In den letzten Tagen sind mir zwei Gelegenheiten untergekommen, an denen sich mal wieder die Rede von der „umgedrehten Diskriminierung“ festgemacht hat: Die Berichte über die Praxis der australischen Airline Quantas, alleinreisende Kinder nicht neben alleinreisende Männer zu setzen, und die Kritik an einem Blogpost von Julia Schramm, die Kritik an dem Handeln von „vier männliche Weißeuropäern“ geäußert hat.
Dann war da noch diese Studie, zu der ich den Link leider nicht mehr finde, wonach sich (in den USA, glaub ich), Weiße und Männer mehr diskriminiert fühlen, als People of Color und Frauen (wenn ich es recht erinnere, vielleicht weiß jemand, wovon die Rede ist, und postet den Link in die Kommentare).
Tja, die Rede von der „umgedrehten Diskriminierung“ wird ja schon lange vorgebracht, sie gehört zum Standardrepertoire rassistischer und antifeministischer Diskurse. Meist ist sie ja schon sachlich falsch und damit könnte der Fall erledigt sein, mir ist aber noch ein anderer Aspekt wichtig, und zwar die inhaltliche Unsinnigkeit des Arguments (also selbst, wenn es stimmen würde).
Denn das Problem, worum es hierbei geht, ist nicht die pure Unterscheidung zwischen Frauen und Männern, Menschen verschiedener ethnischer oder kultureller Zugehörigkeit und so weiter. Sondern das Problem ist die herrschaftsförmige Ausrichtung dieser Unterscheidung.
Um es am Beispiel Geschlecht deutlich zu machen: Das Problem ist nicht, dass es Frauen und Männer und womöglich weitere Geschlechter gibt, sondern dass sich ein Geschlecht, nämlich das männliche, zur Norm gesetzt hat. Wenn wir die verkorksten Geschlechterverhältnisse auf dieser Welt, die wir bei unserer Geburt schon vorgefunden haben (und in die wir qua Geschlechtzuordnung persönlich unweigerlich involviert sind), sinnvoll verbessern möchten, geht es also darum, diese Sich-Zur-Normsetzung des Männlichen zu kritisieren und zu untergraben.
Deshalb ist die Rede von der „umgekehrten Diskriminierung“ für sich genommen kein sinnvolles Argument: Kein anderes Geschlecht als das Männliche hat sich jemals zur Norm gesetzt und den Anspruch erhoben, über die anderen Geschlechter zu herrschen. Und keine Bevölkerungsgruppe hat sich jemals mit Hinweis auf ihre Hautfarbe über andere Menschen erhoben außer die Weißen.
Diskriminierung gibt es immer, sie ist ein notwendiges gesellschaftliches Verfahren, was ich in einem früheren Blogpost schonmal genauer erläutert habe.
Die Frage, die jeweils zu verhandeln ist, ist also nicht: Ob Diskriminierung vorliegt? Sondern: Ob diese Art der Diskriminierung sinnvoll ist? Also – um einen möglichen und von mir gerne herangezogenen Maßstab zu nehmen – ob die jeweils in einem konkreten Fall getroffene Unterscheidung zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen dabei hilft, die Herrschaft des Männlichen oder der Weißen zu verringern oder nicht.
Das ist unter Umständen kompliziert, es gibt in den meisten Fällen keine einfachen Antworten.
Nehmen wir zum Beispiel den Fall der Quantas: Wenn man Kinder – um sie vor sexuellen Belästigungen zu schützen – prinzipiell nur neben Frauen setzt, ist das klar eine Diskriminierung, denn die Erwachsenen werden qua Geschlecht unterschieden. Übrigens werden in diesem Fall beide „diskriminiert“, wenn man so will: Die Männer, weil sie nicht neben Kindern sitzen sollen, die Frauen, weil sie genötigt werden, neben Kindern zu sitzen.
Ist diese Diskriminierung nun eine sinnvolle Maßnahme oder nicht? Einerseits trägt sie natürlich dazu bei, Geschlechterstereotype zu verfestigen – also das Bild von den fürsorglichen Frauen und den gefährlichen Männern, was die Realität nur ziemlich verzerrt wiedergibt.
Andererseits ist es aber gar nicht so sehr an der Realität vorbei, wenn man bedenkt (diesen Hinweis verdanke ich einer Freundin, die lange bei der Quantas am Check-In gearbeitet hat), dass ein Großteil der alleinreisenden Männer in Flugzeugen von Deutschland nach Australien den Zwischenstopp Bankok zum Ziel haben und in aller Regel Sextouristen sind. Es handelt sich also bei diesen Passagieren um eine spezielle Gruppe von Männern, die mit höherer Wahrscheinlichkeit sexuell übergriffig wird als Männer generell.
Was daraus klar wird: Eine Diskussion um eine solche Maßnahme kann sich nicht darauf beschränken „Das ist aber ungerecht!“ zu rufen, sondern sie muss das dem zugrunde liegende Herrschaftsverhältnis, das damit bekämpft werden soll, aufgreifen und mit bearbeiten.
Das ist eine Aufgabe, der sich gerade auch die von einer konkreten Diskriminierung „betroffenen“ Männer oder Weißen stellen müssen, denn, ja: Dass andere ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe Privilegien nutzen, um andere Menschen auszubeuten, ist ein Problem, das auch sie persönlich betrifft.
Und zwar nicht nur, weil sie die komfortable und unverdiente Möglichkeit haben, sich netterweise dafür zu entscheiden, diese Privilegien nicht auszunutzen, sondern weil sie – und das ist nunmal notwendig, wenn diese Privilegien abgeschafft werden sollen – unter Umständen auch „Opfer“ einer umgekehrten Diskriminierung werden können. Wenn ihnen eine gerechtere Welt am Herzen liegt, müssten sie dafür eigentlich Verständnis haben.
Es bleibt ihnen ja unbenommen, bessere Lösungsvorschläge zu machen, sich also konstruktiv an dieser Aufgabe zu beteiligen.

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