findet das außer mir denn niemand erstaunlich? Der Spiegel jedenfalls scheint es völlig normal zu finden.

Nach fünf Jahren Merkel als Bundeskanzlerin sollte es sich allerdings langsam herumgesprochen haben, dass sie keine große Anhängerin von Symbolpolitik ist. Und das wäre es schließlich vor allem gewesen, wenn sie von der Leyen als Bundespräsidentin durchgedrückt hätte. ZWEI FRAUEN AN DER SPITZE – sowas hätte Emotionen geweckt, anders als der Geht-so-Wulff. Aber Merkel bleibt eben, wie immer, pragmatisch. Der Preis ist, nüchtern betrachtet, zu hoch. Außerdem braucht sie von der Leyen im Kabinett. And that’s it.

Nur wer in Gefühlen und Symbolen den Hauptzweck von Politik sieht, kann in der Nominierung von Wulff eine Niederlage für Merkel vermuten. In Wirklichkeit ist sie jetzt nach Merz, Oettinger und Koch schon den vierten CDU-Männerbündler vom Andenpakt los – im neuen Amt muss Wulff sich nämlich benehmen. Etwas Besseres kann ihr doch gar nicht passieren.

Also, wenn man die Gefühle jetzt mal beiseite lässt.



Danke für die Spende!

6 Antworten

  1. Nä, wat schön! Mußte ziemlich breit grinsen. So isses.

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  2. […] : Mehr über die Gründe, warum es keine Frau sein durfte, bei Antje Schrupp. Man glaubt es […]

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  3. […] Das war auch so ziemlich mein erster Gedanke, als Christian Wulff als offizieller Kandidat für das Präsidentenamt vorgestellt wurde. Und, daß unsere Bundesangie das mal wieder sagenhaft hingekriegt hat. Würde mich nicht wundern, wenn sie hinter vorgehaltene Hand inzwischen „Schwarze Witwe“ geheißen wird 😉 Eher zufällig stolperte ich gerade über diesen Kommentar auf Spiegel-Online über den „Geht-so-Präsidenten“ Christian Wulff. Und ich musste – ehrlich – laut loslachen. Also, nach der Analyse von Spiegel-Autor Roland Nelles haben folgende Interessensgruppen in der CDU/CSU verhindert, dass Ursula von der Leyen anstelle von Wulff zur Bundespräsidentin nominiert wurde, Zitat: • Die notorischen Merkel-Hasser, die ihr schon immer eins auswischen wollten … Read More […]

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  4. Der Analyse über die entscheidung stimme ich zu, die entscheidung beruht auf den bekannte Hadlungsvorgaben des N. Macciavelli in- Der Fürst-
    Was Gefühle und Politik anblangt so denke ich, dass wenn es einen Weltgeist gibt, dieser getragen wird von einer und neuronal verbindenden Weltemotionalität. Der Mensch, die Völker, Glauben an eine Gotteskraft an eine Sinnhaftigkeit des Lebens, an die nicht diskreminierte Liebe dieser Schöpfungkraft sie sind bestimmt von der ‚Emontionlität, beginnend vom Glauben an Gott über die Sexualtität bis hin in die Politik.
    Die Patriarchen —auch die Frauen, die in sich das Ur-männliche Element loslassen oder in denen es ich von Natur spiegelt—–, der Welt haben das immer schon erkannt und zu ihrem Vorteil mißbraucht, weil sie Glaube.Liebe,Emotiomionalität hassen, weil sie die Menschen hassen und verachten, weil sie alles verachten was nicht so aggressiv angreifend und gewissenlos ist wie sie, beginnend bei dem— weiblichen,passiv.öffnenden– Element der Schöpfung, dem sie nie Gleichwertigkeit zugestehen, was aber ncihts mit der angeblichen Gleicheit von allem und jeden verwechselt werden darf.

    Es wird ihnen aber nicht gelingen, die Liebe, die Emotionlität den Glauben und dass Leben zu vernichten.

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  5. […] wird nicht Ursula von der Leyen, sondern Christian Wulff. Dass dahinter erstaunlich viele Emotionen auf Seiten der männlichen Politiker stehen, beobachtete Antje […]

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  6. „Jetzt sind es offenbar die Männer, die höchste politische Ämter nicht nach sachlichen Kriterien besetzen, sondern weil sie anderen „eins auswischen wollen“, sich „vernachlässigt fühlen“, „frustriert sind“, „das Gefühl haben“…“

    Wieso „jetzt“?
    Männer sind total emotional, und ich kann mich an kaum eine knifflige politische Situation erinnern, in der es nicht um die Emotionen von Männern gegangen wäre. Je CDU, desto Gefühl 🙂 Und viiiiiiiieeeeel Pathos!

    Nö, ich finde das jedenfalls nicht erstaunlich. Aber „normal“ wäre was anderes.

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Foto: Heike Rost

Antje Schrupp

Ich bin Journalistin und Politikwissenschaftlerin und lebe in Frankfurt am Main. Mein Thema ist besonders weibliche politische Ideengeschichte. Aktuelles Buch: „Unter allen Umständen frei“ über revolutionären Feminismus am Ende des 19. Jahrhunderts – Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman. Am 10. Februar 2025 erscheint „Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern“ (Aufbau Verlag)

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