Die Ideologien der so genannten „Lebensschützer_innen“

kulturkampf

Eike Sanders, Kirsten Achtelik, Ulli Jentsch: Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der „Lebensschutz“-Bewegung. Verbrecher Verlag 2018, 159 Seiten, 15 Euro.

Keine schöne, aber sehr informative Lektüre ist dieses Buch, das die ideologischen, organisatorischen und weltanschaulichen Hintergründe der so genannten „Lebensschützer_innen“ aufdröselt, die derzeit in Deutschland, aber auch international versuchen, die von der Frauenbewegung erkämpften Möglichkeiten der reproduktiven Selbstbestimmunge wieder zurückzudrehen.

Interessant fand ich dabei vor allem, wie geschickt die Argumentationen versuchen, freiheitliche Debatten und Aspekte aufzunehmen und in ihrem Sinn zu drehen: Die Kritik an behindertenfeindlichen „Optimierungsversuchen“ in der modernen Reproduktionsmedizin und andererseits Ansätze zur Betonung der Selbstbestimmung von Frauen. Kern des Arguments ist die Behauptung, dass Abtreibung in aller Regel gegen den Willen der Schwangeren vorgenommen wird, weil entweder die Gesellschaft die Geburt von Kindern mit Behinderungen vermeiden will oder aber die Familie oder der Ehemann/Partner der Frau keine Kinder will.

Ich finde das Thema sehr wichtig, und es besorgt mich ein bisschen, dass die Aufregung und der feministische Aktivismus nach der Verurteilung der Gießener Ärztin Kristina Hänel nach § 219a wieder verebbt ist. Unsäglich in dem Zusammenhang ist natürlich der Rückzieher der SPD von der gemeinsamen Gesetzesinitiative zur Abschaffung dieses Paragrafen. Aber sie scheint damit ja durchzukommen, weil auch der gesellschaftliche Drive bei dem Thema nicht da ist.

Es sieht daher leider so aus, als bekämen die Rechten für ihrem Anti-Abtreibungs-Aktivismus kaum Gegenwind aus der „gesellschaftlichen Mitte“. Vielleicht hat es mit Demografie zu tun (viele Feministinnen sind aus dem gebärfähigen Alter raus), vielleicht mit individualisierter Selbstüberschätzung (viele jüngere Frauen denken, sie haben das im Griff, ihnen passiert das nicht, oder wenn wissen sie sich zu helfen). Es hat vielleicht auch damit zu tun, dass dieses Thema noch mehr als andere sich nach reinem „Frauenkram“ anhört.

In gewisser Weise ist es schlau von den Rechten und „Lebensschützern“, dieses Thema gerade jetzt wieder aufzumachen, wo die Frauenbewegung gerade zu einer Art Plattform gegen Rechtspopulismus und Nationalismus wird. In Ländern wie Polen oder Irland ist es ja noch schlimmer, aber dort ist wirklich eine Bevölkerungsmehrheit gegen Abtreibung. Gerade deshalb wäre es aus meiner Sicht einfach wichtig, dass wir in Deutschland hier gegen den § 219a angehen – denn es gibt eine gesellschaftliche Mehrheit für dessen Abschaffung, da bin ich mir ziemlich sicher. Wir schaffen es bloß nicht, diese Mehrheiten auch parlamentarisch relevant zu organisieren. Was für ein Trauerspiel!

Im Übrigen ist natürlich auch wichtig, wie wir unseren Einsatz begründen. Ich persönlich halte ja nichts von Banalisierungsversuchen nach dem Motto: „Sind doch nur Zellhaufen, ist nichts weiter dabei bei so einer Abtreibung“. Nicht einmal unbedingt deshalb, weil ich dieser Aussage nicht zustimmen würde. Sondern weil sie den Fokus des Streits auf ein falsches Thema lenkt.

Beim Streit um reproduktive Rechte geht es nicht um eine wissenschaftliche oder philosophische Auseinandersetzung darum, welche ethische Position man in Bezug auf befruchtete Eizellen oder Föten einnimmt. Es geht um die Frage, welche ethische Position man zum Selbstbestimmungsrecht von Frauen* über ihren Körper einnimmt.

Eine befruchtete Eizelle ist – mindestens in den ersten Monaten der Schwangerschaft – untrennbar vom Körper der schwangeren Person. Selbst wenn man eine ethisch radikale Haltung einnimmt und glaubt, die Tötung eines Fötus sei moralisch verwerflich, bedeutet das nicht unbedingt, dass man auch für ein gesetzliches Verbot ist – eigentlich ganz im Gegenteil, wie ich hier für evangelisch.de mal argumentiert habe. Eine solche radikale ethische Position durchzusetzen kann man nicht dem Staat überlassen. Das muss die Schwangere selber entscheiden.

Die Ansicht, man müsste die ethische Entscheidung über eine Abtreibung von der schwangeren Person auf Staat und Polizei übertragen, beinhaltet letztlich keine Aussage über das Lebensrecht von Föten, sondern eine darüber, welche ethische Kompetenz wir als Gesellschaft Schwangeren, und das heißt in diesem Kontext Frauen, zugestehen.

Hier würde ich den Spieß also umdrehen und sagen: Es ist unethisch, wenn sich der Staat anmaßt, diese Form von ethischen Entscheidungen per Gesetz zu regeln. Es ist dem Thema nicht angemessen. Die Einzelfälle sind so unterschiedlich und oft auch komplex, dass niemand anderes als die betroffene Person in der Lage ist, das wirklich moralisch einschätzen und beurteilen zu können. Die Aufgabe der Gesellschaft besteht darin, sie dabei zu unterstützen und ihr, egal wie die Entscheidung ausfällt, die Umsetzung zu ermöglichen.

Denn die grundlegende feministische moralische Maxime, die hier im Spiel ist, lautet – nach einer Formulierung von Luisa Muraro: Man kann eine Frau nicht dazu zwingen, Mutter zu werden. 

(Hier könnten wir jetzt noch drüber diskutieren, ob man denn durch das Gebären unweigerlich Mutter wird, aber das führte vielleicht zu weit. Ich meine: Ja. Und ich meine, dass die Herabwertung und Banalisierung des Gebärens in Teilen der feministischen Theorie tatsächlich auch dazu beigetragen haben, dass das Thema Abtreibung – ebenso wie das der Leihmutterschaft – sich so entwickelt hat: Nach dem Motto: Ist doch nicht so wichtig, dieses bisschen Schwangersein und Gebären, ist doch nach neun Monaten vorbei und alle die was anderes behaupten sind biologistisch.)

Whatever, und um zum Buch zurück zu kommen: Diese Art der Diskussion würde auch viele angebliche „Lebensschutz-Argumente“ entkräften. Denn ja: Natürlich müssen wir als Gesellschaft uns auch viel mehr anstrengen, um Frauen zu unterstützen, wenn sie die Schwangerschaft zu Ende führen und ein Kind gebären, sei es gegen den Rat der Mediziner_innen, die eine wahrscheinliche Behinderung prognostiziert haben, gegen den Protest von Familien oder Vätern, die keine Kinder haben wollen, gegen die Widrigkeiten eines Arbeitsmarktes, der Mütter nicht haben will, gegen eine Wirtschaftslogik, nach der Kinderhaben sich „nicht rechnet“ und Mütter systematisch verarmt werden.

Denn das feministische Motto lautet nicht: Abtreiben ist kein Problem. Das feministische Motto lautet: „Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine.“

PS: Für diejenigen von euch, die italienisch können, hier noch ein ausführliches Interview mit Luisa Muraro zum Thema Abtreibung und Feminismus

PPS: Muraro sagt: Abtreibung ist kein Recht, sondern manchmal einfach eine Notwendigkeit. Das Thema, um das es bei all dem geht, ist die unselige Verquickung von Staat/Gesetz und Autonomie des (weiblichen) Körpers. Ob Abtreibung, Reproduktionsmedizin, „Leihmutterschaft“, Prostitution/Sexarbeit usw. – das sind Themen, in denen die ethische Entscheidung bei den betreffenden Frauen/Personen selbst liegen muss. Polizei und Justiz haben sich darauf zu beschränken, zu verhindern, dass andere Personen/Männer hier übergriffig werden und die Frauen/betreffenden Personen unter Druck setzen, zwingen, ausbeuten, ob in die eine oder in die andere Richtung. Feminismus stößt momentan überall an die Grenzen dessen, was Staat/Polizei/Gesetz regeln kann (auch bei #metoo und Co.). Das hängt alles miteinander zusammen.  Unser Thema müsste sein, die „Legalisierung“ dieser Bereiche zu bekämpfen (was bedeutet: Sie nicht gesetzlich zu regeln, auch nicht als Verbote).

 

10 Gedanken zu „Die Ideologien der so genannten „Lebensschützer_innen“

  1. *Denn das feministische Motto lautet nicht: Abtreiben ist kein Problem. Das feministische Motto lautet: „Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine.“*
    Letzteres, denke ich, ist vielleicht das eigentliche ( unbewußte?) Motiv von sog. „Lebensschützer_innen“, denen die Freiheit von Frauen und somit das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper unheimlich erscheint.
    Dieser Gedanke kam mir auch über dem Lesen des folgenden Beitrages hier (Kopftuchdebatte) in den Sinn:
    http://www.deutschlandfunkkultur.de/islamwissenschaftlerin-ueber-die-kopftuch-debatte-die.1278.de.html?dram:article_id=417311

    Der Körper der Frau als machtvoller Ort (auch des Bösen), spukt wohl immer noch in manchen Köpfen, die meinen, aus solchen Wahngebilden das Recht auf Kontrolle über den Körper der Frau ableiten zu dürfen.

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  2. Mich stört das Wort Re-Produktion in diesem Zusammenhang immer. Eine gebärt sich ja nicht selbst wieder. Das Kind wird doch was eigenes.

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  3. Guter Punkt 🙂 – Produktion wäre allerdings auch weird. „Fortpflanzung“ klingt auch merkwürdig. „kinderkriegen“ gefällt mir fast noch am besten. „kinderkriegensmedizin“?

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  4. Pingback: Buchtipp: Die Ideologien der so genannten Lebensschützer:innen | Solidarität mit Kristina Hänel, Nora Szàsz und allen anderen nach § 219a StGB angeklagten Ärzt*innen

  5. „Beim Streit um reproduktive Rechte geht es nicht um eine wissenschaftliche oder philosophische Auseinandersetzung darum, welche ethische Position man in Bezug auf befruchtete Eizellen oder Föten einnimmt. Es geht um die Frage, welche ethische Position man zum Selbstbestimmungsrecht von Frauen* über ihren Körper einnimmt.“
    Das ist ihre Sicht der Dinge. Ich finde eine Reduktion darauf sehr egozentrisch und die Realität verzerrend. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten eine Empfängnis zu vermeiden. Diese stehen Frauen zu Verfügung und werden in dieser Diskussion selten erwähnt. Frauen können damit entscheiden, ob sie schwanger werden.
    Abtreibung hat auch etwas mit den Konsequenzen des eigenen Handels zu tun. Der Satz „Mein Körper gehört mir.“ stimmt. Damit geht aber auch Verantwortung einher.
    Vor der Diskussion, welche Rechte werdendes Leben hat, sollte man sich nicht so einfach drücken. Es entsteht dort ein Mensch. Menschen zu töten ist aus guten Gründen nicht erlaubt. Stellt sich die Frage, wann wird ein Mensch ein Mensch?

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  6. Generell stimmt das, das Besondere im Fall einer Schwangerschaft ist aber, dass das Verhalten von zwei Personen Konsequenzen hat, die nur eine Person tragen muss. Und ich habe ja nirgendwo gesagt, dass Schwangere keine Verantwortung übernehmen sollen. Ganz im Gegenteil!

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  7. „Whatever, und um zum Buch zurück zu kommen: Diese Art der Diskussion würde auch viele angebliche „Lebensschutz-Argumente“ entkräften.“

    Nein.

    Denn worin sich der Staat wie einmischen darf, bei komplizierten und vom Einzelfall abhängigen Entscheidungen, ist eine juristische Frage.

    Da die Argumentation überhaupt nicht juristische Argumente vorbringt, warum aus

    „Die Einzelfälle sind so unterschiedlich und oft auch komplex, dass niemand anderes als die betroffene Person in der Lage ist, das wirklich moralisch einschätzen und beurteilen zu können.“

    folgt, dass der Staat

    absolut null komma null gar keine Regelung treffen darf/kann,

    kann man die Lebensschützerargumente nicht entkräften.

    Insbesondere da das letzte BVerfG-Urteil:
    http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv088203.html

    gerade bereits auch die Komplexität der Situationen berücksichtigt hat.

    Minimal wäre also das BVerfG-Urteil argumentativ zu zerlegen.

    Drunter geht es nicht.

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  8. Ferner ist anzumerken, dass der Staat sehr wohl auch in anderen Fällen komplexe Situationen juristisch in gewissem Maße regelt.

    Z.b. entschuldigender Notstand, Sterbehilfe, Transplantation, komplexe medizinische Eingriffe, Behandlung und Pflege von teildementen Patienten.

    Rein mit dem Argument der Komplexität kriegt man den Staat nicht raus; sind es komplexe Situationen muss die Regelung des Staates eben komplexer sein, wenn er mitmischen will.

    Das ist – im Vergleich zu anderen Ländern – in D auch gegeben; eine Beratungspflicht mit speziell separat von den Ärzten organisierten und finanzierten Beratungsstellen gibt es meines Wissens nur in D.

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  9. Diese Diskussion – inwieweit die Frau ihre Pflicht auf eigene Kosten erfüllen muss – gibt es auch unabhängig von Abtreibungen. Ich merke das daran, wie Ärzte über Schwangere reden.

    Beispiel: Es gibt die Empfehlung, in der Schwangerschaft Jodtabletten zu nehmen. Wenn Frauen bei einer Info-Veranstaltung dazu Fragen oder irgendwelche Bedenken haben, ruft der Arzt einfach ins Publikum: Das Kind geht vor! (Das wäre übrigens sogar zu simpel, wenn man denken würde, dass Frauen Brutkästen sind, denn was ist, wenn der weibliche Brutkasten an Basedow erkrankt ist und mit Jodtabletten schlechter funktioniert?)

    Diese Empfehlungen wurden nämlich im Bezug auf Frauen mit gesunder Schilddrüse entwickelt, die in der Schwangerschaft nun mal mehr Jod braucht, um mehr Hormone herzustellen. Irgendwelche Differenzierungen (nach Krankheitsbild, nach Ernährung) gibt es von ärztlicher Seite kaum. Das wird eher von informierten Patientinnen in Internet-Foren auseinander gedrieselt, welcher Kompromiss am ehesten für die Einzelne passen könnte.

    Feministinnen bekommt man da aber nicht zu Gesicht. Die schreiben lieber Bücher und Paper darüber, dass Hormone und Naturwissenschaft nur ein Konstrukt von weißen Männern sind. Auch ein Weg, sich aus Debatten rauszuhalten.

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  10. „„Beim Streit um reproduktive Rechte geht es nicht um eine wissenschaftliche oder philosophische Auseinandersetzung darum, welche ethische Position man in Bezug auf befruchtete Eizellen oder Föten einnimmt. Es geht um die Frage, welche ethische Position man zum Selbstbestimmungsrecht von Frauen* über ihren Körper einnimmt.““

    Danke!

    Genau SO sollte das auch am anderen Ende des Lebens gesehen werden! Und somit der assistierte Freitod erlaubt sein.

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