Nachdem die von Journelle ungeplant angestoßene Bilderaktion unter dem Hashtag #609060 bei Instagram schon in einigen Blogs und später auch in den online-Portalen von Spiegel und Stern diskutiert worden ist, habe ich doch noch ein bisschen Senf dazu zu geben.
Für diejenigen, die es eventuell nicht mitbekommen haben: Da posten viele Frauen und ein paar Männer Bilder von sich, auf denen zu sehen ist, was sie anhaben, in welcher Kleidung sie aus dem Haus gehen. Als ich das erste Mal davon gelesen habe, hatte ich sofort Lust, mitzumachen, ohne groß darüber nachzudenken.
Es gab dann einige bedenkenswerte Kritik, etwa von Anke Groener und von der Mädchenmannschaft, die darauf hinweisen, dass es natürlich eine Illusion ist, auf diese Weise gänzlich aus den Normierungen weiblicher Körper auszubrechen, und dass eben nicht „einfach so alle mitmachen“ können. Der Einwand ist richtig und wichtig.
Ich hatte nach der Lektüre aber trotzdem noch Lust, mitzumachen. Und zwar weil ich glaube, dass diese merkwürdige Praxis, sich morgens vor dem Spiegel zu vergewissern, wie man aussieht, auf welche Weise man den eigenen Körper in die Öffentlichkeit bewegt, eine wichtige Kulturpraxis ist.
Meine These ist, dass sich der Erfolg dieser Aktion und die Lust von so vielen, sich daran zu beteiligen – mehr Frauen als Männern –, nicht in erster Linie der Wunsch ist, gegen Körpernormierungen zu protestieren (dazu wäre die Aktion nämlich in der Tat nicht gut geeignet), sondern dass etwas anderes dahinter steckt: Der Wunsch, sich der Bedeutung von Schönheit zu vergewissern – und der Spaß daran, diese persönliche Auseinandersetzung mit Schönheit auch öffentlich zu dokumentieren und das Ergebnis mit anderen zu auszutauschen.
Das Thema hat mich wohl auch deshalb angesprungen, weil ich mich im April bei einem Denkwochenende mit politischen Freundinnen genau über dieses Thema ausgetauscht habe: Darüber nämlich, wie unser Aussehen, die Kleidung, die wir tragen, etwas damit zu tun hat, wie souverän, frei und selbstbewusst wir in der Öffentlichkeit auftreten.
Unser Thema war, wie Frauen in der Welt sichtbar und einflussreich sein können, ohne sich anzupassen. Und dabei ist die Frage des Aussehens – oft belächelt und für nebensächlich erklärt –eine ganz wichtige. Wir haben dafür das Bild der „fünf schönen Königinnen“ gefunden, in dem die drei Komponenten dessen benannt sind, was eine Frau, die in der Welt etwas bewirken will, braucht: Sie darf nicht allein sein, sie muss schön sein, und sie muss souverän sein (in dem Sinne, dass sie ihrem eigenen Urteil vertraut und nicht in erster Linie anderen gefallen will).
Ich finde tatsächlich, dass das ein politisches Thema ist, das natürlich die Geschlechterdifferenz unmittelbar berührt. Menschen, die sich in ihrem Körper und mit ihrem Erscheinungsbild wohlfühlen, sind selbstbewusster, mutiger, eher bereit, Konflikte auszuhalten und für ihre subjektiven Ansichten einzustehen. Die Wahl der Kleidung kommuniziert Dinge, Standpunkte, Werthaltungen – und es gibt guten Grund, das nicht für unwichtig und nebensächlich zu halten, sondern zu reflektieren, individuell und politisch, also im Austausch mit anderen.
Die Bedeutung der Schönheit in der körperlichen Selbst-Präsentation war auch der männlichen Tradition lange bewusst (man denke nur an Schmuck und Kleidung von Königen, Stammesführern, Priestern), aber mit der Aufklärung haben die Männer für sich die Uniform erfunden, die dieses Thema überflüssig macht: Alle ziehen dasselbe an, ein Zeichen für Gleichheit ebenso wie klare äußerliche Zeichen für die eigene Position in der Hierarchie – je nachdem, wie viele Streifen auf der Jacke sind, ist man General oder einfacher Soldat. Überflüssig zu sagen, dass auch Anzug und Krawatte eine Uniform sind. Uniformen sind die Kleider der Machtstrukturen, individuelles Outfit ist die Kleidung der Politik (denn Macht und Politik sind ja nicht dasselbe).
Dieses Thema hat viele interessante Aspekte: Zum Beispiel das Phänomen, dass Schönheit in diesem Sinne schwer zu wiederholen ist: Die Klamotte, mit der ich mich gestern super gefühlt habe, geht heute aus irgendwelchen Gründen überhaupt nicht. Oder dass Schönheit sich auf der Grenze zwischen Individualität und Allgemeinheit abspielt: Weder kann ich, wenn ich schön sein will, einfach das nachmachen, was alle tun (diese ganzen, der Norm perfekt entsprechenden Körper aus den Modejournals sind in diesem Sinne nicht schön, wie ich finde, sondern banal), noch kann ich total aus der aktuellen Mode oder den jeweils herrschenden Sehgewohnheiten ausbrechen. Ich muss dazwischen herumbalancieren. Außerdem ist die Klamotte eine Weise, mich zu den Orten, an die ich aufbreche, und den Menschen, denen ich dort begegne, in Beziehung zu setzen: Je nach Gelegenheit wähle ich etwas anderes. Der Blick in den Spiegel, bevor ich das Haus verlasse, bringt all diese Punkte intuitiv zusammen. Es gibt keine klaren Regeln, an denen ich mich orientieren kann – ich weiß nur, dass es wichtig ist, dass ich „schön“ bin, dass ich das brauche, um mich gut zu fühlen und mein Begehren in die Welt zu tragen.
Mir gefällt es, dass diese kulturelle Praxis mit der #609060- Aktion einen sichtbaren Ausdruck gefunden hat. Und ich würde mich freuen, wenn wir in diesem Umfeld noch mehr herumexperimentieren, das reflektieren und uns darüber austauschen. Wissend, dass wir gegen dieses bekloppte Norm-Dingens selber nicht gefeit sind und dass wir Gefahr laufen, dass es uns dabei immer wieder in dabei in die Quere kommt.

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