Gestern Abend schrieb Frank-Walter Steinmeier von der SPD auf seiner Facebookseite:
Simon Rottloff will für die SPD in den Bundestag. Seine Gegenkandidatin hier in Wiesbaden: Familienministerin Kristina Schröder. Ich finde: Jeder Tag dieser Ministerin im Amt ist ein Schlag ins Gesicht jeder selbstbewussten, modernen Frau. Deshalb Erststimme für Simon Rottloff!
Damit liegt er in einem Trend, den ich im gegenwärtigen Wahlkampfgeblubber sich leider abzeichnen sehe, und zwar die Argumentation, Frauen müssten Männer wählen, weil die kandidierenden Frauen nicht frauenfreundlich genug seien.
Kein Wunder, dass so ein Argument von der SPD kommt, die es seit Jahrzehnten nicht schafft, eine ordentliche Anzahl von Frauen für ihre Spitzenämter zu gewinnen (oder deren Männerbündischkeit noch immer so intakt ist, dass ambitionierte Frauen keine Chance haben, keine Ahnung, was der Grund ist).
Aber das Argument höre ich auch gerne mal bei grünen Wahlkämpfer_innen, die sich selber nur mit einer starren Quote auf einen akzeptablen Frauenanteil retten können, obwohl naja, immerhin. Und ich höre es von Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, wobei es bei denen ja sozusagen zum Jobprofil gehört, alles daraufhin abzuklopfen, „ob es den Frauen nützt“, was ein Grund ist, warum ich dem Gleichstellungsansatz skeptisch gegenüber stehe. Und man hört es natürlich gerne auch von den Medien, aber die haben von weiblicher Freiheit bekanntlich eh keine Ahnung.
Sorry, ich rante, aber ich bin auch wirklich ärgerlich.
Also, hier nochmal zum Mitschreiben: Die Aufgabe von Frauen, die in der Öffentlichkeit agieren, zum Beispiel indem sie politische Ämter übernehmen, ist es nicht, „für Fraueninteressen“ einzustehen.
Ihre Aufgabe ist es, für ihre eigenen Ansichten einzustehen. Sie sind nicht unsere Lakaien, sie sind freie handelnde Subjekte. Und der Kern des Feminismus, wie ich ihn verstehe, ist es doch gerade, dieser Kultur mit ihrer patriarchalen Geschichte auf dem Buckel, langsam beizubringen, dass Frauen in der Tat freie handelnde Subjekte sind.
Das aber genau bedeutet, dass Frauen alle beliebigen Ansichten vertreten können.
ES GIBT KEIN „WIR“ DER FRAUEN.
ES GIBT KEINE „FRAUENINTERESSEN“.
Niemand ist dazu verpflichtet, eine bestimmte Meinung haben zu müssen, bloß, weil sie eine Frau ist. Frauen haben jedes Recht der Welt, für Betreuungsgeld, gegen Quotenregelungen, für Kriege, gegen inklusive Sprache und was auch immer zu sein.
Unser gutes Recht ist es dann, ihnen zu widersprechen, sie nicht zu wählen, sie argumentativ zu widerlegen, sie davon zu überzeugen, dass sie Unrecht haben, und so weiter und so fort. Man nennt das politische Debatte.
Aber wir haben nicht das Recht, ihnen vorzuwerfen, sie würden dabei ihr Geschlecht verraten. Das ist die allerallerälteste Begründung dafür, warum das Patriarchat das öffentliche Handeln von Frauen unterbunden hat: das Argument, freie denkende Frauen würden der Weiblichkeit schaden.
Es schmerzt mich wirklich sehr, dieses Argument jetzt auch noch pseudofeministisch gewendet zu hören.

Was meinst du?