
Was soll man von den Thesen von Elisabeth Badinter halten? Ihr neues Buch „Der Konflikt. Die Frau und Mutter“ erscheint dieser Tage auf Deutsch, und nach einem ersten Rundgang durch die Feuilletons scheint es mir im Wesentlichen ähnliche Gedanken zu enthalten, wie sie sie schon 1980 in ihrem Buch „Mutterliebe“ entwickelt hat: Dass das, was wir heute für einen „natürlichen Mutterinstinkt“ halten, ein historisches Phänomen ist, ein Konstrukt, entstanden im 18. und vor allem 19. Jahrhundert. Und offenbar sieht Badinter die Gefahr, dass dieser Müttermythos, den die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts halbwegs erfolgreich kritisiert hat, heute mit großer Wucht wiederkommt.
Verkennt sie damit die emanzipatorischen Selbstverständlichkeiten von jungen Frauen, wie Frau Stricktier in ihrem Blog meint? Oder sind wir in Deutschland noch viel rückständiger als Frankreich und haben die düsteren Müttermythos-Zeiten nie verlassen, wie Barbara Vinken in der taz schreibt?
Badinters Feminismus steht in der Tradition von Simone de Beauvoir, die 1949 in „Das andere Geschlecht“ die These aufstellte, dass sich Mutterschaft und selbstbestimmtes Leben gegenseitig ausschließen oder zumindest behindern: Weil Mütter durch die Schwangerschaft körperlich eingeschränkt sind, weil sie durch die Notwendigkeit, für Babies zu sorgen, bei anderen Aktivitäten behindert werden, seien sie gegenüber den Männern im Nachteil gewesen, was die konsequente Verfolgung eigener Projekte betrifft – und daraus sei letztlich das Patriarchat entstanden.
Nun muss man wissen, dass Beauvoir eigentlich keine Feministin war (als solche verstand sie sich erst in den 1970er Jahren), sondern Existenzialistin. Also Vertreterin einer bestimmten Philosophie, die die Autonomie des Menschen und seine Selbstverwirklichung dezidiert ins Zentrum stellte. (Wer es genauer wissen will, bitte hier entlang).
Schon Beauvoir gibt Frauen den Rat, sich möglichst von den „Belastungen“, die das Kinder Gebären und das Für Kinder Sorgen unweigerlich mit sich bringe, zu „befreien“. Allerdings war dies bei ihr ein philosophisches und revolutionäres Konzept: Ziel war es, ein freier Mensch zu werden, in dem Sinne, dass man sich nicht äußerlichen Gegebenheiten unterwirft, sondern die eigenen Ideen in die Welt bringt.
Badinter banalisiert letztlich Beauvoirs Idee, indem sie die existenzialistische Selbstverwirklichung auf das Erfolgreichsein innerhalb gesellschaftlicher Gegebenheiten zurechtstutzt: Frauen sollen nicht so viel Gedöns um das Kinderhaben machen, damit sie beim Karrieremachen nicht mehr als nötig ins Hintertreffen geraten. Mehr Angepasstheit geht kaum.
Allerdings muss man auch sagen: Die Gefahr, durch Kinderhaben und vor allem durch das Kinder Versorgen wirtschaftliche und soziale Nachteile zu haben, ist natürlich vollkommen real. Das zeigen all die Studien über ungleiche Karrierechancen und ungleiche Entlohnung und so weiter und so fort. Badinter hat also durchaus Recht, wenn sie junge Frauen davor warnt, sich von den Statusgewinnen und den Lobhudeleien verführen zu lassen, die eine bestimmte konservative Tradition mit der Mutterschaft verbindet. Und sie hat auch recht, dass es Frauen gibt, die sich beim ersten beruflichen Gegenwind in die Häuslichkeit flüchten (ob es viele sind, weiß ich nicht). Richtig ist auch, dass das Bemühen, eine möglichst „gute Mutter“ zu sein, manchmal über das Ziel hinausschießt und dass in diesem Zusammenhang oft unerträglich besserwisserische „Ratschläge“ an Mütter ergehen. Vor allem aber hat Badinter Recht, wenn sie darauf hinweist, dass es riskant ist, sich finanziell von einem Mann abhängig zu machen – Männer können Familien verlassen, Männer können auch arbeitslos werden.
Also keine Frage: Eine Frau, die sich entscheidet, wegen der Kinder beruflich kürzer zu treten, sollte sich das gut überlegen und nicht im Rausch des Ehe- und Familienkitsches einfach mal so das Beste hoffen. Aber: Das Ergebnis dieser Überlegungen steht nicht fest, wenn es uns mit der Freiheit der Frauen ernst ist. Und schon gar nicht kann der generelle Verzicht von Frauen auf „Familienphasen“ eine Lösung für das dahinter stehende gesellschaftliche Problem sein.
Eine Lösung, die mir schon besser gefällt, ist eine, die in Deutschland zunehmend angestrebt wird, und zwar die Einbeziehung der Männer in die Fürsorge- und Erziehungsarbeit. Sicher, zahlenmäßig sind wir da noch nicht sehr weit und leider hat die Debatte zuweilen eine frauenfeindliche Schlagseite (Männer brauchen mehr Rechte, ohne Männer funktioniert nichts), aber das Bemühen ist doch immerhin erkennbar. Würden die „Belastungen“ durch das Kinderhaben auf Männer und Frauen gleichmäßiger verteilt, wären wir schon einen guten Schritt weiter.
Ich glaube, in dieser Hinsicht ist Deutschland weiter als Frankreich. Eine meiner Lieblings-Steilen-Thesen ist ja, dass die so oft gerühmten besseren Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Frankreich insgeheim auch damit zusammenhängen, dass die Männer dort nicht wirklich Lust haben, sich aktiv an der alltäglichen Versorgung der Kinder zu beteiligen. Etwa nach dem Motto: Geben wir den Frauen lieber bessere Kinderbetreuung, bevor sie am Ende von uns verlangen, dass wir das machen. (Ich bin noch nicht dazu gekommen, dem Gedanken wirklich nachzugehen, Erkenntnisse dazu also bitte in die Kommentare schreiben, das würde mich sehr interessieren. Gibt es zum Beispiel Studien über den Anteil von Vätern, die in Frankreich Elternzeit nehmen, oder etwas dergleichen?)
Immerhin war Frankreich das Land, in dem die Ideologie der strikt „getrennten Sphären“, in denen Männer und Frauen je zuständig sein sollen, erfunden wurde. Nirgendwo in Europa waren Ehefrauen so rechtlos wie dort (zum Beispiel durften sie ohne einen Erlaubnisschein ihrer Männer nicht reisen, noch im 19. Jahrhundert), nirgendwo war der Widerstand gegen die Gleichberechtigung der Frauen so groß wie dort, und nirgendwo (außer in der Schweiz) hat es so lange gedauert bis sie wenigstens das Wahlrecht bekamen (bis 1945). Weder in England noch in Deutschland, von Skandinavien ganz zu schweigen, war der Geschlechterdualismus jemals so stark im Alltagsleben ausgeprägt wie in Frankreich, obwohl auch diese Länder natürlich patriarchal waren. Und nirgendwo wurde das Männliche so sehr zum Maßstab für die gesamte Kultur gemacht wie in Frankreich.
Ich denke, das hat Auswirkungen bis heute. Es erklärt, warum französische Feministinnen so empfindlich reagieren, wenn sie das Wort „Geschlechterdifferenz“ nur hören (wobei es aber auch welche gibt, die das Thema umso gründlicher bearbeitet haben, Luce Irigaray zum Beispiel ). Und es erklärt auch, warum es in Frankreich vielleicht schwerer vorstellbar ist, dass sich im Zuge der Überwindung von Geschlechterdualismen nicht nur die Frauen den Männern anpassen, sondern auch andersrum.
Doch auch die komplette Gleichverteilung der Kinderfürsorge auf beide Geschlechter, wie sie in Deutschland und Skandinavien angestrebt wird, wäre für mich noch keine wirklich gute Lösung. Und zwar deshalb, weil die Ungleichheit ja trotzdem weiter bestünde: zwar nicht mehr zwischen Frauen und Männern, aber doch zwischen Eltern und Kinderlosen.
Ich gehe noch einen Schritt weiter und frage: Stimmt denn überhaupt Beauvoirs Ausgangsthese, dass die „Belastung“ durch Kinderversorgung diejenigen, die das machen, zwangsläufig und naturnotwendigerweise ins Hintertreffen bringt? Oder entsteht diese „Belastung“ nicht vielmehr erst durch eine Kultur, die im Kinderversorgen etwas Unnormales, Unmännliches sieht?
Die Matriarchatsforschung hat gezeigt, dass es vor der Entstehung des Patriarchats Gesellschaften gegeben hat, in denen die Generationenbeziehungen im Zentrum standen. Gesellschaften, in denen Mütter keine „spezielle“ Sorte von Menschen waren, sondern eine tragende Funktion hatten und eingebunden waren in die ganz „normalen“ Abläufe und Institutionen. Ein Kind zu haben und zu versorgen muss also nicht naturnotwendigerweise dazu führen, dass die Mutter (oder eben auch der Vater, wenn er diese Arbeit macht) ins Hintertreffen gerät. Es kommt darauf an, wie die Gesellschaft politisch und ökonomisch organisiert ist.
Sicher, von einem solchen Zustand sind wir weit entfernt. Und solange die Welt ist, wie sie ist, solange wir Kinder als Privatproblem ihrer Eltern betrachten, solange man Fürsorgearbeit in der „Freizeit“ erledigen muss und solange man das Lebensnotwendige nur bekommt, wenn man erwerbstätig (oder mit einem gut verdienenden Mann zusammen) ist – solange müssen Frauen, die Kinder haben wollen, realistisch mit dieser Situation umgehen und ihre Konsequenzen im Hinblick auf ihre Lebensplanung ziehen.
Aber das heißt nicht, dass sie sich mit dem Status Quo zufrieden geben müssen. Ihr Wunsch, Zeit mit Kindern zu verbringen, die familiären (und andere persönliche) Beziehungen ins Zentrum ihres Lebens zu stellen und nicht die Pflege ihrer „Employability“, ist ernst zu nehmen, gerade auch als gesellschaftsveränderndes Potenzial. Zumal die Berufstätigkeit von Frauen ja heute längst nicht mehr jene Freiheit verheißt, die Beauvoir damit noch verbunden hat: Statt sich selbst zu „transzendieren“ bedeutet Erwerbsarbeit für nicht wenige Menschen heute bloßes Funktionieren im Sinne der Marktanforderungen.
In der Tat sind es momentan ja gerade diejenigen jungen Frauen (und Männer), die Kinder haben und beruflich und politisch aktiv sein möchten, die darauf drängen, dass sich hier Sachen verändern. Sie setzen durch, dass die Arbeitszeit flexibler wird, klagen bei den Kolleginnen Verständnis ein, wenn mal was liegen bleibt, weil das Kind Fieber hat, kämpfen für Teilzeitstellen so weiter. Das sind zwar alles noch mikroskopisch kleine Veränderungen, aber immerhin. Und sie tun damit nicht nur sich selbst, sondern meiner Ansicht nach der Gesellschaft insgesamt einen Gefallen.
Das heißt, ich finde es gut, wenn Mütter (und eben auch inzwischen so manche Väter) darauf bestehen, dass sie keine Lust haben, sich zwischen Kinderhaben und Karrieremachen entscheiden zu müssen. Wenn sie darauf bestehen, dass Kinderhaben mehr ist als die Kleinen morgens zur Krippe zu bringen und abends wieder abzuholen. Und wenn sie fordern, dass sich ihre Arbeitgeber oder auch andere Nichteltern gefälligst darauf einzustellen haben. Das alles hat mit Müttermythos überhaupt nichts zu tun, sondern einfach nur damit, dass eine Auflösung der alten Geschlechterdualismen sich nicht damit begnügen kann, die ehemals „weibliche“ Seite zu verändern (die Familie und das Private). Die ehemals „männliche“ Seite (der Beruf, die Öffentlichkeit, die Politik) muss sich ebenfalls verändern.
Wenn man sich also ausgehend von der derzeit unbefriedigenden Situation auf den Weg macht, sollte man darauf achten, dass die Richtung stimmt. Und die Richtung, die Elisabeth Badinter vorschlägt, stimmt meiner Meinung nach nicht.
PS: Badinter ist damit im Übrigen auch keine typische Vertreterin der Frauenbewegung, nicht einmal der inzwischen auch schon „alten“ der 1970er Jahre, die schon damals viel grundsätzlicher über das ganze Thema diskutiert hat.
PPS: Einige Anregungen, was es bedeutet, sich vom autonomen Erwachsenen als Modell für normales Menschsein zu verabschieden und die Welt ausgehend von der Gebürtigkeit zu denken, entwickelt auch Ina Praetorius in diesem Video.
PPPS: Vielleicht auch interessant in dem Zusammenhang mein Artikel „Abschied von der guten Mutter“


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