Einige Reaktionen auf meinen gestrigen Blogpost zum Antifeminismus von Kristina Schröder veranlassen mich, noch mal was klarzustellen, das möglicherweise im Eifer des Gefechts untergegangen ist:
Dass man nämlich mit gutem Gewissen sagen kann, dass Kristina Schröder Recht hat. Bei Facebook zum Beispiel schrieb eine, sie würde die von mir aufgelisteten Zitate anders verstehen, denn:
Alle politischen Missionen (so auch der Feminismus) bergen in sich die Gefahr, anderen ihren Standpunkt nicht zu lassen, sondern überheblich zu werden gegenüber anderen, und der differenzierten Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Und Ja: es geht um eine Weltanschauung, auch da hat sie recht. Dazu darf man auch stehen. Sowieso beruht jede Überzeugung zunächst mal auf einer spezifischen Sicht auf die Welt. Und die muss nicht notwendigerweise von allen geteilt werden.
Ich antwortete bei Facebook: „Ja, aber das ist eine Binsenwahrheit.“ Natürlich gibt es in der Frauenbewegung Dogmatismus. Natürlich gibt es feministische Überheblichkeit. Natürlich gibt es Tendenzen, sich zu einer Weltanschauung zu erheben, der man einfach glauben oder „beitreten“ muss, und anderen etwas vorschreiben zu wollen. Aber in welcher politischen Bewegung würde es das nicht geben? Hallo Friedensbewegung? Hallo Umweltbewegung? Hallo Piraten?
Ich finde es völlig falsch, solchen Vorwürfen zu widersprechen oder sich gar zu verteidigen. Das wurde aber in den kritischen Reaktionen auf Kristina Schröders Buch oft versucht. Zum Beispiel wurde darauf hingewiesen, dass es „den Feminismus“, den sie angreift, doch gar nicht gebe, dass der Feminismus viel differenzierter, längst weiter sei und so weiter (ein Beispiel für diese Argumentationsweise im Kommentar von Heide Oestreich in der taz, aber auch viele andere).
Das ist natürlich richtig, aber das ist doch ebenfalls eine Binsenwahrheit: Welche politische Bewegung wäre denn nicht in sich differenziert, vielfältig usw.? Nein, das Argument, „der Feminismus“ sei doch in Wirklichkeit gar nicht so schlimm, wie Schröder ihn darstellt, ist kein gutes Argument, ich würde es nicht benutzen (auch nicht gegenüber anderen Antifeministen!).
Einmal, weil man ihnen damit bereits Autorität zuspricht, denn wenn man anfängt, sich zu rechtfertigen und zu verteidigen, begibt man sich bereits in eine Diskussion, nimmt die Aussagen also ernst.
Der zweite und wichtigere Punkt ist aber, dass wir uns unseren Feminismus nun auch nicht schön reden dürfen. Sagen wir doch, wie es ist: im Detail sind Schröders Vorwürfe fast alle richtig.
Es kommt tatsächlich vor, und gar nicht selten, dass Frauen aus feministischem Impetus heraus anderen bestimmte Rollenbilder vorschreiben wollen, das habe ich selbst oft genug erlebt. Es kommt vor, dass Feministinnen von der eigenen Mission so mitgerissen sind, dass sie anderen nicht mehr zuhören. Es ist gar nicht so selten, dass sie verhörartig mit Andersmeinenden umgehen. Warum sollten wir das nicht zugeben?
Der Punkt ist nicht, ob diese Sachen „Einzelfälle“ sind, oder ob sie, wie Schröder und die Antifeministen behaupten, den Wesenskern des Feminismus ausmachen. Wie gesagt, wir müssen uns ja nicht rechtfertigen. Deshalb können wir problematische Aspekte am Feminismus souverän zugeben, um uns dann selbstkritisch damit auseinanderzusetzen.
Für alle, die jetzt nicht mehr verstehen, was denn der Unterschied zwischen der von mir geforderten Selbstkritik und der Polemik des Antifeminismus ist: es ist der Gestus, der Habitus, die Zielsetzung der Debatte.
Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob ich in einer Podiumsdiskussion einer Frauenbeauftragten widerspreche, die sagt, Hausfrau und Mutter dürfe heute kein legitimer Lebensweg für Frauen mehr sein, oder ob ich in einem Buch schreibe, der Feminismus würde Frauen verbieten, Hausfrauen und Mütter zu sein.
Es ist ein Unterschied, ob eine Verlegerin sich darüber ärgert, dass sie von feministischen Akademikerinnen nur unverständliche, mit Fremdwörtern gespickte Texte bekommt, während sie feministische Theorien doch gerne einem breiteren Publikum zugänglich machen will, oder ob jemand (jüngstes Beispiel: Malte Welding im wmr-Podcast) sich hinstellt und sagt, der akademische Feminismus sei nicht ernst zu nehmen, weil diesen verquasten Kram doch kein normaler Mensch mehr verstehen würde.
Der Unterschied liegt nicht in den Argumenten oder im beschriebenen Sachverhalt als solchem, sondern in der Positionierung, in der Beziehung, in die man sich selbst zu dem setzt, was man kritisiert:
Begebe ich mich mit meiner Kontrahentin in eine politische Auseinandersetzung, tausche ich mit ihr Argumente aus, mache meine andere Meinung deutlich, erkenne aber gleichzeitig an, dass wir uns an einem gemeinsamen Ziel orientieren, nämlich einer Welt, in der Frauen frei sind? Oder benutze ich sie als Beispiel, das illustrieren soll, dass meine Sichtweise die einzig mögliche und legitime ist?
Letzteres ist das, was Antifeministen tun, und was auch Kristina Schröder tut. Und das ist das Problem, nicht die Inhalte ihrer Position.

Was meinst du?