Was mich an den Diskurskonflikten der vergangenen Jahre fertig macht ist nicht, dass Menschen andere Meinungen haben und zu anderen Ansichten kommen als ich. Ich habe kein Problem mit Differenzen. Ich finde, man kann über sehr vieles diskutieren, auch darüber, ob bei Corona weniger Anti-Infektionsmaßnahmen möglich gewesen wären, ob sich die Ukraine nicht militärisch gegen die russische Invasion wehren soll, ob Israel nicht (auf diese Weise) militärisch gegen die Hamas vorgehen sollte.
Was mich aber zur Weißglut bringt ist, wenn diese Forderungen mit großem Pathos vorgetragen werden, man sich dann aber weigert, darüber zu reden, wie es dann weiter geht beziehungsweise was daraus folgt. Wollen wir das Risiko eingehen, dass sich das Coronavirus ungebremst ohne Impfung in der Bevölkerung ausbreitet? Was passiert, wenn Russland die Ukraine besetzt, was bedeutet es, dort eine weitere Diktatur zu haben und besteht dann nicht die Gefahr, dass es seine Aggression auf weitere Länder ausdehnt? Was passiert nach einer Feuerpause in Gaza, wie gehen wir anders als militärisch mit der Hamas um, die ja öffentlich gesagt hat, dass es ihr strategisches Ziel ist, den Krieg bis zur Auslöschung Israels weiterzuführen? Wenn man nicht mit ihr reden kann und sie nicht militärisch besiegen soll – was dann?
Ich sehe hier wirklich ein Muster verantwortungsloser politischer Agitation: Es werden einzelne Forderungen mit riesigem moralische Pathos aufgestellt, ohne sich der Verantwortung zu stellen, diese in ihrem Kontext zu betrachten. Wer wäre – kontextlos betrachtet – nicht gegen verpflichtende Impfungen, gegen Waffenlieferungen, gegen die Bombardierung von Städten? Kein vernünftig denkender Mensch natürlich.
Wenn es aber um eine konkrete Situation geht, kann es eben sein, dass dieses Schlechte das kleinere von zwei Übeln ist. Deshalb ist es fahrlässig, billig und unredlich, nur einfach diese abstrakten und wohlfeilen Forderungen vor sich herzutragen (oft auch noch im Gestus der linken Radikalität oder der christlichen Grundsatztreue oder ähnlichem), anstatt sie in eine kohärente politische Strategie einzubetten und diese dann auch zu Ende zu denken.
Ich finde, wer einen politischen Vorschlag macht, sollte sich auch der Frage stellen, was daraus konkret folgt und ob man das in Ordnung findet.

Was meinst du?