Gab es in früheren Zeiten ein Matriarchat, also Gesellschaften, in denen Frauen nicht als zweitrangige, über den Mann definierte Wesen galten, sondern im Zentrum standen? Oder handelt es sich dabei um einen Wunschtraum heutiger Feministinnen, um eine Rückprojektion? Sind Matriarchats-Theorien – die ursprünglich ja von männlichen Denkern wie Bachofen geprägt wurden – eine Hilfe oder eine Hürde auf dem Weg zu weiblicher Freiheit?
Seit 150 Jahren wird über diese Frage intensiv diskutiert, und teilweise mit harten Bandagen. Die Wissenschaftlichkeit von Matriarchatsforscherinnen wie Heide Göttner-Abendroth wird immer wieder angezweifelt. Doch auch auf der Gegenseite wird häufig unlauter argumentiert.
Es ist offenbar schwer, sich dem Thema von einem neutralen Standpunkt zu nähern. Denn die Frage, ob Gesellschaften grundsätzlich anders organisiert sein können, als wir das nach 5000 Jahren Patriarchat gewohnt sind, ist nicht nur von akademischem Interesse. Sie betrifft den Kern der menschlichen Politik, und daher ist jede Theorie dazu – ob pro oder contra – unweigerlich mit einer eigenen politischen Standortbestimmung verknüpft.
Helga Laugsch hat in ihrer Doktorarbeit, die jetzt in einer überarbeiteten und erweiterten Auflage vorliegt, den Diskurs über die Matriarchatstheorien in der zweiten Frauenbewegung dokumentiert. Dabei geht sie davon aus, dass aufgrund der Quellenlage es unmöglich ist, zweifelsfrei zu beweisen, ob es Matriarchate gegeben hat oder nicht. Aber dass es dennoch höchst aufschlussreich ist, die Art und Weise zu betrachten, wie darüber debattiert wurde (und wird).
Ein detailliertes, quellenreiches und lesenswertes Buch, das einen in der öffentlichen Debatte meist unterbelichteten Diskurs der zweiten Frauenbewegung dokumentiert.
Helga Laugsch: Der Matriarchatsdiskurs (in) der Zweiten Deutschen Frauenbewegung. Herbert Utz Verlag, München 2011, 485 Seiten, 50 Euro.

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