
Die überalligen Artikel heute zum zehnjährigen Bestehen der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“ für Schwule und Lesben haben mich an ein unentschiedenes Thema in meinem Kopf erinnert: Der Tatsache nämlich, dass ich schon immer sowohl für als auch gegen die „Homo-Ehe“ bin.
Dagegen bin ich, weil ich eigentlich die Theorien über die „freie Liebe“, die im 19. Jahrhundert weit zirkulierten (vertreten zum Beispiel von der fabelhaften Victoria Woodhull) und mit denen ich mich im Studium ziemlich beschäftigt habe, sehr passend finde. Sie verglichen im Allgemeinen die Ehe mit einer Form von Prostitution: Frau verkauft (nicht nur sexuelle) Dienstleistungen gegen wirtschaftliche Sicherheit.
Nun mag man einwenden, dass das zwar im 19. Jahrhundert so gewesen sein mag, aber in heutigen emanzipierten Zeiten doch nicht mehr, und das stimmt auch im Großen und Ganzen. Trotzdem finde ich, dass der Kernsatz der „Freie Liebe“-Bewegung, dass nämlich Liebesbeziehungen nicht per Gesetz geregelt sein sollten, noch immer seine Berechtigung hat. Konkret: Sollte man nicht besser die Ehe als Rechtskonstrukt für klar definierte Frau-Mann-Beziehungen abschaffen, als sie auf (ebenfalls klar definierte) Frau-Frau oder Mann-Mann-Beziehungen ausweiten?
Andererseits bin ich auch für die „Homo-Ehe“, weil damit erstens handfeste Benachteiligungen von lesbischen und schwulen Paaren verringert wurden und weil sich tatsächlich gezeigt hat, dass das Mainstream-Denken über Homosexualität auf diesem Weg ein wenig in Bewegung geraten ist. Das Thema hat gewissermaßen an Monstrosität verloren, indem deutlich wurde, dass „die“ letztlich genauso sind, wie „wir“. Allerdings funktioniert genau das nur, weil eine gehörige Portion „Verspießerung“ zu der ganzen Angelegenheit dazu gehört hat.
Ich konnte aber auch deshalb schon nicht wirklich etwas gegen die Ehe sagen, weil ich selbst bereits mit 19 zum ersten Mal geheiratet hatte. Es war also nicht ganz fair, wenn ich meinen lesbischen Freundinnen zumutete, die Revolution in Sachen Zweierkiste auszutragen. Ich war – als heterosexuell Lebende – ja in der gewissermaßen komfortablen Situation, die Ehe qua Vollzug aushebeln zu können: Heiraten, aber dann nicht das tun, was Verheiratete normalerweise tun: Zusammenziehen, Kinder kriegen und so weiter.
Meine Meinung war schon immer, dass die Ehe ein Rechts- und kein Liebeskonstrukt ist – übrigens ist das ein Allgemeinplatz in der europäischen Ideengeschichte: Dass Liebe und Ehe nicht miteinander vereinbar sind, wurde häufiger behauptet als das Gegenteil. Und in der Tat: Man kann verheiratet sein, aber sich nicht lieben, und man kann sich lieben, ohne verheiratet zu sein. Anders als die klassischen Ehekritiker_innen sehe ich diesen Zusammenhang aber auch nicht als eindeutig an: Denn definitiv kann man sich auch lieben und verheiratet sein, und man kann sich nicht lieben und nicht verheiratet sein.
Wie geht es nun also weiter? In welche Richtung laufen wir?
Ich denke, es genügt nicht, das Konstrukt Ehe von der Festlegung auf das Mann-Frau-Paar zu befreien und auf jede Art von Paar auszuweiten. Sondern ich würde vorschlagen, tatsächlich Liebesbeziehungen und das rechtliche Konstrukt der „Lebenspartnerschaft“ voneinander zu trennen.
Konkret schlage ich vor, die problematische Tendenz der Lebenspartnerschaft zur Verspießerung, zum Errichten neuer Normativitäten und letztlich zur Befestigung der heterosexuell konnotierten Beziehungsnorm (mehr dazu hier) nicht etwa dadurch zu lösen, dass wir Lebenspartnerschaften abschaffen. Sondern dadurch, dass wir sie im Gegenteil noch weiter ausdehnen: Auf alle menschlichen Beziehungskonstellationen nämlich, die sich einen verbindlichen Rechtsstatus für gemeinsames Leben, Versorgen und Wirtschaften geben möchten.
Zum Beispiel kenne ich zwei Schwestern, die mit ihren jeweiligen Kindern zusammen leben. Sie haben ein Haus gekauft, teilen ihr Einkommen und die Familienarbeit – sind aber kein romantisches „Liebespaar“. Warum sollen sie nicht in den Genuss von Ehegattensplitting, Hinterbliebenenrente, Ehegattenzuschlägen und so weiter kommen?
Denkbar wären auch Lebenspartnerschaften zwischen mehr als zwei Menschen, die – ob mit sexueller Komponente oder nicht – ihr Leben gemeinsam planen und füreinander Verantwortung übernehmen möchten: Warum sollen sich nicht auch drei oder vier Leute miteinander „verpartnern“ können?
Oder auch Beziehungen zwischen verschiedenen Generationen, die nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch gegenseitige Sympathie begründet sind. Oder Beziehungen zwischen Deutschen und Menschen ohne Aufenthaltsrecht hierzulande: Dass jemand durch eine Heirat (also die persönliche Übernahme von Verantwortung) jemandem aus einem anderen Teil der Welt die Möglichkeit verschafft, in Deutschland zu leben, ist ja ohnehin schon länger einer der sinnvolleren Aspekte der Ehe, so wie wir sie derzeit kennen – und dass dabei romantische Liebe inszeniert und vorgegaukelt werden muss, ist oft eher lästig.
Die Idee, dass der Staat verbindliche Lebenspartnerschaften durch entsprechende Regelungen unterstützt, finde ich also prinzipiell gut. Wir alle hätten dann die Wahl, ob wir uns in dieser Hinsicht lieber individuell aufstellen (mit eigenem Einkommen, mit individueller sozialer Absicherung, mit entsprechender Steuerlast und entsprechenden Ansprüchen auf Versorgung im Bedarfsfall), oder ob wir uns auf Dauer mit anderen zusammentun möchten (und zum Beispiel rechtlich abgesichert Einkommen und Fürsorge miteinander teilen, also weniger Steuern zahlen, dafür aber auch im Bedarfsfall erst einmal füreinander einstehen, bevor wir staatliche Leistungen in Anspruch nehmen).
Romantische Liebe kann ein Motiv für eine solche Verpartnerung sein, es sind aber noch viele andere Motive denkbar. Ich sehe nicht ein, warum diese anderen Motive weniger wert sein sollen. Was zählt, ist die Verbindlichkeit, die Ausrichtung auf eine gewisse Dauerhaftigkeit, die Übernahme von Verantwortung füreinander und der Wunsch, das Leben gemeinsam zu planen. Und anders herum ist romantische Liebe auf ein solches Konstrukt nicht unbedingt angewiesen; je nachdem, welche Liebesformen jemand bevorzugt, kann es dabei sogar hinderlich sein.
Von daher: Lebenspartnerschaft für Zweierkisten unabhängig vom Geschlecht der Beteiligten ist gut. Lebenspartnerschaft für alle, die das wollen, wäre noch besser.


Was meinst du?