Irgendwann in den 1980er Jahren saßen wir in meiner damaligen WG vor dem Fernseher, und es kam eine Sendung über das Sterben von Robbenbabies. Meine Mitbewohnerin konnte sich gar nicht mehr einkriegen – die armen Robbenbabies! Ich fand das ein bisschen übertrieben und ließ die Bemerkung fallen, dass in Afrika schließlich massenweise Menschen verhungern, warum sie denn darüber nicht weine.
Ihre Antwort war: Ja, aber die armen Robben sind doch unschuldig! Wir Menschen hingegen haben unser Elend selbst verschuldet! Seither habe ich, milde gesagt, ein gespanntes Verhältniss zur Tierethik. Und deshalb ist dieses Buch ist eigentlich gar nichts für mich. Dass ich es trotzdem gelesen habe, liegt daran, dass Hilal Sezgin immer so grandiose Texte schreibt, dass mir das Thema fast egal ist 🙂
Hilal Sezgin zeichnet hier die tierethischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte nach und beschreibt die grausamen Fakten „unseres“ Umgangs mit Tieren, nimmt dabei die philosophischen Klassiker genau an den richtigen Stellen aufs Korn und kommt zu dem Schluss, der so hieb- und stichfest ist, dass ich nicht wüsste, wie irgendjemand dem etwas entgegensetzen könnte.
Sezgins Schluss lautet: Es ist unmoralisch, empfindungsfähige Tiere (sie zieht die Grenze, auch mit überzeugenden Argumenten, bei den Wirbeltieren) zu züchten, zu töten, zu nutzen, ja überhaupt zu halten, geschweige denn sie zu quälen. Die einzig moralische Lebensweise sei es deshalb, vegan zu leben und sich ansonsten für eine Abschaffung jeglicher Tiernutzung einzusetzen.
Eine solche radikale Position wird natürlich, das ist absehbar, viel Gegenwind bekommen. Allerdings engagiert sich Hilal Sezgin schon seit Jahren auf diesem Gebiet. Sie kennt die einschlägigen Gegenargumente und hat sie in ihrem Buch bereits widerlegt.
Trotzdem bleibe ich auch nach der Lektüre „Speziezistin“. Das heißt, ich bin dafür, klar zwischen Menschen und Tieren zu unterscheiden, und ich halte es für falsch, das Verhalten von Menschen gegenüber Tieren mit dem Verhalten von Menschen anderen Menschen gegenüber zu vergleichen.
Nicht dass ich meine, Menschen wären gegenüber Tieren zu nichts verpflichtet. Das sind sie. Aber die Rede von „Speziezismus“ verharmlost diskriminierende Praktiken der Menschen untereinander, weil sie angesichts der offensichtlichen Unterschiede zwischen Menschen und Tieren das Bekenntnis zur prinzipiellen Gleichheit aller Menschen verwässert und relativiert. Wenn eine Kuh nicht in die Schule geschickt werden muss, wieso dann ein Mädchen?
Da braucht jetzt übrigens gar niemand den Kopf zu schütteln, diese Vergleiche sind in Westeuropa bis ins 19. Jahrhundert hinein ganz genauso gemacht worden. Weiße männliche Philosophen siedelten Frauen und Menschen of Color irgendwo zwischen den „richtigen“ Menschen (sich selbst) und Tieren an. Deshalb sehe ich, sobald jemand ernsthaft Speziezismus mit Rassismus und Sexismus gleichsetzt, rot. Denn damit gibt es eben keine klare Grenze, sondern einen fließenden Übergang zwischen Menschen und Tieren. Und warum dann nicht auch zwischen Menschen untereinander, sodass bestimmte Menschen höher und andere tiefer stehen, näher an den Kühen eben?
Denn die Antwort, darauf, warum eine Kuh nicht in die Schule gehen muss, ist ja klar und offensichtlich (Hilal Sezgin gibt sie in ihrem Buch): Sie braucht keine. Und nun dürfen Sie mal raten, wie die weißen männlichen Philosophen es ehedem begründeten, warum Mädchen und Menschen anderer Hautfarben keine Schulen brauchen? Bingo!
Sowieso habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu jeder Philosophie, die universalistisch von „dem Menschen“ spricht. Ich wählte nicht zufällig die Politikwissenschaft, weil es da um die Differenzen unter Menschen geht, und ich finde, alles Weitere – also zum Beispiel das Verhältnis von (diesen oder jenen) Menschen zu Tieren, zur Umwelt, zu Gott und so weiter – muss auf einer Analyse der Beziehungen von Menschen untereinander aufbauen und nicht andersrum.
Sezgin unternimmt aber genau so eine philosophische Analyse, sie fragt, wie ein moralisches Verhältnis zwischen Menschen und Tieren aussehen soll. Theoretisch ist das lesenswert, und wenn man eine moralische Perspektive einnehmen will, habe ich dem auch nichts entgegenzusetzen. Es stimmt ja: Es ist moralisch nicht erlaubt, Tiere zu nutzen. Aber meine nächste Frage wäre: So what?
Die Moral hat es doch längst schon vergeigt. Wir sind keine moralische Gesellschaft (und mit „wir“ meine ich jetzt die westlich-europäischen Gesellschaften und Kulturen). Ich wüsste nicht, wo die kantische Pflichtethik des von der Vernunft aufgenötigten „Du sollst“ ernsthaft noch in Kraft wäre. (Ich habe da vor einigen Jahren schonmal etwas dazu geschrieben.)
Genau das waren auch die Stellen, an denen sich beim Lesen besonders viele Fragezeichen in meinem Kopf formierten, und damit komme ich auf das eingangs Gesagte zurück: Sezgin nämlich stellt gegenüber, was im Umgang zwischen Menschen angeblich „völlig normal“ sei – dass wir andere nicht töten dürfen, das Gewalt schlecht ist, zum Beispiel – während wir bei Tieren da keine Skrupel hätten.
Ich will nicht behaupten, dass die Dimensionen vergleichbar sind, aber ich sehe nicht, dass „wir“ keine moralischen Skrupel hätten, Menschen zu töten, zumindest fahrlässig, zum Beispiel auf Flüchtlingsboten im Mittelmeer oder mit Entscheidungen globaler Unternehmen, die Elend und Tod in anderen Weltregionen zur Folge haben.
„Wir“ opfern nicht nur Tiere „unserer“ Bequemlichkeit, unseren Profitinteressen, dem Erhalt unserer Privilegien, sondern all dem opfern „wir“ selbstverständlich auch Menschen. Die Moral meldet sich erst da zu Wort, wo wir Skrupel haben, anderen Menschen persönlich den Hals umzudrehen, das tun wir natürlich nicht. Aber das tun wir bei Tieren normalerweise auch nicht. Aber es gilt nicht als moralisch verwerflich, Unterschriften unter irgendwelche Verträge zu setzen, die unweigerlich den Tod und das Leiden vieler anderer Menschen zur Folge haben wird.
Das Prinzip, das Sezgin im Umgang mit Tieren kritisiert, gilt ganz genauso auch im Umgang mit anderen Menschen: Die Empathie nimmt mit der Distanz des Verfahrens zu ab, und vor lauter Hantieren mit Bilanzen, Zahlen, Statistiken lösen sich die konkreten Folgen des eigenen Handelns als moralische Fragestellung quasi in Luft auf.
Der spannende Punkt liegt also in der Frage, wie wir es – als politische Wesen – schaffen, das was gut ist, auch zu tun. Denn die Tierethik ist ja bei weitem nicht das einzige Feld, auf dem menschliche Gesellschaften es nicht hinkriegen, das, was (sogar unbestritten) gut und richtig ist, politisch auch umzusetzen, und das, was falsch ist, zu unterlassen.
Man denke nur mal an das Desaster beim Klimaschutz. Oder, kleinere Hausnummer, das unentwirrbare, kontraproduktive und teure Konglomerat an „Familienförderung“ in Deutschland, das dringend mal konsistent gemacht werden müsste. In vielen, ich würde sogar sagen, in den meisten Bereichen wissen „wir“ sehr genau, was richtig und was falsch ist, und sind uns im Großen und Ganzen auch darüber einig. Nur kriegen wir es nicht hin, es dann auch politisch umzusetzen. Das ist ein grundlegendes Defizit der politischen Verfahren, derer wir uns bedienen, auch der demokratischen.
Allerdings hat Hilal Sezgin recht, dass diese Einigkeit darüber, was richtig wäre (die zum Beispiel in Punkto Umweltschutz, Hungerbekämpfung und so weiter gegeben ist) in Punkto Tierethik noch nicht herrscht. Viele sind noch der Meinung, es sei moralisch legitim, Tiere für das Wohlbefinden von Menschen zu nutzen, auch wenn das faktisch heißt, sie zu quälen und zu töten.
Und von daher ist das Buch durchaus empfehlenswert, vielleicht trägt es dazu bei, hier das, was als „normal“ und legitim gilt, etwas zu verschieben.
Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen. C.H. Beck, 301 Seiten, 16,95 Euro.

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