Maike sagt auf kleinerdrei ihrer Waage Adieu, gleichzeitig wird unter #waagnis ein neues Twitter-Hashtag gestartet, damit alle sich an der Debatte beteiligen, Leah ärgert sich, weil sie vermisst, dass sich bei all dem auf längst zum Thema Gesagtes und Gedachtes bezogen wird und liefert gleich als Service auch eine Linkliste mit.
Ich selbst beobachte die Debatten über Dicksein, Lookism (also Diskriminierung aufgrund des Aussehens) und all das schon seit ich bei Twitter bin mit etwas Verwunderung, denn natürlich sind Körperformen und Schönheitsideale ein uraltes Thema des Feminismus, aber für mich persönlich war das vor dem Internet irgendwie keines.
Heute morgen hatte ich nun die Idee, dass das vielleicht damit zu tun haben könnte, dass mir nicht nur ein feministisch geschult kritisches Verhältnis zu Körpernormen nach jahrzehntelangem Training quasi in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sondern dass vielleicht ein weiterer Grund ist, dass ich auch ein unverkrampftes Verhältnis zu der Tatsache habe, dass ich mich selbst – natürlich – zu dick finde. Ich habe sozusagen Frieden damit geschlossen, was mir wiederum den Raum verschafft, meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden.
Manchmal, wenn ich mich mal wieder zu dick finde, denke ich zum Beispiel: Ha! Wenigstens etwas, das ich mit anderen Frauen gemeinsam habe. Irgendwie mache ich mich so über mein eigenes Mich-zu-dick-Finden lustig. Ich habe also kapituliert, kämpfe nicht mehr dagegen an, ich fühle mich halt zu dick, auch wenn ich weiß, dass das totaler Blödsinn ist, aber so bin ich nun mal und so ist die Welt, in der ich lebe.
Das Fiese ist nämlich, dass eine Sache, gegen die man kämpft, gerade deshalb, weil man dagegen kämpft, nur umso wichtiger wird. Und das ist es auch, was mir an der Aktion des Waage-Wegschmeißens ein paar Fragezeichen verursacht. Möglicherweise könnte nämlich die – völlig richtige – Kritik an Schönheitsnormen dahin umschlagen, dass Frauen sich wieder mal selber schuldig fühlen, diesmal darüber, dass sie das mit dem Sichzudickfühlen einfach nicht lassen können.
Wie gesagt, ich mache ganz gute Erfahrungen damit, mich selber gut zu finden, obwohl ich mich dauernd zu dick finde.
Allerdings weiß ich nicht, ob meine Situation mit der einer Dreißigjährigen von heute vergleichbar ist (ich werde nächstes Jahr fünfzig). Dass es da eine Generationendifferenz geben könnte, wurde mir klar, als ich vor ein, zwei Jahren mal was von irgendeiner Ernährungsberatung gelesen hatte, bei der von Eiweiß die Rede war, und ich fragte auf Twitter kurz in die Runde, ob denn in Eigelb auch Eiweiß drin sei. Eine Endzwanzigerin antwortete mir sinngemäß: Natürlich, sowas wissen junge Frauen heutzutage auswendig.
Also, als ich Endzwanzigerin war, wussten wir sowas nicht auswendig. Wir haben uns in meiner Erinnerung überhaupt sowieso nicht um unser Essen gesorgt, wir haben einfach gegessen, was es gab. Außer denen, die morgens Körner fürs Müsli einweichten. Schon damals fühlte ich mich, wie es eben so Frauenschicksal ist, zu dick (obwohl ich viel dünner war als heute), aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, mich deshalb genauer mit meinem Essen zu beschäftigen. Für sowas hatten wir gar keine Zeit, wir machten Politik und Revolution!
So ist das bei mir bis heute, das Michdickfühlen hat schlicht keine großartigen weiteren Konsequenzen für mein Leben. Ich habe zwar eine Waage, aber ich stelle mich ungefähr einmal im Jahr drauf. In meiner unmittelbaren Umgebung ist niemand, der es wagen würde, mir zu sagen, dass ich zu dick bin. Manchmal finde ich mich im Fitnessstudio beim Umziehen zu dick, und dann denke ich, ist doch klasse, damit gebe ich den jungen Frauen hier wenigstens ein gutes Beispiel. Aber natürlich wäre ich trotzdem lieber dünner.
Manchmal denke ich, ich könnte gesünder essen, ganz manchmal probiere ich das sogar mal für zwei, drei Tage aus, aber dann habe ich einfach keine Zeit mehr, mich damit intensiv zu befassen, weil ich soviel anderes lieber machen will. Ja, ich fühle mich dick, aber das war’s dann auch. Ich habe nicht mal Lust dazu, mich darüber zu ärgern, dass ich mich dick fühle, und schon gar nicht will ich mich anstrengen, um daran was zu ändern. Und das ist eigentlich mein größtes Erstaunen, wenn ich Texte im im Netz darüber, wie etwa den von Maike, lese: Nicht, dass so viele Frauen sich dick fühlen, sondern wie wichtig das Thema offenbar tatsächlich in ihrem Alltag ist.
Natürlich sind Auseinandersetzungen über die Funktionsweisen von Abwertung und Diskriminierung gegenüber Menschen, die aus der Körpernorm fallen, sehr wichtig. Aber ob es wirklich gut ist, dass sich jetzt jede einzelne Frau mit ihrem Sichzudickfühlen auseinandersetzt? Ich weiß nicht.
Sue Reindke hat einen interessanten Text darüber geschrieben, wie es häufig schon die kleinen Bemerkungen sind, mit denen Frauen sich gegenseitig das Leben schwer machen. Das ist es, was wir tun müssen: Solche Bemerkungen nicht mehr machen und auch nicht mehr akzeptieren, wenn sie in unserer Gegenwart gemacht werden.
Aus meiner Sicht stellt sich jedenfalls die Frage: Ist wirklich das Sichdickfühlen als solches das Problem, oder dass das Thema im Vergleich zu anderen Dingen so eine Bedeutung im Alltag bekommt? Liegt nicht darin, dass man das dauernd reflektiert, wenn auch in kritischer Absicht, vielleicht die Gefahr, dass das Thema Körpernormen noch mehr Bedeutung bekommt? Weil man sich zwar kritisch, aber eben dennoch dauernd mit dem eigenen Körper und seinem Verhältnis zu gesellschaftlichen Blicken beschäftigt – anstatt eben mit etwas anderem?
Das sind keine rhetorischen, sondern wirkliche Fragen.

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