Auf den ersten Blick könnte man meinen, das neue Buch von Hilal Sezgin sei ziemlich monothematisch. Landleben, oh je. Landleben, wow.
Ehrlich gesagt, habe ich es nur wegen der Autorin gelesen. Mit dem Land habe ich es nämlich nicht so; nachdem ich dort meine Kindheit und Jugend verbracht habe, ist mein Bedarf eigentlich mehr als gedeckt. Aber seit Hilal Sezgin vor vier Jahren aus Frankfurt weg und aufs Land gezogen ist und angefangen hat, sich mit Schafen anzufreunden, war ich sehr neugierig, zu erfahren, warum. Sämtliche meiner offenen Fragen wurden in diesem Buch beantwortet. Allein das ist schon interessant, und lesen tut es sich wie ein Roman.
Wirklich überrascht war ich aber davon, dass das Buch so überhaupt nicht monothematisch ist. Es geht um vieles, um Philosophie, um pragmatische Lebensplanung, um die Suche nach Sinn und Glück, um Erinnerung, um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, um Beziehungen und Freundschaften.
Aus der Fülle der Denkanstöße, die man beim Lesen mitnimmt, möchte ich hier zwei vorstellen:
Erstens Sezgins Reflektionen darüber, wie sich die Art, Menschen zu begegnen, verändert, wenn man nur wenige Menschen zur Auswahl hat: „Man hat mehr Zeit, sich jedem Einzelnen zu widmen, es geht ungleich schneller, die positiven wie schwierigeren Eigenschaften der anderen zu erkennen (oder die eigenen preiszugeben), weil man sich weniger leicht verstecken kann.“ (Seite 77). In der Stadt hingegen hat man es mit so vielen anderen Menschen zu tun, dass man sie zwangsläufig schnell in Schubladen sortiert, um überhaupt zurecht zu kommen: Ein Blick muss genügen, um das Gegenüber einzusortieren, es ist gar nicht möglich, sich auf alle einzulassen und ihnen im Einzelnen gerecht zu werden. Das ist wirklich ein interessanter Gedanke, und er ist umso wichtiger für das Leben im Internet, wo man es ja mit noch viel mehr Leuten zu tun hat und die Möglichkeiten, Unerwünschtes herauszufiltern, noch viel größer sind.
Meiner Ansicht nach wirkt sich das nämlich auch auf unser Verständnis von Liebe aus,vielleicht auch auf unsere Fähigkeit zu lieben (darüber habe ich mich hier schonmal Gedanken gemacht). Denn Liebe ist ja eigentlich die Fähigkeit, oder sogar die aus uns heraus drängende Notwendigkeit, uns mit Menschen in Beziehung zu setzen, mit denen uns gerade nicht gemeinsame Interessen verbinden. Es gibt eine schöne Geschichte in dem Buch „Jauche und Levkojen“ von Christine Brückner, die das anschaulich macht. Darin beschreibt sie das Leben in Pommern vor dem Zweiten Weltkrieg auf einem abgelegenen Gut. Dort lebt zurückgezogen ein alleinstehender Mann, der Gutsinspektor. Und jede Hauslehrerin, die auf dieses Gut kommt, verliebt sich in ihn, einfach weil es der einzige Mann weit und breit ist. So ein geringes Angebot an möglichen Liebespartnern erscheint uns heute absurd, wo wir im Internet das Profil von tausenden Kandidaten durchstöbern können und dann den herauspicken, der am besten unseren Anforderungen entspricht. Sicher sind beide Alternativen extrem, aber die Unendlichkeit der Auswahl ist der Sache eben nicht unbedingt förderlich.
Ein zweites Thema, über das ich seit der Lektüre dieses Buches erneut nachdenke, ist die Sache mit dem Veganismus. Daran knabbere ich nämlich schon, seit ich vor ziemlich genau zwei Jahren diesen Artikel von Hilal Sezgin in der taz gelesen habe, dessen Argumente mich 100pro überzeugen. Aber trotzdem lebe ich immer noch nicht vegan. Woran liegt das, frage ich mich? Bin ich ein schlechter Mensch, und sie ist ein guter, weil sie aus den richtigen Argumenten Konsequenzen zieht und ich nicht?
So wäre wahrscheinlich die allgemeine moralische Schlussfolgerung. Moral heißt letztlich, dass man konsequent sein muss und das tun, was man als richtig erkannt hat. Philosophisch gesprochen die Anwendung des kategorischen Imperativs. Im alltäglichen Leben funktioniert genau das aber bekanntlich allzu oft nicht, oder nur schlecht, weshalb man eigentlich nur zwei Möglichkeiten hat: Ein schlechtes Gewissen zu kriegen oder ignorant zu werden. Ignorant der eigenen besseren Einsicht gegenüber. Also zum Beispiel sich Scheinargumente erfinden, warum das Vegansein doch falsch oder unnütz oder überflüssig ist. Oder das Ganze einfach verdrängen.
Beim Lesen des Buches ist mir klar geworden, was der Unterschied zwischen Hilal Sezgin und mir im Bezug auf den Veganismus ist: Sie ist aufs Land gezogen und ich nicht. Das heißt, sie hat sich leibhaftig dem Thema ausgesetzt, hat Hühnerfarmen besucht und ist tagtäglich mit Tieren zusammen. Und sie beschreibt in dem Buch sehr gut, wie sie an einem bestimmten Punkt gar nicht mehr anders konnte, als die Konsequenzen zu ziehen. Ich nicht. Ich habe das Thema quasi nur theoretisch in meinem Kopf. Daher kommt es nicht an mich ran.
Meine vorläufige These ist diese: Dass wir an ethische Fragen (und der Veganismus ist dafür nur ein Beispiel, im Prinzip gilt das für alle ethischen Fragen) mit einer moralischen Perspektive herangehen, führt unterm Strich leicht dazu, dass wir uns gerade nicht ethisch verhalten. Denn wir verknüpfen die Einsicht und die Tat unmittelbar miteinander: Wer etwas eingesehen hat, muss es dann auch umsetzen, sonst ist er ein schlechter Mensch. Und daher muss, wer kein schlechter Mensch sein will, die Einsicht leugnen, sich also irgendwie rechtfertigen oder rausreden.
Wenn aber der eigentliche entscheidende Punkt die Aufmerksamkeit ist, die wir einer Sache oder einem Thema widmen, dann wird klar, dass zwischen Einsicht und Konsequenz überhaupt kein direkter Zusammenhang besteht (ein Punkt, der übrigens auch für die Philosophie von Simone Weil zentral ist). Der Vorteil dieser Sichtweise ist, dass langfristig die Wahrscheinlichkeit für ethisches Verhalten ansteigt. Denn man kann immerhin einstweilen die Argumente stehen und quasi in sich wirken lassen. An diesem konkreten Beispiel: Ich muss nicht die theoretischen Argumente, die für ein veganes Leben sprechen, widerlegen oder leugnen, denn ich verstehe, warum sie nicht unmittelbar zu einer Verhaltensänderung meinerseits führen. Und natürlich ist auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit sehr viel größer, dass es bei mir auch irgendwann so ist, dass ich nicht mehr anders kann.
Einstweilen gehe ich bewusst mit meiner Aufmerksamkeit um – und überlege genau, welchen Dingen ich sie widme und welchen nicht.
Hilal Sezgin: Landleben. Von einer, die raus zog. Dumont 2010, 19,99 Euro.


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