Das Ende der Alleinverdiener-Ehe führt zu mehr materieller Ungleichheit. Ich habe über dieses Problem vor Jahren mal in einem Aufsatz von Nancy Fraser gelesen und erwähne es seither bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Jetzt ist es auch statistisch belegt und führt hoffentlich zu weiterführenden Diskussionen.
Nach einer neuen Studie ist nämlich eine der Hauptursachen für die wachsende Kluft von Arm und Reich, dass sich die Unterschiede im Familieneinkommen nahezu verdoppeln, wenn nicht mehr nur der Mann, sondern auch die Frau voll erwerbstätig ist. Denn Paare finden sich tendenziell nach sozialer Schicht zusammen – Gutverdiener heiraten Gutverdienerinnen, Schlechtverdienerinnen heiraten Schlechtverdiener. Für das Familieneinkommen ist das logischerweise ein sehr großer Unterschied im Vergleich zur alten „Hausfrauenehe“. Das ist eines der vielen Beispiele dafür, dass bloße Emanzipation, die Gleichstellung der Frauen mit den Männern, keine gute Idee ist, wenn ansonsten alles beim Alten bleibt.
Meiner Ansicht nach haben wir es hier nicht nur mit einem Geldverteilungsproblem zu tun. Gestern Abend nahm ich in Düsseldorf an einer Podiumsdiskussion zum Frauentags-Jubiläum teil. Eine der Mitdiskutantinnen war Tina Müller, eine Topmanagerin bei Henkel. Natürlich ging es auch wieder um die Frage nach Frauen in Führungspositionen. Müller steuerte eine Beobachtung bei, die ich in dem Zusammenhang interessant finde: Sie hält es für fraglich, ob die Forderung nach mehr Männern in Haus- und Fürsorgearbeit wirklich dazu beitragen würde, dass mehr Frauen in Top-Positionen kämen. Denn ihrer Beobachtung nach wollen beruflich erfolgreiche Frauen keine „Hausmänner“ haben, sondern Partner, die ebenfalls auf irgend eine Weise „Karriere“ machen.
Man könnte das jetzt natürlich einfach mit stereotypen Rollenmustern erklären, aber ich glaube, das ist nicht alles. Man braucht nämlich nicht die Sozialisation (von der Biologie ganz zu schweigen), um die Wünsche und Motivationen zu erklären, die Frauen angeben, wenn sie Führungspositionen anstreben: Dass es ihnen vor allem darum geht, einflussreich zu sein, etwas Sinnvolles zu tun, oder dass sie einfach Spaß an ihrem Beruf haben. Worum es ihnen hingegen so gut wie gar nicht geht, das ist inhaltsleerer Status – der berühmte dicke Dienstwagen, der privilegierte Clubzugang, der Orden an der Brust. Ich wüsste nicht, was daran erklärungsbedürftig ist, es ist ja doch einfach vernünftig. Genau anders herum wird ein Schuh draus: Der alte Statusbegriff ist erklärungsbedürftig – und ich finde die These nicht steil, das er etwas mit der patriarchalen Vorstellung von „Höherwertigem“ und „Niedrigem“ zu tun hat.
Die Freiheit der Frauen hat damit Schluss gemacht. In einer Welt, die aus freien, wenn auch unterschiedlichen Menschen besteht, ist Statusdenken eigentlich antiquiert. Allerdings haben sich die gesellschaftlichen Institutionen noch nicht entsprechend verändert. Immer noch ist Status eine der wesentlichen „Belohnungen“, die man für das Erreichen einer Führungsposition bekommt (neben mehr Geld und mehr Einfluss). Das ist meiner Ansicht nach auch ein wesentlicher Grund, warum Frauen nicht so super-enthusiastisch Führungspositionen anstreben und sich sehr genau überlegen, ob sie das wollen und welchen Preis sie bereit sind, dafür zu zahlen. Nicht, weil sie so schüchtern wären, sondern weil es für sie eben weniger zu „gewinnen“ gibt als für Männer (alten Schlags). Die „Belohnungen“ entsprechen nur teilweise dem, was Frauen (und auch immer mehr „postpatriarchale“ Männer) tatsächlich als Belohnung ansehen.
Ich denke, auch das Verhalten in der Wahl des Partners spielt hier hinein. In der alten Ordnung gehörte zur „männlichen Statusbildung“ nämlich durchaus auch das „Heiraten nach unten“ (Chefarzt und Krankenschwester usw.) Die nicht-erwerbstätige Ehefrau war ein Statussymbol, mit dem der Mann zeigen konnte, dass er so viel verdiente, dass seine Frau es „nicht nötig hatte“, selbst Geld zu verdienen. Diese Fassade wurde teilweise sogar dann aufrecht erhalten, wenn das reale Einkommen gar nicht so hoch war: Im Zuge der Verbürgerlichung der Arbeiterbewegung war der Kampf für das Statussymbol „Hausfrau“ ein wesentlicher Bestandteil.
Frauen hingegen – und vermutlich auch immer mehr vernünftige Männer – mögen diese Art von Überlegenheit innerhalb ihrer Beziehungen nicht. Sie wollen mit ihrer Partner_innen-Wahl nicht irgend einen Status festigen, sondern sie wählen nach Vorlieben. Sie schätzen Partner und Partnerinnen mit ähnlichen Interessen, mit ähnlichem Bildungsstand – und damit eben, so wie unsere Gesellschaft organisiert ist, zwangsläufig leider auch mit ähnlichem Einkommen.
Darin liegt durchaus etwas Tragisches: Der egalitäre Impuls, der von Frauen ausgeht, wenn sie Beziehungen „auf Augenhöhe“ und ohne Hierarchie bevorzugen, führt im Rahmen der gegebenen Strukturen faktisch zu mehr Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Weil sie dann eben den alten sozialen Ausgleich (reicher Mann heiratet arme Frau) nicht mehr bedienen. Oder anders herum: Männer mit wenig eigenem Erwerbseinkommen haben viel schlechtere Chancen, sich „reich“ zu heiraten, als (früher) Frauen ohne eigenes Erwerbseinkommen.
Ich habe keine Lösung für das Problem, aber ich finde, wir sollten darüber offen diskutieren. Klar ist: Gleichstellungspolitik muss Hand in Hand gehen mit einer größeren sozialpolitischen Perspektive. Wenn das „Individuum“ als soziale Grundeinheit an die Stelle der „Familie“ treten soll (und das sollte es meiner Ansicht nach definitiv!) – dann ist das im Hinblick auf ein „gutes Leben für alle“ nur ein Fortschritt, wenn wir gleichzeitig andere Wege finden, die materielle Ungleichheit zu verringern.
Update: Hier noch Ergebnisse einer aktuellen OECD-Studie zu dem Thema


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