Die traurige Geschichte von Wikileaks bewegt viele und mich ärgert das Ganze auch, denn Wikileaks ist eine tolle Geschichte und es wäre einfach schade, wenn es an Streitigkeiten wie den derzeitigen Auseinandersetzungen zwischen Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg scheitert. Andererseits denke ich, wird es nicht scheitern, jetzt, wo die Idee und das Prinzip erstmal in der Welt sind. Meinetwegen kann es auch zwei, drei oder viele Wikileaks geben.
Und um all das geht es in dem Post hier nicht, sondern darum, wie die Geschichte derzeit medial erzählt wird: Im klassischen Muster einer Heldenerzählung nämlich. Zum Beispiel in diesem gestern viel vertwitterten Text auf Zeit Online. Wikileaks, so steht da, war
Ein Zwei-Mann-Betrieb, bestehend nur aus Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg. Der Hacker und der Organisator. Der geniale Freigeist und der Sinnsucher. Der machtversessene Paranoiker und der pedantische Ingenieur.
Damit stehen die Typen also fest. Der machtversessene Paranoiker ist uns in der Geschichte schon vielfach begegnet (Napoleon, Hitler, Stalin), ebenso der pedantische Ingenieur (Eichmann zum Beispiel).
Was sie verband, war ein Traum: „In der Welt, von der wir träumten, hätte es weder Chefs noch Hierarchien gegeben, und niemand hätte seine Macht darauf begründen können, dass er anderen Menschen Wissen vorenthielt, das die Grundlage für gleichberechtigtes Handeln gewesen wäre.“
Dass die Welt sich verändert, indem vom Mainstream unbeeindruckte Visionäre mit festem Willen ihre eigenen Ideen implementieren, die sich gegen die aktuellen „Chefs“ und die „Hierarchien“ richten, ist klassischer Bestandtteil jeder revolutionären Erzählung.
Doch leben konnten sie diesen Traum nicht. Was Assange und Domscheit-Berg auseinandertrieb, war der Streit darum, wer oben und wer unten steht. War der Zwiespalt, welches Wissen sie miteinander teilen und was jeder für sich behalten wollte. War der Konflikt darüber, wer bestimmen sollte, wohin Wikileaks steuert.
Okay, dass das das alte Spiel im Streit unter Männern über die Macht ist, dürfte offensichtlich sein.
Dann kommt Assange und das Abenteuer beginnt.
Das Abenteuer beginnt natürlich mit einem großartigen Erfolg, der sich daran bemisst, wie viele Anhänger die Helden finden. Auch das haben wir schon im Geschichtsunterricht an unzähligen anderen Beispielen erzählt bekommen.
Doch auf dem Höhepunkt des Erfolgs bricht alles zusammen. Streit, Misstrauen, Vorwürfe.
Ist das nicht das Schicksal jeder Revolution? Und: Wäre das nicht ein Grund, die Erzählung darüber, wie es geschehen kann, dass Dinge sich verändern, mal etwas anders zu konzeptionieren?
Und welche Wechselwirkung besteht zwischen der Art, wie wir über „Revolutionen“ und „Visionen“ reden und der Art und Weise, wie sie sich wirklich vollziehen?
Darüber werde ich in nächster Zeit mal nachdenken, so etwa in die Richtung, wie ich meinen Post „Über Revolutionen“ neulich beendet habe.


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