
Schon seit längerem bereitet mir eine Argumentation Bauchschmerzen, die von feministischer Seite oft gegen Kristina Schröder (aber auch gegen andere Politikerinnen) vorgebracht wird: Dass sie nämlich „nichts für die Frauen“ tun würde. Denn dies berührt die Frage, wie wir den „feministischen Wert“ von politisch aktiven Frauen beurteilen sollen, und das ist meiner Ansicht nach eine zentrale Frage.
Klar ist, dass Kristina Schröder Ansichten vertritt, die konträr liegen zu dem, was in frauenpolitisch aktiven Kreisen derzeit vorwiegende Meinung ist – zum Beispiel ist sie gegen Quotenregelungen, vertritt die Ansicht, dass man sich heute mehr um die Benachteiligung von Jungen als um die von Mädchen kümmern sollte, und so weiter. Diese Auffassungen kann man mit guten Gründen für falsch halten, die Frage ist aber, wie dieser politische Konflikt ausgetragen wird und mit welchen Argumenten.
Ist es denn etwa die Aufgabe einflussreicher Frauen, etwas „für die Frauen“ zu tun? Zeigt sich darin ihre „feministische Qualität“?
Ich meine, Nein. Wenn wir die Sache mit der weiblichen Freiheit ernst nehmen, dann müssen wir es ertragen, dass Frauen unterschiedliche Auffassungen haben. Man würde ja auch von einem politisch aktiven Mann nicht verlangen, dass er „etwas für die Männer tut“, und vollends sinnlos ist es, von einem politischen aktiven Menschen zu verlangen, „etwas für die Menschen“ zu tun. Alle politisch aktiven Menschen sind ja wohl davon überzeugt, dass sie „etwas für die Menschen“ tun, nur dass sie eben unterschiedliche Auffassungen davon haben, was das inhaltlich bedeutet. Das und nichts anderes ist Politik – dass da unterschiedliche Auffassungen von dem, was richtig und falsch ist, aufeinanderprallen und miteinander verhandelt werden müssen.
Frauen sind keine spezielle, schon gar nicht homogene Gruppe. Weibliche Subjektivität bedeutet nichts anderes als dass die Frauen untereinander ebenso plural sind wie Menschen es im Allgemeinen nun mal sind. Und dass eine Frau Auffassungen vertritt, die sich von denen der Mehrheit der Frauen unterscheiden, macht sie nicht weniger „weiblich“, noch nicht einmal weniger feministisch.
Das ist schlicht kein sinnvolles Argument, zumal die interessantesten und folgenreichsten feministischen Auffassungen fast immer von einer Minderheit vertreten wurden. Als die ersten Suffragetten das Wahlrecht für Frauen forderten, hätte man ihnen mit gutem Grund vorhalten können, dass die allermeisten Frauen ihrer Zeit das für eine falsche Forderung hielten, die nicht den „Interessen der Frauen“ entsprach.
Noch problematischer ist es, wenn der Vorwurf, nicht „die Frauen“ zu vertreten, mit der Unterstellung von sachlicher Inkompetenz einhergeht. Die Unterstellung, Frauen, die nicht das tun, was von ihnen erwartet wird, wären „inkompetent“, stammt aus den Tiefen der patriarchalen Mottenkiste. Er bedeutet nichts anderes, als diesen Frauen ihren Status als politische Subjekte abzusprechen. Man schließt sie auf diese Weise aus dem politischen Diskurs aus, weil man in ihnen nicht eine Gegnerin sieht, sondern eine, die es nicht einmal verdient, als Gegnerin ernst genommen zu werden.
Möglicherweise ist Kristina Schröder sogar inkompetent, das kann ich nicht beurteilen, aber aus dem, was ihr inhaltlich vorgeworfen wird, ist das jedenfalls nicht abzuleiten. Sie vertritt vielmehr eine durchaus konsistente Politik, die man zwar falsch finden kann, aber eben im Sinne eines politischen Konfliktes und nicht in dem Sinne, dass sie „ihre Aufgabe nicht erfüllt“.
Es ist ja nicht die Aufgabe einer Politikerin, dieselbe Meinung zu haben, wie ich. Und schon gar nicht darf ich das als Feministin von einer anderen Frau erwarten, zumindest nicht, wenn die Freiheit der Frauen mir wichtig ist. Im Gegenteil. Sobald wir von einflussreichen Frauen verlangen, dass sie „im Namen der Frauen“ Politik machen sollen, untergraben wir selbst die pure Möglichkeit eines freien weiblichen Handelns.
Heißt das, dass es gar keine feministischen Analysekriterien geben kann, um die Politik einer anderen Frau zu beurteilen und dass ich alles akzeptieren muss, was eine tut?
Keineswegs. Der feministische „Wert“, wenn man so will, einer politisch einflussreichen Frau liegt nur eben nicht darin, dass sie eine bestimmte „Frauenmeinung“ vertritt und sich für „Fraueninteressen“ einsetzt. Sondern er liegt darin, dass sie weibliche Subjektivität verkörpert, dass sie also das tut, was sie, eine Frau, für richtig hält – und dass sie sich dabei nicht in vorgegebene Rollenzuweisungen fügt. Oder einfacher gesagt: dass sie in Freiheit handelt und nicht aus Anpassung oder Konformismus.
Im Falle von Kristina Schröder müssten wir uns also fragen: Tut sie das, was sie tut, weil sie davon überzeugt ist? Weil es ihrer eigenen Ansicht entspricht, weil sie es für richtig hält? Oder tut sie das, was sie tut, um innerhalb einer männlichen symbolischen Ordnung Anerkennung zu finden? Nutzt sie ihre Handlungsspielräume, um Einfluss zu nehmen in die Richtung, von der sie überzeugt ist? Oder will sie vor allem Karriere machen, gemocht werden, irgendwelchen Rollenvorgaben anderer entsprechen?
Die Frage kann ich nicht beantworten, dazu weiß ich zu wenig von Kristina Schröder. Solange es aber keine klaren Hinweise in die andere Richtung gibt, gehe ich erst einmal davon aus, dass sie meint, was sie sagt. Dass sie das für richtig hält, was sie tut.
Und von dieser „Unterstellung“ ausgehend nehme ich sie als politische Gegnerin ernst, als eine Frau also, die andere Auffassungen vertritt als ich, über die ich mit ihr streiten und argumentieren kann. Dieser Konflikt kann durchaus hart und unversöhnlich ausgetragen werden, aber er muss als Konflikt ausgetragen werden und nicht entlang der Grenze, dass ich „für die Frauen“ spreche und sie nicht.
Denn so falsch ich es auch finden mag, was sie tut: Eine Frau, also ein freier Mensch, ist sie genauso wie ich.

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