Nachdem ich diesen Tweet gestern abend in einem Anfall spontanen Ärgers rausgeschickt hatte, musste ich an den Shitstorm-Vortrag von Sascha Lobo bei der Republica denken. Darin stellt er am Ende die These auf, dass wir alle etwas von einem Troll in uns haben, und dass die Übergänge zwischen berechtigter Kritik und trolligem Diskussionsstil fließend sind.
Ich hatte dem spontan widersprochen und gesagt (ebenfalls in einem Tweet): „gerade @saschalobo gehört. Ich finde nicht, dass wir alle ein bisschen Troll sind. Die Unterscheidung ist schwierig, aber nicht fließend.“
Und dann schreibe ich kaum drei Tage später selbst einen Tweet, der ganz klar trollig ist. Denn man kann ja meinen Vorwurf an den Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein, er habe „einen an der Raddel“, nicht wirklich als Diskussionsangebot verstehen. Es ist genau die Art von Ton, die mir in Kommentaren selber immer so aufstößt, weil hier inhaltliche Differenzen als persönliche Angriffe formuliert werden.
Also muss ich wohl zugeben: Auch ich habe etwas von einem Troll in mir. Beim Nachdenken über mich selber, die Trolle und die Diskussionskultur im Internet hat sich dann folgende These herauskristallisiert, die ich gerne zur Diskussion stellen möchte: Ja, es ist richtig – wir alle laufen Gefahr, in einer Diskussion trollig zu werden. Aber gleichwohl ist die Unterscheidung, die Grenze, die akzeptables und unakzeptables Diskussionsverhalten voneinander trennt, nicht fließend, sondern klar und scharf. Sie ist nur schwer zu ziehen.
Um es am Beispiel meines eigenen Troll-Tweets deutlich zu machen: Der Anlass für meinen Ärger war real, und auch die Schärfe der Reaktion war, das würde ich auch jetzt noch sagen, angemessen. Unter der Überschrift „Gender-Politik und Voodoo laufen auf das Gleiche hinaus“ wirft Martenstein feministischen Forscherinnen vor, sie wären unwissenschaftlich, weil sie biologisch bedingte Unterschiede zwischen Frauen und Männern leugneten, und er fordert, dass „Gender-Professorinnen“ daher nicht aus dem Wissenschaftsetat finanziert werden sollen.
Offensichtlich hat Martenstein selbst nichts gegen einen polemischen Diskussionsstil einzuwenden (weshalb ich den Tweet dann auch nicht gelöscht habe). Aber seine Aburteilung von Gender-Politik war es gar nicht, die mich so aufregte. Ich habe ja sogar selbst zwei, drei skeptische Einwände gegen das Konzept Gender Studies. Was mich aufbrachte, war vielmehr der überhebliche und besserwisserische Gestus, der sich durch seine Kolumne zieht, und der ein verbreitetes Phänomen vor allem bei männlichen Diskutanten ist, nicht nur, aber auch im Internet. (Das war in diesem Blog schonmal Thema)
Dieser Habitus wird meiner Ansicht nach in Martensteins Selbstseinschätzung, er sei „als ZEITmagazin- Kolumnist von Amts wegen zum Nonkonformismus verpflichtet“, sehr gut sichtbar: Es ist ja letztlich das Eingeständnis, dass es ihm nicht wirklich allein um das Thema geht, sondern eher darum, den Gestus der „Political Incorrectness“ hochzuhalten. Warum ich das für Unfug halte, für ein Relikt aus alten patriarchalen Weltbild-Zeiten, ist ein anderes Thema und würde an dieser Stelle zu weit führen. Es reicht zu wissen, dass hier bei mir ein wunder Punkt berührt ist, offensichtlich, denn schließlich ließ ich meine gute Erziehung fahren und pöbelte zurück.
Worum es in diesem Post gehen soll ist, dass diese Grenzüberschreitung meiner Ansicht nach nicht graduell ist. Hätte ich geschrieben, dass solche Leute „von gestern sind“, dass sie „der Welt schaden“, dass sie „selbstverliebt sind“ oder irgend etwas in der Art, dann wäre diese Grenze nicht überschritten worden. Die von mir Kritisierten hätten so nämlich nach wie vor die Möglichkeit gehabt, den Diskurs weiter zu führen – und etwa plausibel zu machen, warum sie nicht von gestern sind, warum ihr Beitrag doch wichtig für die Welt ist. Aber jemand, der „einen an der Raddel hat“, ist aus dem Diskurs qua Definition draußen.
Im Prinzip habe ich bei meinem Tweet das verwechselt, was ich in einem anderen Post mal als den Unterschied zwischen einem öffentlichen Diskurs und Stammtischgerede charakterisiert hatte. Zu sagen, jemand hätte „einen an der Raddel“, geht in Ordnung, solange das im privaten, nicht-öffentlichen Bereich geschieht. Ich hätte das sagen können, wenn ich einer Freundin abends beim Bier von dieser unsäglichen Kolumne erzählt hätte, und dann hätten wir noch ein bisschen über diese zurückgebliebenen alten Männer gelästert. Aber das wäre unter uns geblieben. Ich hätte es nicht öffentlich via Twitter sagen dürfen. Nicht so.
Ich denke, dass es der „Netzkultur“, wenn man so will, gut tun würde, wenn wir üben würden, diese Grenze zwischen dem, was geht, und dem, was nicht geht, zu ziehen. Nicht als moralische Keule nach dem Motto „das gehört sich nicht“, sondern ganz sachlich: Wenn wir das nicht tun, bringen wir keine guten inhaltlichen Debatten zustande.
Ich glaube nicht, dass dabei Definitionen weiter helfen. Dazu sind die Ähnlichkeiten zwischen angemessener, scharfer Auseinandersetzung und Herumtrollen zu groß. Jede Definition, die wir finden würden, wäre vermutlich schwammig, und jedes Mal würde es Ausnahmen geben. Wir können zum Beispiel nicht die alten, engen Regeln des traditionellen Journalismus übernehmen. Dessen Etikette wäre natürlich etwas, woran man sich festhalten kann, aber sie ist der Dynamik des Internetdiskurses nicht angemessen. Es geht hier persönlicher vor, privater, die strenge Separation zwischen Öffentlichkeit und Privatheit trägt ja gerade nicht mehr.
Der Prozess der Vermischung von Öffentlichem und Privatem, der im Feminismus ja schon lange diskutiert wird und der nicht nur im Internet stattfindet, erfordert neue Kompetenzen und Maßstäbe. Es ist sozusagen die Aufgabe, vor der wir nach dem Ende des Patriarchats stehen, nachdem also die alten, klaren Dualismen von früher brüchig und nutzlos geworden sind und meistens nicht mehr funktionieren. Wir sind momentan noch dabei, das auszuloten und mit dieser neuen Situation zu experimentieren. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass wir dabei klare Regeln ausarbeiten sollten, die an die Stelle der alten treten (auch zu patriarchalen Zeiten wurden die Regeln ja immer mal wieder geändert, aber das Grundmuster ist trotzdem gleich geblieben).
Eher brauchen wir so etwas wie eine situative Kompetenz: Ich muss nicht definieren können, was ein Troll-Beitrag ist, sondern es reicht, einen zu erkennen, wenn er mir begegnet. Vor allem dann, wenn ich ihn selber in die Tasten gehauen habe.


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