
Manche Geschichten brauchen definitiv zu lang, um in meine Timeline zu gelangen, da besteht noch Verbesserungsbedarf. Die Meldung vom Schlipsstreit im Bundestag erreichte mich nämlich erst heute via Süddeutsche, obwohl der Spiegel und der Freitag schon am 20. Januar darüber berichtet hatten, und die Linke in einem Blog die Angelegenheit sogar schon am 17. Dezember bekannt gemacht hatte.
Es geht darum, dass aus der CDU irgendwann letztes Jahr die Anweisung erging, Schriftführer müssten in Ausübung ihres Amtes im Bundestag Schlipse tragen, damit die „Würde des Hauses“ gewahrt bleibe. Und dass sich die Abgeordneten Andrej Hunko (Linke) und Sven-Christian Kindler (Grüne) – Applaus für sie an dieser Stelle! – weigerten, selbiges zu tun, und damit die Angelegenheit „hochgekocht wurde“, wie sich der Spiegel süffisant ausdrückt.
Dieser Fall sieht erstmal nach Pillepalle aus, aber er ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Nicht nur, weil deutlich wird, dass die Medien ein Thema offenbar erst dann aufgreifen, wenn es nicht nur die Linken, sondern zumindest auch die Grünen unterstützen. Nicht nur, weil es zeigt, wie verkommen das demokratische Verständnis bei den sich selbst „bürgerlich“ nennenden Parteien bereits ist (oder wieder ist), die offenbar die Besetzung parlamentarischer Gremien mit der Besetzung von Aufsichtsräten verwechseln. Nicht nur, weil die SPD auch noch Verständnis für diesen Rückwärtsmarsch in den Mief der fünfziger Jahre hat. Und nicht nur, weil die ganze Armseligkeit dieser institutionellen Art, „Politik“ zu machen, hier deutlich wird.
Ich finde diesen Fall auch interessant, weil die Mechanismen der „Integration“ von Frauen in traditionell exklusiv für Männer vorgesehene politische Institutionen hier schön anschaulich werden, sowohl was ihre Möglichkeiten für Veränderungen betrifft, als auch deren Grenzen.
Denn auch wenn die Grünen dieses symbolische Politikfeld „Kleidungsnormen in politischen Gremien“ mit ihrem legendären „Turnschuhminister Fischer“ besetzt haben – für die Jüngeren: Joschka Fischer hatte 1985 bei seiner Vereidigung als erster grüner Minister Turnschuhe getragen und damit ein allgemeines Rauschen im Blätterwald verursacht – so ist der eigentliche Konfliktpunkt ja die Frage, was Frauen anziehen, wenn sie in männliche Gefilde Einzug halten.
Der Schlips (als integrativer Bestandteil des Ensembles „Anzug“) steht für ein politisches männliches Selbstverständnis, nämlich die „Gleichheit“. Anzüge in dunklen Farben, die alle Herren gleich aussehen ließen, waren ein in der Tat „bürgerlicher“ Dresscode, der sich von den bunten, glitzernden, heute würde man sagen tendenziell „tuntigen“ und dekadenten Dresscodes des Adels abgrenzte.
Interessant dabei ist, dass Frauen gerade deshalb keine Anzüge tragen durften, bzw. es ein Riesenskandal war, wenn sie es taten. Frauen hatten mit ihren breiten Tüllschichten und den bunten Farben, den glitzernden Pailletten und samtenenen Bändchen im Bürgertum gerade weiterhin „adelig“ auszusehen, um so ihren von den männlichen Aufklärern dekretierten Ausschluss aus dem Bereich der Politik augenfällig zu machen. (Als ich für meine Diss über das 19. Jahrhundert recherchierte, brauchte ich eine ganze Weile, um zu verstehen, was eine „Putzmacherin“ eigentlich genau machte, und vor allem warum es für diesen typischen Frauenberuf einen so ungeheuer großen Bedarf gab: Aber es wurden offenbar wahre Unmengen von Perlen, Bändern und sonstigem Krimskrams benötigt, um diesen weiblichen Anti-Anzug-Dresscode zu befriedigen).
Der Freitag weist in seinem Beitrag zur aktuellen Schlipsaffäre dankenswerter Weise darauf hin, dass es einen Skandal auslöste, als die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer 1970 zum ersten Mal in einem Hosenanzug den Bundestag betrat. Das waren noch die Nachwirkungen dieses symbolischen Szenarios, die Aufregung kam daher, dass Bothmer qua Hosenanzug ihre Teilhabe am bürgerlichen Männer-Dresscode behauptete. Heute ist der Hosenanzug bekanntlich das oberkonventionellste Businesswomen-Kleidungsstück, das man sich nur denken kann. Die Verbürgerlichung der Frauen ist abgeschlossen.
Aber das ist bloß Emanzipation und nicht weibliche Freiheit.
Mich interessiert, ob es in diesem Ganzen auch positive Aspekte gibt. Und die sehe ich durchaus, und zwar darin, dass es die „bürgerlichen Parteien“ nicht wirklich fertig bringen, einen definitiven Dresscode für Frauen festzulegen. Dass etwa die Schriftführerin Agnes Alpers (Linke) als Ersatz für die abgewiesenen „unbürgerlichen“, weil schlipslosen Männer mit einem knallroten Schlips auf der erwürdigen Bank Platz nahm, dagegen konnte keiner was sagen. Nicht nur aus Höflichkeit oder Unsicherheit, sondern weil Alpers als Frau gewissermaßen in einer anderen Liga spielt. Oder besser: Nicht in einer anderen Liga, sondern sie spielt ein ganz anderes Spiel.
Im Schlipsstreit geht es nämlich um einen Diskurs über Männlichkeitsbilder: Turnschuhträger gegen Krawattenheinis. Die Krawatte ist ein Distinktionsmerkmal, um „diese Männer“ von „jenen Männern“ zu unterscheiden – dieser Streit wird alltäglich an zahlreichen Arbeitsplätzen ausgetragen, jedenfalls wenn ich den Männern in meinem Bekanntenkreis glauben kann – hier geht es um soziale Hierarchien innerhalb eines männlichen symbolischen Systems und einen Konflikt darüber, wer ein „richtiger Mann“ ist und wer nicht.
Die Frauen stehen bei diesem Streit etwas daneben. Sie sind nicht mehr, wie früher, ganz draußen, aber sie sind auch nicht ganz drin, ihre Differenz ist eher wie phasenverschoben. Was die Männer betrifft, so gibt es klare Anweisungen – Schlips -, was die Frauen betrifft, bleibt das „Angemessene“ nebulös. Und das ist auch gut so, denn der Streit zwischen bürgerlichen und unbürgerlichen Männern ist nicht unserer. Auch wenn ich persönlich ganz klar auf Seiten der Anti-Schlips-Fraktion stehe und diese nach Kräften unterstützen würde. Aber ich bin von diesem Streit nicht betroffen.
Frausein bedeutet schlipsfrei sein, könnte man auch sagen, eine Frau ist schlipsfrei auch dann, wenn sie einen trägt, wenn Ihr versteht, was ich meine. Und diese Freiheit politisch fruchtbar zu machen, darum geht es. Das neue Buch von Luisa Muraro, so habe ich kürzlich gehört, soll den Titel tragen: „Vom Glück, als Frau geboren zu sein“. Genau. Nicht in diese alten Streitigkeiten unter Männern verwickelt zu sein macht uns frei, über das Patriarchat hinaus zu denken, an einer postpatriarchalen Welt zu arbeiten.
Inwiefern das innerhalb dieser desolaten Strukturen der offiziellen Politik überhaupt noch möglich ist, weiß ich nicht. Aber wenn ich Schriftführerin wäre, dann würde ich mir wohl einen Spaß daraus machen, die Grenzen des für eine Frau Möglichen auszutesten: Wie kurz darf der Rock sein, um „unangemessen“ zu werden – wahlweise auch wie wallend, wie lila, wie schrill gepunktet? Und mit welchen Peinlichkeiten würde da argumentiert werden? Würden sie am Ende ins Stottern geraten und rot werden?
Vor allem würde ich wahrscheinlich total spiralige, karierte, gestreifte Kleidung anziehen. Damit die Kameras damit ein echtes Problem haben.


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