„Wie soll ich leben, wenn meine Liebe stirbt?“ fragte Sibylle Berg neulich in ihrer Spiegel-Kolumne, in Gedanken auch bei den vielen, die in Japan jetzt Menschen verloren haben, die sie liebten. Statt drumrumzureden, kommt sie klar auf den Punkt: „Da gibt es keine Lösung, da gibt es keinen Trost, da hilft kein: Die Zeit wird es heilen. Die Zeit macht es nur schlimmer. Macht jeden Tag klar, was wir vermissen. Macht klar, dass eben nicht jeder ersetzbar ist. … Ich habe keine Ahnung, wie man mit der Trauer weiterleben kann, und warum man es sollte. Und noch ein Jahr herumbringen, mit dem Füllen des Kühlschranks, dem Warten auf den Feierabend, dem Sonntag, der leer ist, dem Winter, der beschissen ist, und noch ein Jahr, und alt werden daran, wie das gehen soll, ich weiß es nicht.“
Früher haben Leute an solchen Punkten das Wort „Gott“ ins Spiel gebracht. Heute geht das nicht mehr so ohne Weiteres, denn das Wort „Gott“ ist ziemlich versaut. Und zwar nicht unbedingt von den Atheisten, die behaupten, Gott gebe es nicht, weil man seine Existenz nicht nach wissenschaftlichen Standards beweisen oder widerlegen kann. Es ist auch und vielleicht sogar noch mehr versaut von all jenen, die „Gott“ in solchen Situationen tatsächlich als angebliche Lösung, als Trost verkauft haben.
Gott ist aber nicht die „Lösung“, kein allmächtiger Held, der von oben herab hilft. Wenn das Wort „Gott“ einen Sinn haben soll, so kann der nur darin liegen, eben genau diese Leerstelle anzuzeigen, das Eingeständnis einer hilflosen Bedürftigkeit der Menschen. Gott ist die Bezeichnung für die Existenz einer Frage, auf die es keine Antwort gibt – nicht, weil die Wissenschaft noch keine gefunden hat, sondern weil es keine geben kann. Aber, und das ist der Witz: Eine geben muss, weil man sonst eben nicht weiß, „wie das gehen soll“.

Dass die Tatsache des menschlichen Angewiesenseins auf etwas Anderes Ursprung der Theologie ist (und nicht die Vermutung, es könne irgendwo eine allmächtige, jenseitige Entität existieren) hat Luisa Muraro in ihrem Buch „Der Gott der Frauen“ bereits als Erkenntnis einer weiblichen Theologie herausgearbeitet. Ein ganz anderes, aber doch inhaltlich in dieselbe Richtung weisendes Buch hat nun Ina Praetorius geschrieben. Während Muraro als Atheistin sich quasi „von außen“ die theologischen Schriften christlicher Denkerinnen – vor allem der Mystikerinnen – anschaut, schreibt Ina Praetorius „von innen“, als christlich erzogene, religiöse Frau und als Theologin.
In „Ich glaube an Gott und so weiter“ legt sie das christliche Glaubensbekenntnis ausgehend von ihrer eigenen, individuellen Geschichte und Erfahrung aus; angefangen bei ihrer Tante, die ihr das Wort Gott „schenkte“, über ihre liberal-protestantischen Eltern, ihre Zeit als Theologiestudentin, ihre Entfremdung von der akademischen Welt, ihre Erfahrungen in der Frauenbewegung, ihr politisches Engagement. Sie nennt das „Matrixtheologie“ – also eine Weise, von Gott zu reden, die von dem für jeden Menschen einzigartigen Gewebe aus familiären, gesellschaftlichen und historischen Beziehungen ausgeht, in denen er oder sie sich befindet.
Niemals haben zwei Menschen exakt dieselbe Matrix, weshalb auch „Gott“ für jeden Menschen anders klingt, ist, aussieht. Gleichzeitig bietet der Bezug auf die Matrix, also die das Individuum umgebende gesellschaftliche Realität und Kultur, auch die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Traditionen werden geteilt, weitergegeben, enthalten Worte, Geschichten, Riten, auf die man sich im Austausch mit anderen beziehen kann. Und schließlich ist die Tatsache, dass sie nur innerhalb dieses größeren Bezugsgewebes und in Abhängigkeit von ihm leben können, allen Menschen gemeinsam.
Es geht dabei nicht darum, Theologie und die Rede von „Gott“ einfach zu subjektivieren oder gar zu psychologisieren, sondern darum, die Grenzen zwischen „subjektivem“ Glauben und „objektiver“ Theologie aufzuheben. Der Gott, an den Kinder glauben, wenn sie sich auf Weihnachtsgeschenke freuen, ist derselbe wie der, über den Theologieprofessoren ihre Bücher schreiben. Gott ist kein wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand, sondern ein Wort, das Menschen verwenden, um einer bestimmten Art von Erfahrungen und der Erinnerung an Möglichkeiten, mit solchen Situationen umzugehen, einen Namen zu geben. Insofern wird das Wort „Gott“ von Kindern übrigens viel öfter sinnvoll benutzt als von Theologieprofessoren, was auch Jesus schon wusste, wenn er mahnte, wir müssten wieder „werden wie die Kinder“, um ins Reich Gottes zu kommen.
Wunderbar gelingt es Praetorius, immer wieder die Verbindung und Wechselwirkung zu zeigen zwischen christlichen Traditionen (etwa Bibeltexten) und ihrer persönlichen „Matrixgeschichte“. Etwa die alttestamentliche Geschichte von Moses am brennenden Dornbusch (wo Gott von sich sagt, sein Name sei „Ich-bin-da“): „GOTT gibt sich also schon ziemlich am Anfang der Bibel als ICH-BIN-DA zu erkennen. Eine präzisere Antwort bekam Mose nicht, bevor er sich anschickte, das Volk Israel aus der Unterdrückung in Ägypten zu führen. Eine präzisere Antwort bekam auch ich als Kind nicht, aber sie reichte mir im Allgemeinen, um ruhig einzuschlafen. Ich schlief ein in der Gewissheit: JEMAND ist da und passt auf: meine Mutter, meine Tante, die Schwester im Bett nebenan und NOCH JEMAND, den ich nicht sehen kann, dem mich aber meine Älteren anvertrauen würden, falls sie selbst einmal nicht imstande wären, mich zu behüten.“ (38)
An Gott glauben bedeutet nicht etwa, anzunehmen oder zu vermuten, dass in einem solchen Fall ein höheres Wesen wie ein schützender Retter hokuspokusartig aus dem Nichts auftauchen und die Sache regeln würde. An Gott glauben bedeutet vielmehr, darauf zu vertrauen (wie man das griechische Wort für „Glauben“, pistis, besser übersetzt), dass irgendetwas weitergehen wird, dass es nicht von mir allein abhängt, dass Sinn möglich ist, auch wenn ich „nicht weiß, wie das gehen soll“. Wer in diesem Sinne „Vertrauen“ hat, wird die Welt anders sehen und sich anders in ihr bewegen, wird zum Beispiel weniger kontrollwütig sein, wird die eigene Verantwortung innerhalb des menschlichen und weltlichen Bezugsgewebes anders angehen. Die Fähigkeit, zu vertrauen, ist nicht nur eine frühkindlich erworbene Fähigkeit. Sie ist – unter dem Label „Gott“ oder „Religion“ auch ein gesellschaftliches Wissen und eine Kulturtechnik. Und natürlich hat das ganz reale Auswirkungen auf die Welt und wie sie aussieht.
Nun kann man natürlich einwenden, dass gläubige Menschen sich ganz oft überhaupt nicht so verhalten, sondern mit Fanatismus und Eiferei Unglück und Leid über andere bringen. Geschenkt. „Matrixtheologie“ bedeutet auch, Souveränität und Eigenständigkeit gegenüber institutioneller Religion und dogmatischer Theologie zu haben, um diese klar und eindeutig zu kritisieren und sich, wo nötig, zu distanzieren. Wenn Zugehörigkeit zur eigenen Religion über die persönliche Geschichte und „Matrix“ gesichert ist, ist nämlich dogmatischer Bekenntnisglaube nicht mehr nötig. Das abgrenzende Betonen einer „Corporate identity“ wird überflüssig, und das ermöglicht mehr Kritik und Veränderungsimpulse von innen heraus.
Entsprechend hat Ina Praetorius auch überhaupt keine Abgrenzungsbedürfnisse gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, auch nicht gegenüber der atheistischen. Denn das Wissen um ein MEHR, den SINN DES LEBENDIGEN kann (je nach kultureller und individueller Matrix eben) vollkommen unterschiedlich ausfallen. Der Glaube – oder auch Unglaube – der anderen bereichert den eigenen und steht nicht dazu in Konkurrenz.
Religion ist nicht eine Geisteserkenntnis, die durch rein intellektuelle Anstrengung erworben werden kann, sondern sie muss lebenspraktisch eingeübt sein, wovon die rationale Reflektion ein Bestandteil ist. Das geht natürlich nicht nur auf „christlich“. Auf christliche Weise an Gott zu vertrauen, bedeutet nichts anderes als die Tatsache, dass die eigene religiöse „Matrix“ eben zufällig eine christliche war, mit ihren dazugehörigen Geschichten, Ritualen, Überlieferungen und Texten.
Daher ist es auch konsequent, wenn Ina Praetorius ihre Gedanken entlang des christlichen Glaubensbekenntnisses entfaltet. Nicht, um es zu verteidigen oder zu legitimieren, sondern einfach aus Dankbarkeit für die Arbeit und die Gedanken ihrer Vorfahrinnen und Vorfahren.
Ina Praetorius: Ich glaube an Gott und so weiter… Eine Auslegung des Glaubensbekenntnisses. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, 19,95 Euro.
Eine weitere Rezension von Dorothee Markert zu diesem Buch steht hier.


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