„Schwestern, zur Sonne, zur Gleichheit“ – über diesen Slogan, den der Deutsche Frauenrat ausgewählt hat, um das 100. Jubiläum des Internationalen Frauentags zu feiern, ärgere ich mich ziemlich.
Gleichheit? In Bezug auf wen denn? Und in Bezug auf welche Norm?
Wenn überhaupt, kann Gleichheit nur in einem konkreten Kontext eine sinnvolle Forderung sein. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit in einem Betrieb zum Beispiel. Oder: gleiche Bewertungskategorien und Chancen in einem Zugangsverfahren. Gleichheit an sich ist aber kein sinnvolles Ziel.
Historisch hatte die Forderung nach Gleichheit (der Frauen mit den Männern) vielleicht eine gewisse Berechtigung, weil früher – lange ist’s her – die Diskriminierung von Frauen mit deren angeblicher „natürlicher“ Ungleichheit gerechtfertigt wurde. Und schon damals gab es viele Einwände kluger Frauen gegen diese rein strategische und reaktive Argumentation.
Denn die Sache mit der Gleichheit hat ja einen Haken: Sie bedeutet nämlich, dass man nichts anderes und auch nicht mehr wollen darf, als die Leitkultur vorgibt. Ich will das aber. Gleichheit? Nein Danke.
Was wir als Prinzip und politischen Maßstab brauchen, das ist nicht Gleichheit, sondern Freiheit und Gerechtigkeit. Gerade die Gerechtigkeit ist aber selbst ein gutes Beispiel für den Schaden, den das abstrakte Reden über Gleichheit anrichten kann. Gerechtigkeit bedeutet ja, einer bestimmten Situation und den Menschen darin gerecht zu werden. In den Köpfen vieler Menschen hat sich aber längst die Gleichheit an die Stelle der Gerechtigkeit gemogelt. Es wird geglaubt, wenn etwas nicht gleich behandelt wird, sei das automatisch ungerecht. So können dann Reiche meinen, sie würden „ungerecht“ behandelt, wenn sie mehr Steuern zahlen sollen als Arme. Aber Ungleiche gleich zu behandeln, das ist ungerecht. Die abstrakte Rede von der Gleichheit stabilisiert nur allzu oft ungerechte Verhältnisse (und ist auch nicht zufällig das Lieblingsargument von Maskulinisten und Frauenhassern).
Eigentlich, eigentlich müssten wir, postmodern und diversitybewusst wie wir doch inzwischen angeblich sind, das alles längst wissen. Trotzdem geht leider keine frauenpolitische Veranstaltung vorbei, in der nicht das Mantra der Gleichstellung gesungen wird und wie sehr wir die brauchen. Inzwischen bin ich etwas frustriert, weil selbst wenn ich dazu kritische Bemerkungen mache, dringt es irgendwie nicht durch. Es wird mir versichert, das sei doch nicht so gemeint. Man schätze natürlich die Vielfalt, und keineswegs seien die Männer die Norm. Ist das so?
„Sie rauchen wie Männer, saufen wie Männer und sie können auch fluchen wie Männer. Auf den ersten Blick scheint das Leben der Frauen von Dagenham im Jahr 1968 schon ziemlich selbstbestimmt“ – dieser Satz steht allen Ernstes im aktuellen Missy Magazin (es geht um den Film „We want Sex“ über den Kampf englischer Ford-Arbeiterinnen für gleiche Löhne). Ach, aber Männer sind nicht die Norm?
Natürlich sind die Männer die Norm, machen wir uns doch nichts vor. Und das ist unser Problem, nicht die Ungleichheit. Das Gleichheitsmantra hat den leicht durchschaubaren Zweck, dass diese Norm auch ja nicht in Frage gestellt wird – in der Geschlechterfrage nicht und auch sonst nirgends.
Kleine Randbemerkung: Ich behaupte, dass die meisten so genannten „Gleichstellungsbeauftragten“ sich im wirklichen Leben überhaupt nicht mit Gleichstellung beschäftigen, sondern mit Differenzvermittlung. Diese wichtige Arbeit unter dem Begriff „Gleichstellung“ zu subsumieren, führt uns aufs falsche Gleis und erstickt jede systemverändernde Relevanz im Keim.
Deshalb bin ich der Meinung, wir sollten nicht länger Gleichheit und Gleichstellung fordern, sondern diese im Gegenteil zurückweisen. Ich für mich sage jedenfalls ganz klar: Nein, ich will nicht gleichgestellt werden. Ich will frei sein und in gerechten Verhältnissen leben.
Eine ideale Welt, wenn ich mir eine wünschen könnte, sähe so aus: Alle Menschen tun das, was sie tun wollen, für wichtig halten und als notwendig erkennen. Sie tauschen sich mit anderen aus, sie streiten auch über das, was gut und sinnvoll ist, aber sie akzeptieren keine Norm. Die Unterschiede, die es zwischen ihnen gibt, nehmen sie als Ressource und als Bereicherung wahr, als gegenseitige Inspiration und Herausforderung. Dabei sorgen sie für möglichst gerechte Verhältnisse, die den Einzelnen keine unnötigen Steine in den Weg legen und schon gar nicht ganze Gruppen diskriminieren. Und sie versuchen auch selbst, den Menschen, mit denen sie es jeweils zu tun haben, gerecht zu werden.
Wie gleich oder ungleich diese Menschen dann am Ende sind, werden wir ja sehen. Aber es ist eigentlich auch vollkommen egal.
PS: Dank an die Mailingliste „Gutes Leben“, bei deren Treffen im Februar wir einen Vormittag lang über dieses Thema ziemlich kontrovers diskutiert haben.


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