Der alberne Streit über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, überdeckt ein aus meiner Sicht noch problematischeres Thema im Hintergrund. Denn schon diese Frage geht implizit davon aus, dass es eine fest bestimmbare „Identität“ geben könnte.
Ich habe ja kürzlich schon einmal an dieser Stelle gegen „Gleichheit“ als politisch sinnvollen Begriff argumentiert, und dies knüpft daran an. „Identität“ bedeutet nämlich im Wortsinn „Gleichheit“, und zu diesem Phänomen gehört es, dass Identität daran bemessen wird, wer dazu gehört und wer nicht. Gleichheit, Identität ist nur zu haben um den Preis des Ausschlusses von anderen.
Allein schon die Frage zu stellen, was zu Deutschland gehört und was nicht (egal, wie man das dann beantwortet), bedeutet, sich dem Phänomen „deutsch“ letztlich in den Kategorien der Parteipolitik anzunähern. Also so, wie sich Männer das Politische vorgestellt haben (und damit das funktionieren konnte, mussten sie die Frauen als „andere“ ausschließen): als Parteien. Politische Einheiten verstanden als Gruppe, die sich um ein bestimmtes „Programm“ formiert, die einheitlich-gleich diese Positionen oder bestimmte partikulare Interessen vertritt, und zwar gegen die anderen, die eben andere Meinungen und Interessen haben. Zu denen man einzelne zulassen und aus dem man andere ausschließen kann. Und in diesem Kontext steht eben jetzt die Debatte zum Islam: Sortieren wir ihn ein als „zu uns gehörig“ oder als „fremd“? Und es ist kein Zufall, dass die Antwort auf diese Frage daran geknüpft wird, ob sich „der Islam“ zu „unserem“ Parteiprogramm bekennt.
Dieses Verständnis von Politik als Interessens- oder Identitätspolitik müsste dringend überdacht werden. Das habe ich in der Frauenbewegung gelernt. Die Frauenbewegung hat ja nie ein „Programm“ zustande gebracht (zum Glück), und obwohl auch hier anfangs die eigene Position unter „Fraueninteressen“ in der Logik der Parteipolitik zu denken versucht wurde, ist die „Identität“ der Frauen doch schnell hinterfragt und kritisiert worden. Die Frauenbewegung, so zeigte sich, braucht kein identitäres Subjekt, um handlungsfähig zu sein.
Die alte, von den männlichen „Gleichheits“-Vertretern hervorgebrachte Aufteilung der Welt in eine angeblich „öffentliche“ und eine angeblich „private“ Sphäre verweist dabei auf eine mögliche Auflösung, und zwar in Form der Familie, die als Gegenmodell zur Partei fungiert. Zu einer Familie gehört man nämlich gerade nicht, indem man sich zu einem bestimmten Programm bekennt, sondern einfach so, qua Geburt. Es ist eine Tatsache, dass ich zu einer bestimmten Familie gehöre, eine Tatsache, auf die ich keinen Einfluss habe. Und diese Tatsache wird auch nicht dadurch hinfällig, dass ich mich eventuell an bestimmte Familientraditionen nicht halte oder diese verändern will. Ich bin dann möglicherweise ein „schwarzes Schaf“, aber ich gehöre dennoch dazu.
Ebenso ist meine Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht nichts, was ich durch „unweibliches“ Verhalten aufs Spiel setzen könnte. Egal, was ich tue, ich bin eine Frau. An dieser Stelle könnten wir ansetzen, um auch andere „Identitätspolitiken“ zu hinterfragen. Was Deutschsein ausmacht, das ergibt sich nicht aus der Zustimmung und Anerkennung eines „deutschen Parteiprogramms“, sondern aus der schlichten Tatsache, in Deutschland zu leben oder einen deutschen Pass zu haben und sich selbst zugehörig zu fühlen. Und jede Definition von „Deutschsein“ ist nichts anderes als eine aktuelle Bestandsaufnahme all dessen, was „Deutsche“ tun oder nicht. Deutschsein ist kein „Programm“, sondern eine Tatsache.
Neben Nationalitäten oder politischen Bewegungen (wie der Frauenbewegung) könnte dieses Prinzip der Zugehörigkeit statt Identität auch auf andere Gruppierungen übertragen werden, zum Beispiel auf Religionen. Was etwa „das Christentum“ oder „der Islam“ ist, lässt sich nämlich ebenfalls nicht aus irgendwelchen Jahrhunderte alten Schriften oder Dogmen ableiten (auch wenn die alten Männer, die diese Programme und Dogmen verwalten, das gerne so hätten), sondern aus dem, was diejenigen, die sich zu einer Religion zugehörig erklären, jeweils tun oder lassen.
Dies ermöglicht ein anderes Verständnis von Freiheit: Ebenso wie ich meine Zugehörigkeit zu einer Familie nicht dadurch verliere, dass ich ihre Traditionen verlasse, dass ich dissident bin, ebenso wenig verliere ich meine Zugehörigkeit zur Frauenbewegung, bloß weil ich anderer Meinung bin wie Simone de Beauvoir, oder meine Zugehörigkeit zu Deutschland nicht dadurch, dass ich etwas anderes tue als das, was historisch die „deutsche Leitkultur“ gewesen ist oder mein Christinsein nicht dadurch, dass ich irgendwelche Verlautbarungen der Kirchenspitzen falsch finde.
Ich schlage also vor, politische und weltanschauliche Debatten nicht länger entlang der Bestimmung einer „Identität“ zu diskutieren, sondern entlang der Bestimmung von „Zugehörigkeit“. Beziehungsweise den Zusammenhang umzudrehen: Nicht die Identität, die Gleichheit, die Übereinstimmung mit einem Programm oder einer Leitkultur ist die Grundlage für Zugehörigkeit, sondern andersrum: Die Zugehörigkeit entscheidet darüber, wie das „Programm“ oder die „Leitkultur“ aussieht, weil dies nur die Summe dessen ist, was alle „Zugehörigen“ tun oder lassen.
Das hat auch den großen Vorteil, dass Differenz dabei denkbar wird, dass inhaltliche Konflikte und Kontroversen fruchtbar gemacht werden können, zum Nutzen des Ganzen. Und es zeigt auch, was hinter islamfeindlichen Einstellungen wirklich steckt: Nämlich nicht etwa eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Ansichten, die man selbst falsch findet, sondern gerade die Abwehr und Verweigerung solcher inhaltlichen Auseinandersetzungen.
Oder anders gesagt: Mit Leuten, von denen ich behaupte, dass sie ohnehin nicht dazu gehören, brauche ich ja nicht diskutieren. Ich kann sie einfach vor die Tür setzen.
Update: Christoph Fleischer hat diese Gedanken in einem eigenen Blogpost weitergedacht


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