Neulich traf ich zufällig eine alte Bekannte, wir hatten uns ziemlich lange nicht gesehen, tauschten uns ein bisschen aus, wie das so ist. Zum Abschied fragte ich sie, ob sie bei Facebook sei – ich dachte mir, es müsste ja nun nicht wieder mehrere Jahre dauern, bis wir was von einander hören.
Sie sagte Ja, sie sei bei Facebook, da komme man ja nun heutzutage nicht drum herum. Allerdings würde sie dort keine Informationen von sich preisgeben, man wüsste ja, dass damit schreckliche Sachen gemacht werden. Die meisten Leute wären doch viel zu leichtfertig und würden jeden Unfug da hinschreiben. Außerdem wären das alles Angeber und Wichtigtuer und Selbstdarsteller. Ich übersetzte mir das: Diese Leute (Leute wie ich also) sind ein bisschen doof. Sie, meine Bekannte, hingegen würde gar nichts an ihrer Pinnwand posten. Es würde ihr genügen, die Sachen von anderen zu lesen. Aber ja, befreunden könnten wir uns.
Puh dachte ich, schon wieder so eine Internet-Schmarotzerin. Die gehen mir nämlich je länger desto mehr auf die Nerven. Wollen immer alles rausholen, aber nichts reinschreiben. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber ich habe den Eindruck, sie werden in letzter Zeit mehr. Irgendwie wollen sie nicht länger „draußen“ bleiben, aber „rein“ wollen sie auch nicht.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Leute das Internet nur passiv nutzen. Es kann viele Gründe dafür geben: keine Zeit, keine Lust, keine Ahnung. Manche Leute sind zu schüchtern, um sich öffentlich zu positionieren, anderen macht das keinen Spaß oder sie haben andere Sachen zu tun, viele sind verunsichert von den „Huhu das schlimme-Internet“-Debatten, und wieder andere glauben, was sie zu sagen haben wäre doch total uninteressant. Kann ich alles verstehen und will ich gar nicht reinreden.
Nein, was mich in Rage bringt ist, wenn dieses „Ich schreib nichts ins Internet“ im Duktus der Überheblichkeit daher kommt, so nach dem Motto: Ich schreibe nichts ins Internet und deshalb bin ich toller und cooler als diese ganzen Deppen, die sich da vor aller Öffentlichkeit entblößen.
Denn: Wenn niemand was ins Internet schreiben würde, gäbe es da auch nichts rauszuholen, so einfach ist das. Mir passiert es inzwischen häufig, dass ich Bekannte irgendwo treffe, die allerbestens über mich informiert sind; sie wissen, wo ich im Urlaub war, welche Bücher ich gelesen habe, etcetera, und sie finden das auch ganz toll – und irgendwie scheint es sie gar nicht zu stören, dass ich im Gegenzug von ihnen gar nichts weiß. Hallo, du Schmarotzerin sage ich dann. (Übrigens: Wer nicht bei Facebook sein will, wofür es ja tatsächlich gute Gründe gibt, kann irgendwo anders was ins Internet reinschreiben, ich finde euch schon!)
Noch einmal: Ich habe eigentlich gar nichts gegen Leute, die nur nehmen und nichts geben. Ganz im Gegenteil. Ich bin ja selbst an vielen Stellen eine Schmarotzerin, zum Beispiel bin ich eine Kleine-Handwerker-Arbeiten-Schmarotzerin. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Staubsaugerbeutel ausgetauscht. Ich kann kaputte Glühbirnen länger ignorieren als irgendjemand sonst. Aber mir ist es bewusst, dass das eine schmarotzerische Haltung ist. Ich weiß, dass es notwendig ist, diese Dinge zu erledigen, nur dass ich das eben nicht will und nicht kann (was bekanntlich miteinander zusammenhängt). Und deshalb ich bin dankbar und froh, dass ich bisher immer mit Leuten zusammen gewohnt habe, die das für mich mit erledigt haben.
Auch auf gesellschaftlicher Ebene bin ich für Schmarotzertum, zum Beispiel bin ich für ein bedingungsloses Grundeinkommen, was ja nichts anderes bedeutet als: Alle bekommen Geld, ohne dafür etwas geben zu müssen. Denn so ist einfach das Leben: Menschen sind immer und jederzeit davon abhängig, dass andere für sie Dinge miterledigen. Deshalb sollen auch alle bekommen, was sie brauchen, ohne etwas dafür zu tun. Und damit meine ich ausdrücklich auch die Internet-Schmarotzerinnen. Es sei ihnen gegönnt, dass sie sich da raus holen, was immer sie brauchen, ohne jede Gegenleistung. (Vielleicht ist das Internet ohnehin das Medium, das uns dabei hilft, die Schmarotzerei als gesellschaftlich akzeptierte Lebensform zu verbreiten. Denn es gibt kein besseres Medium, um zu lernen, dass es ganz normal ist, Dinge zu bekommen, ohne etwas zurückgeben zu müssen. Und das ist fantastisch!)
Aber wir brauchen dann auch ein kulturelles Umdenken, das diese Tatsache zur Sprache bringt und reflektiert. Mit anderen Worten: Wir müssen unser Schmarotzertum zugeben und nicht so tun, als sei es unser gutes Recht, dass wir uns selbst bedienen ohne was zurückzugeben, wo immer das möglich ist. Als sei es ein Zeichen besonderer Medienkompetenz, sich alles mögliche aus dem Internet rauszuholen, ohne selbst was reinzuschreiben. Oder als sei es unser gutes Recht, niemals einen Staubsaugerbeutel auszutauschen, weil das gefälligst andere machen sollen.
Nein, es ist nicht unser gutes Recht, aber wir dürfen es trotzdem tun! (Ich weiß, ein schwieriger Gedanke, aber versucht es mal).
Wir alle sind ein Teil des Systems, von dem wir schmarotzen, und deshalb ist es unsere Pflicht, dieses System mit zu erhalten, ohne dass uns jemand konkret zu irgendetwas zwingen oder verpflichten könnte. Der erste (und wichtigste, vielleicht sogar der einzige) Schritt für diesen kulturellen Wandel ist: Zugeben, dass man schmarotzt. Und dankbar dafür zu sein, dass man das kann. Und eben nicht sich hinstellen, als sei man deshalb besonders cool und toll und gewitzt.
Denn eigentlich gibt es eine „Bürger_innenpflicht zum Bloggen“. So, wie es auch eine Verpflichtung gibt, ab und zu den Staubsaugerbeutel auszutauschen.

Was meinst du?