Bei Edeka gibt es neuerdings (Update: schon seit letztem Jahr) „Frauenbratwurst“ und „Männerbratwurst“, und weil das so bescheuert ist, hat Susanne Enz an die Verantwortlichen dort einen Brief geschrieben.
Weil sie darin sehr gut argumentativ begründet, was genau an der derzeitigen grassierenden Mode, die ganze Welt in „weibliche“ und „männliche“ Bestandteile zu sortieren, so problematisch ist, veröffentliche ich diesen Brief – mit ihrer Erlaubnis – auch hier im Blog.
Falls jemand sich fragen mag, warum ich als „Differenzfeministin“ solche Art von Marketing überhaupt problematisch finde, denn schließlich bin ich doch ein Fan der Differenz, so antworte ich: eben deshalb. Ich will die realen, konkreten Unterschiede, die sich zwischen Frauen und Männern zeigen, zum Gegenstand politischer Konflikte machen. Meiner Ansicht nach ist die Dynamik der Geschlechterdifferenz etwas sehr Fruchtbares. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir das Reale an diesen Differenzen sehen (oder uns zumindest darum bemühen, hundertprozentig ist das vermutlich nicht möglich) und nicht überall willentlich Schein-Differenzen herbeikonstruieren, die dann nämlich genau dies immer schwieriger machen.
So, und hier ist der Brief von Susanne Enz:
Sehr geehrter Herr Ehret,
sehr geehrter Herr Poell,
sehr geehrter Herr Sebastian,
sehr geehrter Herr Mosa,
sehr geehrte Damen und Herren,in mehreren Prospekten der Edeka-Gruppe sowie auf rasting.de werden derzeit die Produkte „Männer-Bratwurst“ und „Frauen-Bratwurst“ der Edeka-eigenen Fleischerei Rasting beworben. (Siehe Foto im Anhang). Die Wurst, die Männer ansprechen soll, wird mit Adjektiven zu ihrem Geschmack beschrieben („deftig, kräftig gewürzt“), die „Frauen-Bratwurst“ mit einem Hinweis auf den Fettgehalt („besonders mager“). Die Packung der „Männer-Bratwurst“ hat doppelt so viel Inhalt wie die der „Frauen-Brawurst“.
Sehr offen zeigt sich darin zunächst ein dumpfer Sexismus.
Männer essen viel und herzhaft, während Frauen vor allem dünn sein wollen – diese Annahmen über geschlechtsspezifische Eigenarten klingen durch.
Männer sind so, Frauen sind anders. Unterschiede sind in Stein gemeißelt.
Frauen sollen gefallen, Männer dürfen genießen.
Eine hierarchische Rollenverteilung zugunsten der Männer ist darin deutlich eingeschrieben.
So weit, so äußerst unerfreulich.Fraglich ist darüber hinaus aber, warum in aller Welt überhaupt das Geschlecht beim Essen eine thematische Rolle spielen soll.
Ich nehme mal an, dass Sie die Produkte am Ergebnis irgendeiner Marktforschung ausgerichtet haben, die unterschiedliche Bratwurst-Vorlieben bei Frauen und Männern ergeben hat. Selbstverständlich sind Sie bemüht, mit Ihrem Sortiment die breitesten Geschmäcker zu treffen. Dass Sie deshalb zwei unterschiedliche Produkte kreieren, von denen Sie sich jeweils große Resonanz bei einem der Geschlechter versprechen, verstehe ich. Aber warum müssen Sie die auch geschlechterspezifisch benennen?Denn wenn Frauen magere Wurst mit Gemüsefüllung tatsächlich so gern mögen, dann werden sie sie auch kaufen, wenn sie nicht als „für Frauen“ gekennzeichnet ist. Durch die geschlechtsbezogene Bennennung aber agieren Sie normativ: Sie bestimmen, dass diese Wurst zu mögen, mithin auch magere Produkte zu bevorzugen, ein Zeichen von Frausein ist. Frauen mögen diese Wurst. Weil Frauen ja dünn sein wollen. Frauen sind so.
Wenn eine Frau nun lieber die „Männer-Bratwurst“ mag, dann kann sie die natürlich essen. Aber damit wird ihre simple Grill-Mahlzeit zum Überschreiten einer – von Ihnen willkürlich gezogenen – Grenze ihrer Geschlechterrolle. Die Frau muss sich plötzlich zu ihrem Frausein verhalten, nur weil sie kräftig gewürzte Wurst mag. Sie tut etwas, dass „Frauen eigentlich nicht tun“. Ihre Produktbenennung setzt eine – vollkommen sinnlose – Norm, gegen die eine Frau verstößt, die den Fettgehalt von Speisen nicht zum primären Auswahlkriterium für ihre Ernährung macht.
Ebenso übrigens wird dank Ihrer Namenswahl auch für jeden Mann sein Mannsein zum Thema, der lieber die „eigentlich für Frauen gedachte“ magere Wurst mit Gemüsefüllung mag. Er verhält sich dann nicht „richtig“ im Sinne der von Ihnen willkürlich gesetzten Norm für Mannsein – in der Logik der oben erwähnten Hierarchie ist dieser Schritt hin zur „Frauenrolle“ für ihn ein Abstieg. Und Ihre provokative Benennung lädt die fröhliche Runde jeder Grillparty ein, solche Grenzüberschreitungen auch ausdrücklich zu thematisieren.Natürlich geht davon das Abendland nicht unter, es ist ja nur Bratwurst. Natürlich kann man damit spielerisch umgehen, und vermutlich werden die meisten Wurstkäufer das auch tun. Aber Ihre Namenswahl und die begleitenden Werbetexte bleiben dennoch Ausdruck und Beförderer eines – bestenfalls gedankenlosen – normativen Sexismus, der jedem Geschlecht eine „richtige“ Rolle zuweist, Hierarchie inklusive. Und der prägt auch im kleinen, scheinbar belanglos-spielerischen Rahmen die Wahrnehmung der Menschen und steht der Gleichberechtigung der Geschlechter hartnäckig und nachhaltig im Weg.
Eine Frage habe ich zum Schluss: Warum ist eigentlich die „Frauen-Bratwurst“ pro Kilogramm 2,02 Euro teurer als die „Männer-Bratwurst“?
Ich freue mich auf Ihre Antwort und habe mir die Freiheit genommen, diese Mail in Kopie auch an einige weitere, an dem Thema möglicherweise interessierte Empfänger_innen zu senden.
Zwischenzeitlich hat Susanne auch bereits zwei Antworten bekommen.
Ein Verantwortlicher von Rasting dankt ihr für ihre „Informationen“ und will „auf das, was ich verstanden habe“ , gerne antworten. Das ist aber lediglich die Frage nach dem Preisunterschied: In der Frauen-Bratwurst sei mehr besonders mageres Fleisch, außerdem hochwertiges Gemüse, und das Ganze sei in einen besonders zarten Saitling eingepackt, was die Herstellung dieser Wurst teurer mache als die der Männer-Bratwurst.
Edeka schreibt, das Anliegen sei nun an den „zuständigen regionalen Ansprechpartner weitergeleitet“. Vielleicht gibt es ja dann von dort noch eine Antwort, ich bin gespannt.
Update (29.6.2013):
Der Vollständigkeit halber sammle ich hier mal die Links zu Medien, die das Thema aufgegriffen haben, von denen es aber, da keine Blogs, keine Pingbacks gibt.
http://m.thelocal.de/society/20130627-50525.html
http://www.huffingtonpost.co.uk/2013/06/28/sexist-sausages-germany_n_3514727.html
http://www.huffingtonpost.com/2013/06/28/sexist-sausages_n_3511915.html?ir=Women
http://www.sueddeutsche.de/stil/genderspezifische-werbung-fleischgewordener-sexismus-1.1707863
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-06/frauen-bratwurst
http://www.stern.de/lifestyle/grillgut-bei-edeka-wurst-fuer-machos-wurst-fuer-tussen-2030648.html
http://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft.html?&news%5Baction%5D=detail&news%5Bid%5D=6799
http://www.dailymail.co.uk/news/article-2349806/Fury-German-supermarkets-Sexist-sausages.html
http://www.inquisitr.com/819046/sexist-sausages/
http://sausagefans.co.uk/sexist-sausages-german-supermarket-chain-sells-male-and-female-bratwurst/
http://www.thepostonline.nl/2013/06/27/braadworst-nu-ook-al-seksistisch/
http://hvg.hu/gasztronomia/20130628_ferfi_kolbasz_noi_kolbasz
http://www.balsas.lt/naujiena/740526/vokietijoje-pardavinejamos-desreles-skirtos-skirtingoms-lytims
http://www.bust.com/his-and-hers-sausages-are-the-wurst.html


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