
Die CSU hat sie, Aufsichtsräte sollen sie kriegen: Deutschland, so scheint es, ist im Quotenfieber. Die Idee, einen bestimmten Prozentsatz Frauenanteil, etwa 40 Prozent, per Gesetz festzulegen, wird Mainstream. So langsam scheint es allgemein bewusst zu werden, dass formale Gleichheit nicht ausreicht, um männliche Dominanz zu beseitigen. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre: Simone de Beauvoir hat es schon 1949 in „Das andere Geschlecht“ beschrieben. Aber wie gut ist die Quote wirklich? Und: Wem nützt sie eigentlich?
Den Frauen eher nicht. Das Wirtschaftsmagazin brandeins beantwortet in der letzten Ausgabe jedenfalls die Frage „Wer braucht eigentlich eine Frauenquote?“ ganz klar mit: die Unternehmen. Denn die könnten es sich in Zukunft „nicht mehr leisten“, auf Frauen zu verzichten. Klar. Wirtschaftsunternehemen, die aus altpatriarchalem Reflex heraus mittelmäßige Männer guten Frauen vorziehen, machen weniger Profit. Vielleicht retten die Frauen sogar unser vor dem Kollaps stehendes Finanzsystem? Oder die Parteipolitik aus Selbstreferenz und Langeweile? Man scheint uns Frauen viel zuzutrauen, zur Zeit.
Nun liegt mir weder die Zukunft diverser Aufsichtsräte noch die der CSU besonders am Herzen. Ich denke deshalb auch nicht, dass dieser plötzliche Quoten-Enthusiasmus ein Grund zur Freude ist. Mir ist bewusst, wie heikel das Thema ist, zumal die Quote noch immer von vielen Seiten mit falschen Argumenten abgelehnt wird. Etwa von jungen Frauen (aktuell in der CSU), die meinen, so etwas hätten sie nicht mehr nötig, oder von den Piraten, die meinen, sie stünden längst jenseits dieser Geschlechtersachen, und natürlich auch noch von Patriarchaten klassischen Formats, die diese ganze Frauenzeugs eh albern finden.
Aber auch aus einer feministischen Perspektive heraus ist die Quote eben problematisch, wie ich finde, und schon immer gewesen. Denn sie enthält zwei symbolische Fehler, die die ganze Debatte auf ein falsches Gleis führen.
Erstens rückt sie die Frauen in eine defizitäre Rolle. Da wird dann gerne so getan, als würde man mit einer Quotenregelung den Frauen etwas Gutes tun, ihnen irgendwie „helfen“. Als hätten die Frauen irgendwelche Behinderungen, die ein gütiger Gesetzgeber auf diese Weise ausgleicht. Miriam Meckel zum Beispiel, die beim Flexibles-Geschlecht-Kongress in Berlin für die Quote warb (nicht, ohne zu betonen, dass sie früher vehement dagegen gewesen sei, was wohl bedeuten soll, dass es sich heute nicht mehr um eine feministische Spinnerei handelt sondern um was Ernsthaftes) diagnostizierte laut Tagungsbericht, dass Frauen „geringes Selbstbewusstsein“ hätten, sich auf dem Weg zur Spitze „selbst im Weg stehen“ und überhaupt „mehr Mut“ bräuchten.
Ich sage: Bullshit. (Siehe meinen Post über Karriereforschung) Wer die Quote einführt, hilft in erster Linie sich selber, und nicht den Frauen – das immerhin wird mit der neuen Liebe der Etablierten zur Quote zweifelsfrei klar.
Ein zweiter problematischer Punkt ist, dass die Quote die angebliche Wichtigkeit und Bedeutung jener Institutionen und Strukturen, für die sie eingeführt wird, symbolisch zementiert. Denn es entsteht der Eindruck, dass es unbedingt notwendig sei, da hinein zu kommen, weil nur dort, in den Wirtschaftsunternehmen, Parteien, Universitäten die wahre, wirkliche, wichtige Welt sei. Als ob man nur dort etwas bewegen und verändern könnte. Dabei ist es längst evident, dass wahre Politik eher nicht in den Parteien gemacht wird und dass die Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft nicht in Aufsichtsräten gelegt wird und neue Ideen überall eher hervorgebracht werden als in Universitäten.
Trotzdem: Als die Grünen vor über dreißig Jahren die 50 Prozent-Quote für alle Parteiämter einführten, war das zweifellos ein interessantes Experiment. Doch jetzt ist es Zeit zu fragen, ob es funktioniert hat. Und die Antwort ist wohl: eher nein. Überall, wo ich das Thema bisher mit grünen Frauen diskutiert habe, wurde mir versichert, dass die Quote nach wie vor bitter nötig sei. Denn ansonsten würde der Frauenanteil ruckzuck wieder sinken. Eine Erfolgsbilanz sieht anders aus.
Zur Erinnerung: Damals, vor dreißig Jahren, war die Quote eigentlich nicht als Dauereinrichtung gedacht. Die Idee dahinter war, dass es so etwas wie einen „Anschubzwang“ brauche, damit Frauen überhaupt Chancen hätten, in die Gremien hineinkämen. Wären sie dort erst einmal in relevanter Anzahl vertreten, dann würden sie die Verhältnisse nach und nach so verändern, dass sie den Wünschen und den Interessen von Frauen näher kommen – und es keine Quote mehr bräuchte. Dann würden sich die Männer an die Anwesenheit von Frauen gewöhnen und sie schätzen lernen, auch ohne formal dazu gezwungen zu sein. Dann würde eine neue Kultur einziehen, junge Frauen hätten Vorbilder und würden sich daher mit größerer Selbstverständlichkeit auch selbst um Ämter bewerben.
Aber genau das ist nicht passiert. Es war ein Irrtum, zu glauben, dass durch die Beteiligung von Frauen die ehemals von Männern für Männer geschaffenen Institutionen sich automatisch verändern würden. Denn die weibliche Differenz – also das, was Frauen an anderem einbringen wollen und können – ist nicht in den weiblichen Genen oder Hirnströmen angelegt, sondern entstammt einer anderen Kultur. Einer „weiblichen Kultur“, wenn man so will, und eben nicht einer „weiblichen Natur“.
Das heißt: Frauen können ebenso schlechte Chefs sein, genauso marktradikale Ansichten haben, genauso autoritär auftreten wie Männer. Als rein formales Kriterium bewirkt die Quote hier sogar eine Negativauslese: Sie fördert solche Frauen, die ähnliche Werte und Ambitionen haben wie Männer, und die sich mit den Zielen und der Kultur der betreffenden Institutionen im Wesentlichen identifizieren.
Frauen, die innerhalb dieser Institutionen etwas verändern möchten, haben es hingegen heute eher noch schwerer als früher. Denn bei jedem Veränderungsvorschlag und jeder grundlegenden Kritik wird ihnen vorgehalten, die anderen Frauen hätten doch auch kein Problem damit. Dem entspricht die Umbenennung und Umwandlung von „Frauenbeauftragten“ in „Gleichstellungsbeauftragte“: Wir sollen uns mit der Gleichstellung begnügen, mit Gender Mainstreaming, aber bitte schön innerhalb der Rahmenbedingungen. „Frauenzeugs“ ist nicht gefragt.
Was die Entwicklung der Institutionen und ihrer Kultur betrifft, so bleibt unterm Strich von der Quote oft nichts anderes übrig – als eben die Quote. Aber was wäre eigentlich gewonnen mit einer „gegenderten“ Welt, in der Parteien, Aufsichtsräte und anderes schön zur Hälfte mit Frauen besetzt sind – in der aber ansonsten alles so bleibt wie es ist? Gar nichts.
Ich denke, es ist heute notwendig, einen Schritt weiter zu gehen. So wie Simone de Beauvoir vor 70 Jahren feststellte, dass die „Frauenfrage“ mit der Gleichberechtigung nicht erledigt ist, so müssen wir heute feststellen, dass die „Frauenfrage“ auch mit der Gleichstellung nicht erledigt wäre – selbst dann nicht, wenn wirklich überall 50 Prozent Frauen säßen.
Statt für die Quote zu kämpfen, finde ich es sinnvoller, Orte und Strukturen zu schaffen, an denen das Unbehagen vieler Frauen an den Zielen, Arbeitsweisen und Selbstverständlichkeiten der ehemals männlichen und heute gleichgestellten Institutionen benannt und thematisiert werden kann. Ich wünsche mir, dass Fragen diskutiert werden wie: Warum brauchen die Grünen immer noch die Quote? Woran liegt es, wenn wir keine Kandidatinnen finden? Welche Vorstellungen von einem guten Leben stecken dahinter, wenn mehr Frauen als Männer keine Karriereambitionen haben? Was sagt das über eine Initiative aus, wenn Frauen sich nicht dafür interessieren? Wie müssten Parteien, Gremien, Unternehmenskulturen sein, damit Frauen sich gerne dort aufhalten? Sind wir als Organisation wirklich offen für Frauen, die etwas anderes einbringen, oder erwarten wir insgeheim ihre Anpassung an das, wie es hier schon immer war?
Die derzeitige Attraktivität der Quote auf Seiten der Machthaber und Etablierten zeigt, dass es richtig war, was die französische Anarchistin Louise Michel vor 130 Jahren voraussagte: „Eure Privilegien? Die Zeit ist nicht mehr weit, wo Ihr sie uns anbieten werdet, um durch diese Teilung zu versuchen, ihnen wieder Glanz zu verleihen. Behaltet diese Lumpen, wir wollen sie nicht.“ So offensiv wie nie werden uns jene „Lumpen“ heute angedient. Frauen werden umworben, hofiert, geschmeichelt, gelobt als die Besseren, Fleißigeren, Klügeren. Als die, die die Wirtschaft wieder nach vorne bringen und den Parteien ein positives Image geben. Quote inklusive. Ich bin skeptisch.
Bei einer Podiumsdiskussion hat Ursula Müller (die selbst Erfahrung darin hat, weil sie lange Zeit Staatssekretärin in Schleswig Holstein und Gleichstellungsbeauftragte in Hannover war) kürzlich die Idee vorgetragen, dass wir eigentlich keine Frauenquote brauchen, sondern eine Feministinnenquote. Ich finde das inspirierend. Wie wäre es, wenn wir dafür kämpfen, dass nicht irgendwelche Frauen quotiert werden, sondern Feministinnen? Frauen also, die nicht einfach nur gleiche Rechte und Möglichkeiten wollen wie die Männer, sondern solche, die die von Männern geschaffenen Institutionen kritisch und aus einer weiblichen Erfahrung heraus hinterfragen und verändern wollen?
Um es ganz klar zu machen: Ich will keine Frau dafür verurteilen, dass sie das derzeitige Quotenfieber toll findet und die Gelegenheit ergreift, weil sie endlich Teil haben will an all den Privilegien, die Menschen ihres Geschlechts in der Vergangenheit vorenthalten wurden. Geld, Macht, Einfluss, Prestige und Status sind ja schließlich angenehme Dinge, und ich kann gut verstehen, wenn auch Frauen die haben wollen.
Nur: Für ein feministisches Projekt halte ich das nicht.


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