Meine Kritik an Highheels, die ich zu 95 Prozent für ein Tool der Frauenunterdrückung halte, hat schon so manche feministische Runde gesprengt, und auch wenn ich natürlich jederzeit für das Recht aller Frauen und Menschen generell eintrete, Highheels oder was auch immer ihnen beliebt zu tragen oder nicht, so bleibe ich doch bei meiner Einschätzung. Es kann mir niemand erzählen, dass sämtlche Top-Anwältinnen in Chicaco (so die schockierende Erkenntnis nach dem Schauen der Serie „The Good Fight“) freiwillig und gerne auf zehn Zentimeter hohen Stelzen herumstöckeln.
Also ich frage mich, was um Himmels Willen erfolgreiche, emanzipierte, privilegierte Frauen, die niemand mehr zu etwas zwingen kann, dazu bringt, sowas zu machen. Und, ja, gestern war ich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Situation, in der ich gerne ein paar Highheels angehabt hätte.
Oder vielleicht auch nicht zum ersten Mal, nur zum ersten Mal, dass es mir aufgefallen ist.
Gestern Abend war ich eingeladen, bei einer Diskussionsrunde im Literaturforum Brecht-Haus über Irmgard Keun und das Frauenbild der Weimarer Republik mitzudiskutieren. Und, Begleiterscheinung von Corona, die Veranstaltung fand zwar mit Präsenzpublikum statt, wurde aber auch gestreamt und kann jetzt bei YouTube angeschaut werden.

Und als ich das dann noch einmal anschaute, dachte ich: Was zappel ich da denn so auf dem Stuhl herum? Denn tatsächlich mache ich in der ersten Viertelstunde den Eindruck, ich könnte nicht still sitzen. Und dann fiel es mir ein: Mein Bein war eingeschlafen. Ich hatte nämlich anfangs mit übergeschlagenen Beinen da gesessen, wie es die meisten Frauen tun (aus archaischen Gründen ist es für Menschen ohne Penis in unserem Kulturkreis ein Tabu, breitbeinig dazusitzen). Aber dann ist mir das untere Bein eingeschlafen, weshalb ich dann eine Zeitlang versuchen musste, das Blut irgendwie wieder zum Zirkulieren zu bringen.
Jetzt, wo ich das angeschaut habe, fällt es mir wieder ein, nach der Veranstaltung hatte ich das komplett vergessen. Da waren mir nur die interessanten Diskussionen und Argumente im Kopf, die schönen Begegnungen, die tolle Location, die Freude, Leute wiederzusehen – da war so ein kurzzeitig eingeschlafenes Bein nicht mehr wichtig.
Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann geht es mir oft so, und zwar – wie ich tatsächlich jetzt erst realisiere – aus einem einfachen Grund: Die meisten Stühle sind für mich zu hoch. Sie sind auf Menschen ausgerichtet, die größer als 165 Zentimeter sind oder zumindest entsprechend lange Beine haben. Ich hingegen komme in aller Regel nur ganz grade eben so auf den Boden. Nur mit den Zehenspitzen. Ich kann nicht fest und gemütlich sitzen mit beiden Fußsohlen auf dem Boden, sondern ich muss herumhampeln wie ein Kleinkind.
Das ist lästig, und wäre leicht zu beheben, mit niedrigeren Stühlen (eventuell einfach zwei Größen da haben) oder auch einem kleinen Fußabtritt, einem Brett von sagen wir 5 Zentimetern, auf das ich meine Füße stellen könnte).
Oder aber: Mit Highheels. Die hätten genau jene Lücke zwischen meiner Ferse und dem Boden überbrückt. Ich hätte lässig das eine Bein über das andere schlagen können, ohne mir das Blut abzuquetschen.
Ja, so habe ich auch geguckt, als mir das gestern Abend im Bett eingefallen ist. Ich bin noch am Überlegen, was genau ich in Zukunft mit dieser Erkenntnis anfangen soll.

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