
Kürzlich saßen wir tratschend und klatschend beisammen und erzählten so: Die hat sich von dem getrennt, nachdem sie Dinge in seinem Tagebuch gelesen hatte.
Daraufhin die spannende Frage nach der Schuld.
„Selbst schuld. Er hätte sein Tagebuch halt nicht herumliegen lassen sollen.“
„Was sie gemacht hat, war unmoralisch. Sie hätte nicht in seinem Tagebuch lesen dürfen.“
Wer ist schuld? Diejenigen, die ihre Daten nicht genug schützen? Oder diejenigen, die die Daten anderer ohne Erlaubnis verwenden? (Die sehr interessante Variante, wonach er sein Tagebuch absichtlich hat herumliegen lassen, damit sie es findet, weil er zu feige war, die Beziehung selbst zu beenden, lassen wir hier mal außen vor).
Ich selbst bin in dieser Frage parteiisch, weil ich auch einmal von einer großen Liebe verlassen wurde, nachdem er in meinem Tagebuch gelesen hatte. Damals war ich zwanzig und sehr wütend.
Und zwar war ich nicht wütend, weil er mein Tagebuch gelesen hatte, sondern weil er die völlig falschen Schlüsse daraus gezogen hat. Das Händchenhalten mit jemand anders war nicht so gemeint gewesen, wie es bei ihm ankam, es hatte nicht dieselbe Bedeutung wie in seiner Interpretation. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Aber ein Gespräch war nicht möglich, weil seiner Meinung nach „die Fakten für sich sprachen.“
Fakten aber sprechen nicht für sich. Sie müssen immer interpretiert und in einen Kontext gestellt werden.
Das ist bei Daten im Internet genauso wie mit Daten in einem Tagebuch. Nur dass das ganze Problem mit dem Internet sehr viel komplexer geworden ist, weil es viel mehr Daten gibt, die herumzirkulieren und viel mehr Leute, die darauf Zugriff haben, und weil es viel komplizierter ist, die eigenen Daten zu beschützen.
Mit dem Verschlüsseln von Daten hatte ich allerdings auch vorher schon Probleme. Mein erstes Tagebuch bekam ich zu Weihnachten 1975, da war ich elf. Im Sommer 1977 verlor ich den Schlüssel. Im Dezember habe ich das Tagebuch dann aufgebrochen. Ich wollte weiter reinschreiben. Mir war damals schon klar, dass meine Mutter jetzt darin herumlesen könnte. Ich entschloss mich, es darauf ankommen zu lassen.
Bis heute habe ich eine Aversion gegen das Verschlüsseln, zumindest wenn ich selbst mich darum kümmern soll. Es ist mir zu umständlich. Ich bin dafür auch sowieso zu schusselig. Bis heute bin ich der Meinung, schuld sind nicht die, die Daten nicht verschlüsseln, sondern diejenigen, die Daten von anderen missbrauchen. Und dieser Missbrauch besteht nicht darin, Daten überhaupt in Erfahrung zu bringen, sondern darin, sie entgegen der Intention ihrer Urheberin zu verwenden. So wie dieser Mann, der seine falschen Schlüsse aus dem Fakt des Händchenhaltens zog.
Wahrscheinlich ist das einfach auch meine Erziehung. Von meiner Mutter gab es eine strikte moralische Vorgabe, die darin bestand, dass die größte Sünde ist, zu lügen. Oder anders: Man muss zu den Dingen stehen, die man tut, man muss sie durchkämpfen. Nicht verheimlichen.
Viele sagen mir, das sei naiv, möglicherweise ist es das. Der Punkt ist halt, dass ich nicht anders kann. Das hat mir schon vielerlei Nachteile verschafft. Ich habe mal eine Redakteurinnenstelle bei einer kirchlichen Zeitung nicht bekommen, weil bekannt wurde, dass ich und mein Ex (ein anderer) unsere Ehe mit einer großen Scheidungsparty beendeten (das war in den 1980er Jahren, da war man auch bei der evangelischen Kirche noch pingelig mit solchen Dingen).
Auch das ist ein Missbrauch von Daten gewesen. Klar kann man sagen, es war naiv von mir, das offen herumzuerzählen. Schuld sind aber dennoch die, die glauben, das Feiern einer Scheidungsparty mindere die Arbeitsqualität einer Journalistin.
Ich will daraus gar keine prinzipielle Sache machen. Die Leute sind verschieden, ich bin eben so. Es ist keine Frage von Entweder-Oder: Datenschutz versus verantwortlicher (und das bedeutet: nicht gegen die Intention der Urheber_innen gerichteter) Umgang mit Daten. Es ist gut, dass es Datenschutz gibt und Leute, die sich darum kümmern. Aber ich denke, wir müssen – gerade, aber nicht nur im Internet – an beiden Seiten aufmerksam sein und ein Bewusstsein schaffen.
Mich stört also nicht der Datenschutz als solcher, sondern dass so getan wird, also wäre an diesem Ende das ganze Problem zu lösen. Mich stört, dass immer nur über den Datenschutz geredet wird und über die andere Seite nicht. Mir erscheint das wie eine Kapitulation vor der bösen Welt. Vielleicht ist die Chance dafür, eine Kultur der Transparenz und des verantwortlichen Umgangs mit Daten, die nicht für mich bestimmt sind, einzuführen, gleich Null. Ich will sie trotzdem haben.
Das Thema ist mir auch deshalb so wichtig, weil der Kampf für Datensicherheit ja immer schwieriger und aussichtsloser erscheint. Er frisst so viel Energie. Und dann passieren doch immer wieder „Unfälle“. Und es verarmt unsere Kultur. Zum Beispiel auf Facebook: Aus Angst vor der missbräuchlichen Verwendung ihrer Daten schreiben viele Leute nur völlig belangloses und harmloses Zeug. Sie pflegen ihr Profil wie eine Pressestelle. Das wäre so ähnlich, wie wenn ich in mein Tagebuch nur noch reinschreibe, was alle Welt lesen darf. Es wäre dann kein Tagebuch mehr.
„Bei unserem Wochenend-Streit hat T. in meinem Tagebuch gelesen, ohne dass ich es ihm gegeben habe. Das macht mir nichts aus, ich hoffe bloß, dass ich damit jetzt nicht irgendeine Selbstzensur anfange, aber ich glaube, seitdem M. es gelesen hat, rechne ich ohnehin immer damit. Sei’s drum.“ Das schrieb ich im Mai 1988.
Und so halte ich es im Prinzip auch heute noch, Internet hin oder her. Mein Bemühen geht nicht dahin, meine Daten zu schützen, sondern eher dahin, mich von der Gefahr ihrer missbräuchlichen Verwendung nicht verängstigen zu lassen. Wobei man natürlich sagen muss, dass ich dafür eine recht komfortable Ausgangsposition habe: Ich bin alt genug, um schon manches erlebt zu haben, ich kenne mich beruflich mit den Mechanismen von PR aus, ich bin wirtschaftlich recht gut abgesichert. Aber umso mehr: Wer, wenn nicht Leute wie ich, sollen denn dieses Risiko eingehen? Sollen wir es den Jugendlichen überlassen, die Risiken und Nebenwirkungen auszutesten? I don’t think so.
Das Neue am Internet ist, dass die Zielgruppe einer Information nicht mehr am Medium zu erkennen ist. Das ist ein Fakt. Früher oder später steht alles im Internet, davon bin ich überzeugt. Es gibt ja zum Beispiel sehr gute Gründe dafür, auch ein ganz persönliches Tagebuch, das nur für eine selbst bestimmt ist, ins Internet zu stellen – das weiß ich, seit mir einmal ein fast vollgeschriebenes Tagebuch in Barcelona aus dem Auto geklaut wurde. Ein Verlust, den ich heute noch fast mehr betrauere als den jener großen Liebe.
Und deshalb werde ich für eine Kultur werben, in der man Tagebücher herumliegen lassen darf, ohne dass einer daraus ein Strick gedreht wird. Ich schreibe gerne so banale Dinge ins Internet wie dass ich mir in Oslo Gummistiefel gekauft habe oder was es heute bei mir zu essen gab. Macht euch darüber nur lustig, es gibt Menschen, die das interessiert. Vielleicht acht oder so. Die anderen 246 Facebook-Kontakte müssen es halt überlesen. Oder sie lachen über mich, das sei ihnen gegönnt. Oder sie schicken mir ab morgen Spammail aus ihrem Schuhladen. Auch das werde ich überleben. Aber dann weiß ich zumindest, dass das Leute sind, die nicht wissen, was sich gehört.
Postscriptum: Ich hätte bei unserem eingangs geschilderten Gespräch ja gerne gewusst, was sie in diesem Tagebuch gelesen hat, das sie dann veranlasste, ihn zu verlassen. Die Lippen desjenigen, der die Geschichte erzählte, waren aber versiegelt. Diese Information war vertraulich. Ja, auch mit sowas muss man leben. Zuweilen.


Was meinst du?