Oder: Warum es mir nicht gefällt, wenn feministische Argumente im Wahlkampf instrumentalisiert werden.
Gestern habe ich nicht viel Fernsehen geschaut, aber ein bisschen, wegen den Wahlen in Berlin, und mit etwas Amüsemeng habe ich es aufgenommen, dass wer auch immer sich zu den Piraten geäußert hat, auf den mickerigen Frauenanteil dort hingewiesen hat. Die Moderatorin im ZDF, die Claudia Roth, die Renate Künast, und wer auch immer. Und natürlich ist das auch ein Hauptmanko dieser neuen Partei.
Seit zwei Jahren wird das Thema jetzt diskutiert (wie die Zeit vergeht, mein seinerzeitiger Blogpost zur Frage „Kann eine Feministin Piraten wählen“ ist tatsächlich schon so lange her – shocking!) Und leider muss man sagen: Ist nicht so viel passiert. Und immer noch rauschen Tweets dazu durch die Timelines, die die trübe „Eine Frau und vierzehn Männer-Bilanz“ schönreden mit „15 Piraten und 0 Geschlechter“, haha.
Allerdings bin ich nun nicht gerade in feministische Jubelsprünge ausgebrochen darüber, dass das Thema „Die Piraten haben so wenige Frauen“ jetzt in aller Munde ist. Denn ich bin doch eher skeptisch, ob es in den anderen Parteien wirklich so grundsätzlich besser aussieht. Die Grünen zum Beispiel haben ja auch nur deshalb so viele Frauen in ihren Reihen, weil sie eine Quote haben. Und offenbar brauchen sie die Quote auch nach 30 Jahren immer noch, weil ohne solchen äußeren Druck offenbar auch hier die Parteistrukturen und die Art und Weise, wie hier Politik gemacht wird, für Frauen schlicht weniger attraktiv sind als für Männer. Jedenfalls habe ich schon mit vielen grünen Frauen gesprochen, die gesagt haben: Hätten wir die Quote nicht, wären auch unsere Gremien ratzfatz wieder männerdominiert.
In diesem wesentlichen Punkt sind also alle Parteien mehr oder weniger so ähnlich wie die Piraten: Lässt man den Dingen ihren freien Lauf, bleiben die Männer dort eher unter sich. Sicher: Quotenregelungen zwingen Parteien immerhin dazu, sich mit diesem Defizit auseinander zu setzen. Es bleibt auf der Tagesordnung, zum Beispiel, wenn es wieder einmal schwer fällt, genügend willige Kandidatinnen zu finden. Und im Vergleich dazu ist die unter Piraten (wenn auch nicht mehr bei allen) so beliebte Parole, Geschlechter seien doch sowas von vorgestern, natürlich ein Witz.
Aber das sollte jetzt eben nicht dazu führen, dass die politische Debatte über die tendenzielle Unvereinbarkeit zwischen dem, was viele Frauen sich unter Politik vorstellen, und dem, was die derzeitigen Parteistrukturen und -kulturen so zu bieten haben, sich darauf beschränkt, dass die quotierten Parteien sich in die Brust werfen und behaupten, sie hätten ein Problem gelöst, das die Piraten noch nicht mal erkennen. Wobei ich übrigens glaube, dass auch eine ganze Reihe von Männern ein ähnliches Unbehagen haben.
Also: Wenn wir halbwegs paritätische Quotenparteien und unquotierte Männerparteien miteinander vergleichen, dann vergleichen wir meiner Ansicht nach zwei schlechte Lösungen. Und es ist nicht besonders ergiebig, sich hier lange damit aufzuhalten, dass die einen noch ein bisschen schlechter sind als die anderen.
Das Ziel muss meiner Ansicht nach sein, politische Formen zu finden, in denen Frauen und Männer ganz selbstverständlich miteinander arbeiten, und ganz selbstverständlich heißt für mich: Ohne dass es dafür fixe Quotenregelungen braucht. Denn das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schlichtweg bewiesen: Die bloße Anwesenheit von fünfzig Prozent Frauen reicht auch nicht aus, um die dafür notwendigen Veränderungen in der politischen Landschaft herbeizuführen.
Update:
Weil grade schon lauter Fragen dazu zurück kamen, was denn eine Alternative zur Quote wäre, hier ein paar aus der Hüfte geschossene kurze Ideen:
* Sich selber mal vor allem erstmal ernsthaft fragen, ob man sich denn WIRKLICH dafür interessiert, warum die eigene Partei (Organisation) für Frauen unattraktiver ist als für Männer oder ob man sich mit dem Thema nur beschäftigt, weil man das heutzutage eben so macht.
* Aktiv das Gespräch mit partei-/ oder organisationskritischen Frauen führen: Sie fragen, was sie stört, was sie sich wünschen usw.
* Gezielt kritische und distanzierte Frauen fragen, ob sie an der einen oder anderen Stelle mitarbeiten wollen. Also bei der Suche nach geeigneten Kandidatinnen für irgendwelche Posten nicht danach gehen, wie „gut“ sie in die vorhandene Kultur passen, sondern auch danach, ob sie Veränderungsvorschläge und Einwände haben.
* Den Dialog zwischen Frauen und Männern üben und bewusst führen (evtl. kann man dabei etwas lernen vom interkulturellen Dialog zwischen Menschen verschiedener Herkünfte usw.)
* Es befürworten und sich darüber freuen, wenn sich Frauen in eigenen Gruppen zusammenschließen, denn die Ergebnisse, die sie da erarbeiten, können gute Hinweise enthalten.
* Untersuchen, warum es in anderen politischen Organisationen (bestimmte Attac-Gruppen, Umweltverbände etc) einen höheren Frauenanteil gibt. Schauen, was machen die anders oder die Frauen dort befragen, warum sie sich da engagieren.
Weitere Vorschläge dürft Ihr gerne in die Kommentare schreiben.


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