Kann eine Feministin die Grünen wählen?

Früher konnte sie es mal, jedenfalls recht gut. Keine andere Partei hatte so viele unterschiedliche, eigensinnige und teilweise auch skurrile Frauen in ihren Reihen wie die Grünen. Grüne Frauen waren dafür bekannt, dass sie sich nicht scheuen, Meinungen zu vertreten, die völlig ab vom Mainstream liegen. Es waren spitze Rhetorikerinnen darunter. Pulloverstrickende Müslis. Ganz Junge und ganz Alte. Dicke. Esos. Emanzen. Muttis. Was auch immer, jedenfalls: viele verschiedene feministische Fraktionen, die sich gegenseitig zuweilen mit großer Verve bekämpften, was manchmal peinlich, häufig aber sehr interessant war. Selten hatte der Begriff der „sexuellen Differenz“ so bunte Blüten hervorgebracht, wie bei den Grünen.

Tempi passati? An die relativ stromlinienförmige „Professionalität“ heutiger Grünen-Politikerinnen hat man sich ja inzwischen schon gewöhnt. Wie sehr aber die eigenwillige „Politik der grünen Frauen“ inzwischen im gleichgestellten Meer „grüner Frauenpolitik“ untergegangen ist, ist mir erst beim Anblick dieses „Frauen nach oben“- Wahlplakates aufgegangen.

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„Frauen nach oben“ – das ist ja wirklich eine absurde Forderung. Ich will jetzt gar nicht darauf eingehen, dass sie explizit die Verabschiedung jeglichen Wunsches nach gesellschaftlicher Veränderung beinhaltet. Denn wer selbst nach oben will, hat ja offensichtlich gegen die Existenz dieses „oben“ nichts einzuwenden, sondern zollt ihm im Gegenteil ein Höchstmaß an Anerkennung.

Aber das ist nur das Offensichtliche. Jedes Mal, wenn ich an diesem Plakat vorbeikomme, frage ich mich, wer hier überhaupt zu mir spricht. Männer, die mir galant die Hand hinhalten, um mir an die Fleischtöpfe ihrer Macht zu helfen? Gruseliger Gedanke. Oder sind es Frauen, die diese Forderung erheben? Dann wäre der Feminismus vollends auf Lobbyismus zusammengeschmolzen und auf die banale Forderung des „Wir auch“.

Man könnte natürlich erwidern, dass politische Slogans komplexe Sachverhalte immer sehr verkürzt wiedergeben müssen. Oder auch, dass der Gedanke „Frauen nach oben“ durchaus Potenzial zur Veränderung der Strukturen in sich trage, sozusagen die Hoffnung, dass Frauen, wenn sie erst mal „oben“ sind, dann von „oben“ herab auch Dinge verändern werden.

Ich bin da skeptisch. Wieso sollten sie? Frauen sind nicht die besseren Menschen. Wir hatten doch inzwischen genug Genderdebatten, um begründete Zweifel  zu haben, dass das dissidente Potenzial eines weiblichen Subjektes in den weiblichen Genen oder Hirnströmen oder sonst an irgendeinem sicheren Ort aufbewahrt wäre. Kennen wir denn nicht inzwischen alle genug Frauen, die, wenn sie erst einmal „oben“ sind, es auch nicht unbedingt anders oder gar besser machen als Männer?

Es ist aber nicht nur die sehr systemkonforme Grundhaltung, die mich an diesem Plakat stört. Oder die Tatsache, dass hier ein feministischer Impetus ausgenutzt wird, um recht durchsichtig Werbung für eine Partei zu machen.

Was mich vor allem stört, ist, dass sich hinter dem Slogan eine Geringschätzung weiblicher Subjektivität verbirgt. Irgendwie macht diese Forderung „Frauen nach oben“ (wenn wir sie wohlwollend als feministische Quintessenz verstehen wollen und nicht nur als Strategie, um ein krisengebeuteltes System mit frischer weiblicher Energie zu versorgen), ja nur Sinn, wenn man davon ausgeht, Frauen selbst wollten auch tatsächlich nach oben – schafften es aber irgendwie nicht aus eigenen Kräften.

Aber ist das wirklich so? Oder sieht die Realität nicht längst anders aus? Jedenfalls kenne ich viele Frauen (mich selbst eingeschlossen), die gar nicht weiter nach „oben“ wollen. Weil wir nämlich um den Preis wissen, der dafür zu bezahlen ist. Weil wir vierzig Jahre nach Beginn der neuen Frauenbewegung genug Erfahrungen gesammelt haben, um zu wissen, dass die eigenen Einflussmöglichkeiten der Weltgestaltung nicht unbedingt größer werden, je weiter „oben“ eine ist.

Klar, ein bisschen einflussreich, ein bisschen „oben“ muss eine schon sein, um überhaupt etwas bewegen zu können. Aber es gibt dabei möglicherweise einen Punkt, an dem die Kurve sich wieder senkt. Einen Punkt, an dem Selbstbestimmung und Einflussmöglichkeiten wieder kleiner werden, wenn man weiterhin nach „oben“ marschiert. Besteht der Trick vielleicht eher darin, genau diesen Punkt zu erwischen? Den Punkt, an dem es angemessen ist, innezuhalten, zu tun, was sinnvoll und notwendig ist, die vorhandenen Einflussmöglichkeiten so gut es geht zu nutzen – ohne aber die eigenen Wünsche und Vorstellungen aus den Augen zu verlieren und sich den Maßstäben und Anforderungen eines Vorgegebenen anzupassen?

Natürlich gibt es Frauen, die dabei unter ihren Möglichkeiten bleiben. Die aufgeben, bevor sie weit genug „oben“ sind. Es gibt aber inzwischen auch Frauen, die darüber hinaus gegangen sind – und dann wieder umkehren. Die zum Beispiel einen gut dotierten Job aufgeben , weil sie den Sinn ihrer Arbeit wichtiger finden als Geld und Status. Die sich lieber in der Kommunalpolitik engagieren, als für den Bundestag kandidieren. Die Klage „Wir finden nicht genug Frauen, die sich für dieses oder jenes zur Verfügung stellen“ ist ja längst ein Mantra geworden. (Darüber habe ich an anderer Stelle schon einmal etwas geschrieben).

Wie ist es zu verstehen, dass unter dem Vorwand des Feminismus die Parole „nach oben!“ ausgegeben wird, anstatt zu fragen, welche politischen Konsequenzen aus dem weiblichen Desinteresse an diesem „oben“ zu ziehen wäre? Wäre es nicht sinnvoller, sich dafür zu interessieren, welche alternativen Strategien und Praxen Frauen inzwischen entwickelt haben, um sich in einer stark verbesserungswürdigen Welt einzumischen – anstatt ihnen „Hilfe“ anzubieten oder in ihrem Namen konformistische Forderungen zu erheben?

Ich will ja gar nicht bestreiten, dass es immer noch Diskriminierungen oder sonstige Mechanismen gibt, die Frauen davon abhalten, ebenso leicht „nach oben“ zu kommen, wie Männer. Es ist sogar gut möglich, dass ich selbst, wäre ich als Mann geboren, heute weiter „oben“ wäre, als es der Fall ist. Aber ich frage mich, ob ich mir dann auch genauso sympathisch wäre.

Worauf ich hinaus will ist, dass „Frauen nach oben“ alles andere als eine feministische Forderung ist – also eine, die in politische Worte und Gedanken zu gießen versucht, was sich gegenwärtig als weibliches Begehren in der Welt zeigt. Vielmehr kommt der Slogan verdächtigerweise genau zu einem Zeitpunkt, wo sich viele Frauen ernsthaft die Frage stellen, wie sinnvoll es überhaupt ist, „nach oben“ zu streben. Und wo andererseits überall die Hoffnung auf weiblichen Surplus an den Horizont gemalt wird, ein Surplus, von dem man recht unverhohlen erwartet, uns doch bitte aus der Krise zu führen.

Nein, ich möchte lieber dabei bleiben, dass es im Feminismus nicht darum geht, „Frauen nach oben“ zu bringen, sondern darum, die Logik des „oben“ und „unten“ in Frage zu stellen. Die bessere Position ist „dazwischen“. Dort, wo ich etwas bewegen kann, mich aber nicht der Logik und den Kriterien einer Ordnung unterwerfen muss, von der wir im Prinzip längst wissen, dass sie gescheitert ist. Das Projekt vieler Frauen (und vermutlich auch vieler Männer) besteht heute darin, für sich einen solchen Ort zu finden. Das ist – gemessen an den üblichen Statusformen – nicht für alle derselbe. Der Platz, an dem eine Frau „richtig“ ist, kann für die eine die Vorstandsetage sein, für die andere die Sacharbeiterinnen-Ebene. Für die eine ist er innerhalb einer Institution, für die andere außerhalb, für die eine der Ortsverein, für die andere der Parteivorstand, und für wieder eine andere die außerparlamentarische Bewegung. Es ist ein Selbstexperiment. Aber eines, bei dem die Marschrichtung nicht eindeutig ist. Und schon gar nicht in dem Slogan „oben“ zusammengefasst werden kann.

Statt den Karriere-Motor für aufstiegswillige Frauen zu geben, könnten die Grünen vielleicht mal wieder einen Frauenkongress ausrichten. Und dazu all die skurrilen, kantigen, unangepassten Frauen einladen, die ihnen in den letzten dreißig Jahren abhanden gekommen sind. Das wäre sicher ziemlich spannend.

PS.: Über den mindestens ebenso bescheuerten Slogan „Jobs, Jobs, Jobs“, den die Grünen ja auch noch plakatiert haben, verkneife ich mir jetzt mal einen Kommentar.

17 Gedanken zu „Kann eine Feministin die Grünen wählen?

  1. „Kennen wir denn nicht inzwischen alle genug Frauen, die, wenn sie erst einmal „oben“ sind, es auch nicht unbedingt anders oder gar besser machen als Männer?“

    Bei diesem Thema geht es doch gar nicht darum das Frauen es irgendwie besser machen würden- sondern dass sie, jedenfalls zahlreiche „Exemplare“ davon, gleich Kompetent ( und auch Inkompetent) wie Männer sind. Die Veränderung zum besseren würde ja schon darin bestehen, dass für keine Hälfte der Menschheit eine „Gläserne Decke“ bestehen würde. Ich gehe dabei davon aus dass diese Decke zu einem Teil durch die eigene Initiativlosigkeit, jedoch auch von diskriminierenden Faktoren abhängt. Diese Faktoren müssten beseitigt werden. Die 50/50 Quotenforderung der Grünen ist aber sicher keine Lösung, denn sie berücksichtigt nicht, dass prozentual ein kleinerer (wenn auch nicht sehr kleiner!) Satz der Frauen im Gegensatz zu den Männern überhaupt an einer hohen Führungsposition interessiert sind.

    „..mich aber nicht der Logik und den Kriterien einer Ordnung unterwerfen muss, von der wir im Prinzip längst wissen, dass sie gescheitert ist.“
    Welche Prinzipien sind denn gescheitert? Meinen Sie hier im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise? Ich empfinde vor allem die extreme Arbeitsbelastung als eine Scheiterung, dieses Problem könnte jedoch gelöst werden.

  2. oh ja, das waren exakt meine Gedanken, als ich dieses Plakat zum ersten Mal gesehen habe – danke!

  3. „Das Projekt vieler Frauen (und vermutlich auch vieler Männer) besteht heute darin, für sich einen solchen Ort zu finden. Das ist – gemessen an den üblichen Statusformen – nicht für alle derselbe.“

    Eine solche differenzierte Betrachtungsweise ist weitgehend unvereinbar mit dem sich durch die meisten Parteiprogramme ziehenden Feminismusverständnis, das Gleichberechtigung mit Gleichstellung gleichsetzt, also individuelle und kollektive Rechte in einen Topf wirft. Diese Auffassung geht ja davon aus, dass Männer und Frauen sich nach Beseitigung diskriminierender Gesetze und Vorschriften im Durchschnitt gleich verhalten, sprich sich ganz von alleine in einem 50:50 Geschlechterverhältnis über alle zu besetzenden Pöstchen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft verteilen. Tun sie dies dennoch nicht, sind sie Opfer überkommener Rollenzwänge, aus denen sie befreit werden müssen – mit neuen Gesetzen (Quote), noch mehr Frauenförderung oder mit lustigen Wahlplakaten („Frauen nach oben“). Wenn für jeden Bereich, der eine Unterrepräsentation von Frauen aufweist, eine Benachteiligung von Frauen konstatiert wird, ist logischerweise kein Platz für das Argument, dass durchschnittlich evtl. mehr Frauen als Männer gar nicht „nach oben“ (oder sonstwohin) wollen. Denn welcher Mensch will sich schon vorsätzlich selber benachteiligen?

  4. „Jedenfalls kenne ich viele Frauen (mich selbst eingeschlossen), die gar nicht weiter nach „oben“ wollen. Weil wir nämlich um den Preis wissen, der dafür zu bezahlen ist. “

    Fast das Gleiche habe ich heute in einem Gespräch mit meiner Kollegin gesagt – aber sofort ein ungutes Gefühl bekommen. Überlassen wir damit den Männern nicht das „dreckige Geschäft“ in Wirtschaft und Politik? Wir Frauen leben dann moralisch sauber in unserer Welt mit Waldorfschule, Yogakurs und Ökogemüse und überlassen den Männern die Weltgestaltung?

    Frauen setzen andere Prioritäten als Männer: ein befriedigender Job ist ihnen wichtiger als Geld und das Zusammensein mit dem Kind wichtiger als Status, das sind u.a. die Ergebnisse der Untersuchung von Susan Pinker („Das Geschlechter-Paradox“). Aber ohne Beteiligung an den demokratischen Prozessen wird daraus kein Zeitgeist, der unseren Töchtern einmal nützt. Wie lässt sich das Dilemma lösen?

  5. @umamibuecher – mit diesen Bedenken hast du Recht, und die Gefahr (oder Versuchung), sich aus der „bösen Welt“ rauszuziehen ist groß. Aber die Alternative ist nicht „nach oben“ kommen und „mitmachen“, sondern überlegen und ausprobieren, wo und wie man sich am sinnvollsten engagiert. Und ich finde es immer richtig, sich die eigenen spontanen Impulse nicht zu verbieten, sondern zu überlegen, ob sich daraus etwas Wahres über die Welt erkennen lässt und dann zu entscheiden, was daraus folgen müsste…

  6. @umamibuecher

    „Waldorfschule, Yogakurs und Ökogemüse“ muss ja nicht heißen, dass eine Frau nicht wählen geht. (Da es mehr weibliche als männliche Wahlberechtigte gibt, haben Frauen an dieser entscheidenden Stelle großen Einfluss auf die politischen Verhältnisse.) Und es muss auch nicht heißen, dass eine Frau nicht einkaufen geht. (Angeblich bestimmen Frauen über 70% aller Kaufentscheidungen und üben damit einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Wirtschaft aus.)

    Mit der Prägung des „Zeitgeistes“ für die Töchter ist es so eine Sache. Diesen Zeitgeist machen sich die Töchter ja auch selber, innerhalb ihrer Generation. Dass Eltern da nicht immer als Vorbild hergenommen werden, manchmal sogar eher als Beispiel dafür, wie man es genau n i c h t machen will, ist ja ein bekanntes Phänomen.

    Eine Tochter, die sich an nach oben strebenden Frauen orientieren will, aber bei der eigenen Mutter unter Umständen solche Ambitionen nicht entdecken kann, findet seit ein paar Jahrzehnten immer mehr weibliche Vorbilder außerhalb ihrer Familie. Ist das denn nichts?

    Ich sehe da eigentlich kein Dilemma.

  7. tigerfood: Ich meine auch nicht das Wählen gehen, sondern das Wählen lassen – also die Mitgestaltung der Gesellschaft. Solange gesellschaftsprägende Positionen in der Gesellschaft so zeitraubend sind, dass Frauen auf ein Privat- und/oder Familienleben verzichten müssen, um sie auszuüben, werden wohl weiterhin viele Frauen lieber verzichten.

    Mit der Verbrauchermacht ist ja nicht nicht allzuweit her, wie man z.B. am Verschwinden der frischen Milch in den Supermarktregalen erkennen kann. Trotz Beschwerden der VerbraucherInnen gibt es nur noch eklige ESL-Milch, auf Druck der großen Supermarktketten.

    Frauen, die keine Lust auf 60-Stunden-Jobs haben, aber dennoch an der gesellschaftlichen Entwicklung teilhaben wollen, haben es schwer, und da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel getan.

    Und es ist durchaus ein Dilemma, das wir unsere Töchter bestens ausbilden lassen, sie als Mütter aber wieder ihre Zeit mit Kinder bespaßen verbringen.

    Der Zeitgeist in der Arbeitswelt hat sich ja in der vergangenen 20 Jahren eher nachteilig entwickelt und es gibt immer noch nicht genügend anspruchsvolle Teilzeitstellen für Frauen und Männer. Wer einen guten Job (behalten) will, darf nicht pünktlich seinen Arbeitsplatz verlassen, sondern muss möglichst lange am Schreibtisch sitzen bleiben, ob noch was zu tun ist oder nicht. Das meine ich mit Zeitgeist und den zu verändern, wäre doch jede Anstrengung wert. Aber dass wir das im Nischendasein schaffen, bezweifele ich – auch wenn ich es selbst dort gelegentlich sehr gemütlich finde.

  8. Das Plakat wirft schon Rätsel für mich auf.
    Welche Frau identifiziert sich bitte mit solch seltsamen Bildsymbolen wie den kleidtragenden Personen im Aufzug oder was dieser geschlossene(!) Raum um die beiden sonst bedeuten mag. Dann auch noch mit einem Quietsch-Rosa-Pink-Pfeil – wohl als Frauen- und/oder Feminismusfarbe gedacht? – zu werben ist seltsam. Ich übersehe schon lange diese Frauen-im-Kleid-Zeichen in Bezug auf Werbung, zudem diese starr stehende „Frau“ sowieso an jeder Klotür prangt und sich optisch als Symbol erheblich abgenutzt hat.

    Und ich muss mich fragen: Wer ist in der Krise? Die Frauen bei den Grünen? Die Männer? Der Feminismus? Die Wirtschaft? Das Bildungswesen? Die Demokratie? Ist die Krise der fehlende Aufzug für Frauen in ‚Höhere Positionen‘?
    Welche Frauen, wenn überhaupt diese als Zielgruppe gemeint waren, wollen die Grünen damit erreichen? Die Akademikerin, die Sekretärin, die Bäckerin, die Einzelerziehende?
    Ja, was heißt denn bitte ‚Nach Oben‘? In die Chefetage der Firma? Der eigene Chef sein? Parteivorsitzende werden? Gleicher Lohn, gleiches Gehalt kann auch für die Eine ein Oben bedeuten, während die andere den Posten als Abteilungsleiterin in einem Forschungslabor eines Raumfahrunternehmens als höheres Ziel anstrebt. Die junge Migrantin mit Hauptschulabschuss sieht das auch wohl anders, vielleicht als Abitur mit Studienchance oder nur als das Finden einer Lehrstelle. Die Rollifahrerin sieht in einem Oben vielleicht die Überwindung der mangelnden Akzeptanz für behinderte Frauen im Arbeitsleben oder das Ziel als Frau mit Assistenz selbstbestimmt leben zu können.

    Nach Oben, nicht Vorn oder Weiter, wie es früher hieß.
    Ein Oben impliziert auch ein Unten, damit wird schön auf der Wippe der Macht und Dominanz geschaukelt. Männer Oben, Frauen Unten. Oder sehen das Frauen gar doch anders? Das ist wohl eine Frage des Umfelds und der eigenen Erfahrung.

    Nach Oben. Die Grünen wollen sicherlich auch dort (wieder) hin. Mit uns kommt Ihr Frauen nach Oben oder ihr bringt Uns als Partei nach Oben und Wir vertreten euch. All dies kann es bedeuten.

    Wie dieses Oben aussieht, bleibt wohl der Fantasie und den Wünschen der Betrachterin überlassen. Aber vielleicht ist das Plakat auch nur ein Wegweiser. Ein pseudo-feministisches Navi im Dschungel der Frauen als Wahlvolk umwerbenden Parteien? Oder als Wegweiser für Unentschlossene?
    Frauen – Da geht’s lang! Wohin? Na, nach Dort! Ach so. Wir zeigen dir, wohin es geht!
    Denn das Ausrufungszeichen nimmt ja einen gewissen Befehlston vorweg.

    Und wie begrenzt ist dieses Oben? Es ist ja nicht nach oben offen, sondern stößt als Pfeil an die Barriere der extrafetten Überschrift.

    Interessante Assoziationen wecken diese beiden Plakate schon, wenn ich sie mir so ansehe.

    Für mich selbst als Wählerin hat das Oben der Grünen gar keine Aussage und Bedeutung.
    Nach Oben. Was bedeutet das für mich? Vertreten Grüne meine Interessen? In Bezug auf Ökologie: ja, auf Frauenpolitik: teilweise, in Bezug auf das eigene Leben: wenig, im Arbeitsleben: Nein.
    Natürlich sollte frau so nicht denken, als Feministin. Obwohl Wählen auch eine gewisse Portion Eigennutz beinhalten kann und sollte.

    Frau Feministin kann wählen? Nur welche? Sie könnte sie ja noch auswählen zwischen: Die Linke, Die Frauen und Die Grünen/B90. Alle haben mehr oder weniger frauenbezogene Politik mit teilemanzipatorischem Anspruch. Von der Wurzel her feministisch sind alle schon lange nicht mehr oder nie gewesen.

    Für mich stellt sich eher die Frage: „Muss eine Feministin Grün wählen?“
    Nein, aber sie kann. Wenn sie weiß, warum.

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  11. ich verstehe dieses plakat nicht als grundsätzlichen diskussionsgeber zum thema „mehr frauen an die macht“, da ist jeder frau ihre lebensgestaltung nun wahrlich selbst zu überlassen, das ist kein diskussionsthema mehr für mich.

    ich sehe das plakat einzig in dem zusammenhang, wie unten links im slogan angespochen, mit der krise. wer sind denn tatsächlich die hauptsächlich unter einer finanzkrise am ehesten leidenden? das sind leider auch hierzulande noch frauen, frauen sind die, die in der hauptsache von mindestlöhnen leben müssen (die von unternehmern noch clever durch neue finanzmodelle dennoch unterboten werden), es sind hauptsächlich frauen, die zwischen vier minijobs/monat hin- und herspringen müssen, es sind frauen, die zuerst entlassen werden, es sind frauen, die sich heute kaum trauen dem arbeitgeber zu sagen „ich bin schwanger“ (zumindest bevor die schwangerschaft sichtbar wird).

    „oben“ heißt in der heutigen zeit nicht mehr für frauen, karriere zu leben. „oben“ heißt doch lediglich für frauen überhaupt wieder etwas am mittelstand partizipieren zu dürfen.

  12. Vielen Dank für diesen Kommentar. Insbesondere die Frage, ob „oben“ eigentlich für die/den Einzelne/n die richtige Position sein muss, um Dinge zu verändern, finde ich sehr berechtigt.

    Ich bin allerdings überrascht, dass bisher niemand die – für mich ins Auge springende – sexuelle Konnotation des Plakatslogans thematisiert hat. Schon das Pink und die Röckchen, wie GwenDragon bemerkt hat, sind ja nicht gerade Steckenpferde feministischer Ikonographie, sondern symbolisieren und reproduzieren ziemlich banal binäre Denkweisen: Rock/Hose – Rosa/Blau – Frau/Mann – und durch den Slogan kommt eben unten/oben beim Sex hinzu. Das Problematische der gönnerhaften Geste, die in der Formulierung ohnehin steckt, wird – für mich – durch die sexuelle Konnotation noch betont. Klassisch macho: Überlegenheitskomplex plus Zotigkeit. Mich wundert es, dass da keine der Frauen im Wahlkampfteam Einspruch erhoben hat.

    Wem das Vermuten einer sexuellen Anspielung zu weit hergeholt vorkommt, den darf ich z.B. an die alljährlichen Zweideutigkeiten auf den grünen CSD-Aufklebern erinnern … „Auch gut zu Vögeln“ verbindet ja auch ein ernsthaftes grünes Anliegen, Naturschutz, mit einer Anzüglichkeit.

  13. @Michale F.
    »Ich bin allerdings überrascht, dass bisher niemand die – für mich ins Auge springende – sexuelle Konnotation des Plakatslogans thematisiert hat.«

    Hmm, einen Hinweis auf den seltsamen phallischen Pfeil (wie er ja auch dem männlichen Marszeichen anhängt) habe ich mir verkniffen, aber im Kopf waberte das schon leicht belustigend herum. Aber ist ein Pfeil ist doch Richtungsweiser und nichts anderes – das wäre sonst zu viel Tiefenpsychologie.

    Nur Sex + oben-unten, darauf kam ich nicht.

    »Mich wundert es, dass da keine der Frauen im Wahlkampfteam Einspruch erhoben hat.«
    Wird da heute noch so genau bei Werbung hingesehen? Und wer sagt denn, dass Frauen im Wahlkampfteam (immer) feministisch denken oder mit solcher Einstellung durchs Leben gehen.

  14. Gesitige KONZEPTE können ganz schön FIES sein, vor allem gegenüber unseren Kindern. Wer von seinem Kind verlangt nach ´OBEN´ zu kommen, der nimmt es nicht für VOLL und nimmt es auch nicht ernst.

    Ich persönlich möchte, dass meine Tochter glücklich ist, ganz egal, wie sie das macht und ich bin GUT weitergekommen damit, sie hat Selbstvertrauen, kann sich DURCHSETZEN und ist SOZIAL KOMPETENT.

    Außerdem habe ich nicht mehr das Recht mich einzumischen, nachdem sie über 18 Jahre ist, aber dieses MENSCHENRECHT scheinen die meisten PolitikerInnen vergessen zu haben und wollen uns dauernd MANIPULIEREN. Scheiß drauf, was anderes haben die nicht verdient (A. 48 J., noch immer Alt-68-igerin)

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  17. Was ist das für eine Frage ob eine Frau die Grünen wählen kann. Natürlich. Ich auf jeden fall weil für mich Dinge wichtig sind wie Umweltschutz, Energiewende, keine neuen Tagebaue. Gesunde Ernährung, keine Massentierhaltung.

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