
Da ich dieses Jahr schon wieder nicht auf der Republica war – eigentlich aus denselben Gründen wie letztes Jahr – aber mich doch darüber gefreut habe, dass im Vergleich zu früher recht viele Frauen dort waren, habe ich das ein oder andere im Livestream angeschaut und war auch gespannt auf die Berichte hinterher. Hier, was mir aufgefallen ist.
1. Dreißig Prozent Frauen sind gefühlte Gleichberechtigung
Diese alte Faustregel scheint sich auch hier zu bewahrheiten. Wurde letztes Jahr noch über den niedrigen Frauenanteil auf den Panels diskutiert, so scheint in diesem Jahr nach allgemeiner Einschätzung zahlenmäßig alles Paletti gewesen zu sein. Manch einer schrieb gar, dass „gefühlt jede zweite Session“ was mit diesem Frauenzeugs zu tun hatte.
Dieses Auseinanderdriften von faktischer und gefühlter Frauenpräsenz ist typisch für eine Gesellschaft, die zwar Gleichberechtigung befürwortet, aber doch symbolisch männlich bleibt. Denn dreißig Prozent heißt: Der Frauenteil ist nicht mehr gar so arg niedrig, dass ganz offensichtlich irgendwas im Argen liegt. Und dann kann man es damit ja bewenden lassen.
Ich finde allerdings, man sollte sich hier nicht nur von Gefühlen leiten lassen, sondern objektiv bleiben und sich an die Zahlen halten. Dreißig Prozent sind zwar nicht nichts, sie mögen sogar eine gefühlte Übermacht sein, mathematisch sind sie aber nicht mal ein Drittel.
2. Frauen sind okay, aber bitte nicht über Feminismus reden
Auch über die reinen Zahlen hinaus, ob real oder gefühlt, wurde Unbehagen geäußert. Zwar nicht gegen die Anwesenheit von Frauen an sich, aber gegen das, was sie redeten. Zu viel Feminismus. Mich hat das zunächst erstaunt, denn mir war positiv aufgefallen, dass die meisten der von Frauen initiierten Panels sich gerade nicht explizit mit Feminismus beschäftigten, sondern allgemeine Themen aufgriffen – den Umgang mit Trollen, die Repräsentanz marginalisierter Gesellschaftsgruppen, das Flittern…
Aber es ist natürlich klar, wieso dieser Eindruck entstand, von Feminismus geradezu umzingelt zu sein: Auf diesen Podien saßen Frauen und auch einige Männer, die in diese „allgemeinen“ Themen eine feministische Sicht einbrachten. Die also die Geschlechterdifferenz als Analysekategorie ins Spiel brachten – und das machte dann in der Wahrnehmung vieler die gesamte Veranstaltung zu einem „Feminismusdings“. (Hier eine schöne Analyse von Dörte Giebel)
Ich nenne das die „Simone de Beauvoir-Falle“. Denn Beauvoir war die erste, die dieses Schicksal ereilte. Von einer anerkannten Philosophin und maßgeblichen Vertreterin des Existenzialismus mutierte sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer „Frauen-Frau“, als sie Das andere Geschlecht herausbrachte. Indem sie sich der Analyse der Geschlechterverhältnisse zuwandte, hatte sie ihren Status als allgemeingültige Denkerin verspielt. Und das, obwohl sie sich selbst nicht einmal als Feministin verstand (zu dem Zeitpunkt, der Frauenbewegung schloss sie sich erst später an).
Dieser Mechanismus bringt Frauen in ein ernstes Dilemma und ist meiner Ansicht nach einer der Hauptgründe dafür, warum sich viele nicht mit der Frauenbewegung und dem Feminismus identifizieren möchten. Denn wenn sie in ihren Fachgebieten einflussreich sein möchten, ist es faktisch kontraproduktiv, das Frausein zum Thema zu machen. Helga Hansen bringt das Dilemma in einem Rückblick zur Republica auf den Punkt, wenn sie fragt: „Muss ich in Zukunft verschweigen, dass ich Feministin bin, damit mich auch ZDFneo ernst nimmt, oder vielleicht gleich als Mann auftreten, damit meine Themen endlich als hart angesehen werden?“
Ja, genau das ist der Vorschlag, den die „gleichberechtigte“ Welt den Frauen macht. Wobei, wohlbemerkt, dieses „als Mann auftreten“ nicht etwa bedeutet, dass dabei Geschlechtergrenzen und Stereotype überwunden werden. Denn wie sollte man etwas überwinden, das man gar nicht thematisieren darf, sondern als nebensächlich betrachten muss?
Frausein als solches ist kein Problem. Das Frausein zu thematisieren ist das Problem. Dass Simone de Beauvoir eine Frau war, wusste jeder, auch schon lange bevor sie „Das andere Geschlecht“ schrieb. Dass sie eine Frau war, gefährdete ihre Position als „echter Philosoph“ nicht. Aber dass sie ein Buch über das Frausein schrieb, in Kombination mit der Tatsache, dass sie selbst eine Frau (also quasi eine „Betroffene“) war – das war es, was sie als allgemeine Philosophin disqualifizierte.
Der Knackpunkt ist also damals wie heute nicht die Frage: Wie kommen Frauen irgendwo rein? Sondern: Wie können Frauen die Geschlechterdifferenz thematisieren, ohne dass sie deswegen den Status von etwas „Besonderem“ bekommen und in der Konsequenz dann nicht mehr auf das gehört wird, was sie zu sagen haben? (Bei einer Tagung zum Thema „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen haben wir das vor einiger Zeit schon einmal diskutiert. Hier ein Protokoll).
Etwas hat sich immerhin seit den Zeiten von Beauvoir geändert: Es gibt heute auch Männer, und nicht mal wenige, die die Geschlechterdifferenz kritisch thematisieren und denen dabei die Freiheit der Frauen am Herzen liegt. Damals hingegen war es zwar Jean-Paul Sartre, der die Idee hatte, man müsse mal die Geschlechterdifferenz aus einer existenzialistischen Perspektive heraus analysieren. Aber diese Idee kam ihm nur, um das Projekt Beauvoir vorzuschlagen. Wieso hat er das Buch eigentlich nicht selbst geschrieben? Und: Wäre sein Status als „Philosoph“ dadurch ebenfalls gefährdet gewesen?
Ich würde mich gerne mal mit feministischen Männern darüber austauschen, ob sie auch die Erfahrung machen, „partikularisiert“ zu werden, sobald sie in nicht-feministischen Kontexten Geschlechterverhältnisse zum Thema machen. Oder ob die Tatsache, dass sie ein Mann sind, sie vor dieser Falle schützt. Vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit.
3. Differenzen unter Frauen
Die symbolische Unordnung einer Welt, in der das Männliche weiter die Norm bleibt und das „Sprechen für die Allgemeinheit“ an die Bedingung geknüpft ist, dass expliziter Feminismus tabu bleibt, hat eine bedenkliche Nebenwirkung: Es erschwert eine fruchtbare Diskussion von Frauen untereinander. Denn das ganze Setting bringt Frauen, die das Geschlechterverhältnis dennoch thematisieren, in eine gewisse Verteidigungshaltung. Angesichts all der unqualifizierten Angriffe ist die Versuchung groß, zusammenzurücken, sich gegenseitig zu loben, zu unterstützen, zu feiern.
Das ist natürlich auch wichtig. Aber jede Theorie, jede politische Bewegung, jede Initiative, die Neues in die Welt bringen will, braucht auch ein echtes, kritisches Feedback. Denn wie soll ich mich weiterentwickeln, wie soll ich Fehler entdecken, wie soll ich auf neue Ideen kommen, wenn niemand mich kritisiert? Wenn niemand mir sagt, was ich besser machen kann, wenn mich niemand darauf hinweist, wenn mir etwas nicht gelungen ist? Das ist die schwierigste Aufgabe, die aus meiner Sicht nun ansteht: Eine konfliktreiche, aber gerade deshalb fruchtbare Diskussion unter Frauen und feministischen Männern hinzukriegen.
Am Anfang dieser Diskussion steht eine Entscheidung, die jede persönlich treffen muss: Wem höre ich zu, mit wem rede ich, mit wem setze ich mich auseinander? Und mit wem nicht? Das ist die berühmte „Politik der Beziehungen“, die die Frauenbewegung erfunden hat. Und zwar mit der Erkenntnis, dass es nichts bringt, dieses „Mit wem rede ich? Mit wem setze ich mich in eine Beziehung?“ davon abhängig zu machen, mit wem ich inhaltlich übereinstimme und mit wem nicht (wie es in der „Parteipolitik“ üblich ist).
Die Frage ist, ob man die Auseinandersetzung mit dieser bestimmten Person für interessant und spannend hält. Ob ich ihr oder ihm Autorität zuspreche – zum Beispiel die Autorität, mein Handeln kritisch zu beurteilen. Die Philosophin Andrea Günter hat das einmal so beschrieben: Autorität hat für mich eine, mit deren Ansichten ich nicht übereinstimme, bei der ich aber doch nicht umhin kann, mich mit ihr auseinanderzusetzen.
Bloße Solidarität unter Frauen bringt nicht weiter, auch nicht angesichts einer weitgehend ignoranten Umgebung. Es sind unsere Differenzen, die uns weiterbringen, an denen entlang wir neue Erkenntnisse gewinnen, mehr Sicherheit im Handeln und den Mut zu Visionen, die über das Immergleiche hinausgehen.
Auch im Zusammenhang mit Republica-Rückblicken sind ja erste Differenzen unter Frauen schon aufgekommen. Ich finde, genau das ist ein ganz hervorragender Ausgangspunkt für weitere feministische Netzpolitik.


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