Grade habe ich das neue Reclam-Büchlein „Die Geschichte der Frauenbewegung“ von Michaela Karl gelesen, und ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Einerseits ist es ja schön, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, all das mal schön säuberlich aufzuschreiben: Die ganzen Versammlungen, die Namen der Berühmtheiten, die Jahreszahlen. Andererseits, ich weiß nicht, bleibt ein schaler Geschmack. Ist das die Frauenbewegung?
Mit Geschichtsbüchern hatte ich schon immer so meine Probleme, egal ob es um die alten Griechen ging oder um die Sumerer, die, soweit ich erinnere, noch früher waren. Ich konnte mir diese Sachen einfach nicht merken. Durch Prüfungen habe ich mich durchgemogelt. Zum Beispiel erinnere mich noch dran, wie ich bei meiner Grundstudiums-Klausur in Kirchengeschichte auf dem Weg zur Uni mir die wesentlichen Zahlen von meiner besser bewanderten Kommilitonin aufsagen ließ, ich behielt sie genau so lang, bis die Klausur geschrieben war. Besagte Kommilitonin fiel aus allen Wolken, als ich nicht mal das Jahr der Französischen Revolution wusste.
Heute kann ich mir gar nicht vorstellen, wie man das Jahr der Französischen Revolution nicht wissen kann, aber das liegt daran, dass mir die Französische Revolution etwas bedeutet. Sie war das Datum, zu dem die Gleichheit der Männer sich als politische Idee in Europa durchsetzte und der Ausschluss der Frauen aus der Politik besiegelt wurde. Das steht natürlich in keinem dieser Geschichtsbücher.
Die Punischen Kriege sagen mir was, seit ich mit großem Vergnügen „Hannibal“ von Gisbert Haefs gelesen habe und seither ein Fan von Kathargo bin und das Römische Imperium in die zehn größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte einordne. Im Geschichtsunterricht war mir hingegen nie klar geworden, was für einen Sinn es haben soll, sich mit punischen Kriegen zu beschäftigen.
Die Geschichtsbücher waren für mich vielleicht auch deshalb so langweilig, weil praktisch keine Frauen drin vorkamen. Ungefähr Mitte der 1980er Jahre begann unter Frauen die Diskussion darüber, dass das ja eigentlich unsäglich ist, und los ging die Welle der historischen Frauenforschung. Seither sind Unmengen von Sachen erforscht worden, die die Männer vorher „vergessen“ hatten, und das ist natürlich gut so. Trotzdem blieb das Ganze für mich etwas unbefriedigend, irgendwie wirkte die Geschichte der Frauen so „drangeklatscht“ an die Männergeschichte. Dazu habe ich schonmal einen Vortrag geschrieben, den es auch als Podcast gibt.
Und jetzt gibt es also auch die Geschichte der Frauenbewegung von der Aufklärung bis heute auf handlichen 250 Seiten zum Nachschlagen. Sicher irgendwie eine feine Sache, aber andererseits genauso dröge wie die Geschichte der punischen Kriege.
Es liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache. In Geschichtsbüchern werden komplexe Ereignisse auf kurze Spotlights zusammengeschnurrt. Differenzierte soziale Bewegungen mit Unmengen von Akteurinnen werden kristallisiert zu den vier, fünf „wichtigen“ Persönlichkeiten, vielschichtige Debatten in zwei, drei „Hauptkonfliktlinien“ kondensiert, und das Ergebnis ist dann einfach falsch.
Manchmal richtig falsch, weil die Autorinnen solcher Bücher die Ereignisse ja nicht wirklich selbst erforschen, sondern aus der sich schon als maßgeblich etabliert habenden Literatur das Wichtigste abschreiben, auch wenn es falsch ist. In diesem Fall wird zum Beispiel für die amerikanische Frauenbewegung mal wieder Victoria Woodhull verschwiegen (auch über die gibt’s von mir einen Podcast) und ihre Wahlrechtskampagne Susan Anthony ans Revers geheftet. So steht es halt überall, also muss es wahr sein. Ist es aber einfach nicht.
Aber falsch sind diese Geschichtsbücher nicht nur, weil sie Fehler, die sich einmal etabliert haben, immer und immer wieder wiederkäuen, sondern weil sie auch dann, wenn die Fakten stimmen, ein falsches Bild abgeben. Geschichte ereignet sich nicht in historischen Daten und historischen Persönlichkeiten.
Die Frauenbewegung hat das mit ihrer Kritik an der männerzentrierten Geschichtsschreibung eigentlich entlarvt gehabt. In dem Moment, als klar wurde, dass sie falsch sein muss, weil eine Hälfte der Menschheit überhaupt nicht drin vorkam, wäre das eigentlich eine Chance gewesen, das Konzept „Geschichtsbuch“ einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Und zu überlegen, wie man das mit der Erinnerung und der Bezugnahme auf die Vorgängerinnen und Vorgänger vielleicht sinnvoller bewerkstelligen könnte.
Stattdessen wurden die Frauen „gleichgestellt“. Einige von ihnen wurden in die Geschichtsbücher aufgenommen (immer noch ziemlich wenige übrigens), und auch ihre soziale Bewegung bekommt jetzt ein Geschichtsbuch. Mit dem Ergebnis, dass die Falschheit des Konzeptes „Geschichtsbuch“, so wie wir es kennen – also entlang von Jahreszahlen bedeutender Ereignisse und Würdigungen bedeutender Personen – noch ein bisschen mehr verschleiert wurde. Dumm gelaufen, eigentlich.
Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung. Reclam Sachbuch, Ditzingen 2011, 6 Euro.


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