
Immer mal wieder gab es einen Versuch, die Gebürtigkeit des Menschen als grundlegendes Paradigma von Philosophie, Politik und Wissenschaft (kurz: der Kultur generell) zu verankern – grandios zum Beispiel von Hannah Arendt – aber es scheint wie verflixt: Irgendwie will es nicht in die Köpfe und in den Mainstream hinein. Offenbar hat sich das Phantasma der Kopfgeburten, der Autonomie, der abstrakten, von aller Materie „befreiten“ Rationalität so tief in das westliche Denken hineingekrallt, dass es immer wieder hochpoppt.
Bis heute ist im Mainstreamdenken das Thema ausgelagert. Dass wir alle Geborene sind, also dem Wesen nach abhängig, dass wir unsere pure Existenz einer Frau aus Fleisch und Blut verdanken, die uns in ihrem Körper ausgetragen und zur Welt gebracht hat, dass wir nur überlebt haben, weil andere uns über viele Jahre hinweg ohne nennenswerte Gegenleistung versorgt, genährt, gewaschen und beschützt haben, und dass genau das die Art und Weise ist, wie das Lebendige funktioniert – ja, das wissen wir zwar irgendwo, aber verdrängen es doch gerne. Jedenfalls spielt es keine Rolle im „erwachsenen“ Alltag, weder der Einzelnen noch der Politik insgesamt.
Weil noch immer Autonomie das vorherrschende Paradigma ist, wird auch alles, was mit dem Thema Mutterschaft zusammenhängt, tendenziell als Ärgernis angesehen. Diese lästige Sache mit dem Kinderkriegen hält Frauen davon ab, Karriere zu machen, zum Beispiel. Immerhin ist man sich heute darüber einig, dass dieses Ärgernis nicht mehr allein das private Pech von Frauen ist, die schwanger werden, sondern dass hier auch die Väter gefragt sind, oder die Gesellschaften, die die Nachteile durch entsprechende Gesetze abmildern sollen. Aber irgendwie ist diese Welt noch immer so eingerichtet, als ob es eigentlich besser wäre, man könnte Menschen anders fabrizieren. Am Besten so, dass sie fix und fertig einfach in ausgewachsenem Zustand auf die Welt plumpsen. Das wäre dann nämlich alles viel leichter zu organisieren. Auch die Gleichberechtigung der Geschlechter könnte dann viel einfacher hergestellt werden.
In der Literatur hingegen, die Geschichten erzählt statt Theorien zu erfinden, ist häufiger vom Gebären und Geborenwerden die Rede. 150 Beispiele aus der Literatur durch die Jahrhunderte hat Schweizer pensionierte Deutschlehrer Rainer Stöckli gesammelt. Zusammen mit Ina Praetorius hat er sie als Buch herausgebracht. In der Mitte findet sich ein Aufsatz von Praetorius, in dem sich des Dilemmas der „Geburtsvergessenheit“ annimmt. Quer durch die Philosophiegeschichte zeichnet sie nach, wie die Gebürtigkeit, und damit auch die Materie, die Natur, die Frauen aus der Normalität ausgeschlossen wurden und zu welchen verqueren Schlussfolgerungen das geführt hat. Und sie bietet Alternativen an, wie man das Ganze neu ordnen könnte. Sehr lesenswert.
Wer sich dem Thema lieber gleich philosophierend als schmökernd annähern möchte, kann auch Praetorius‘ neuen Aufsatzband lesen. In „Immer wieder Anfang“ hat sie verschiedene Texte zum geburtlichen Denken versammelt und spielt dessen Bedeutung durch für das Verständnis von Religion, von Wirtschaft, von Menschenwürde. Dabei ist auch eine Auseinandersetzung mit Calvin sowie Würdigungen der Philosophinnen Jeanne Hersch und Luce Irigaray.
Ina Praetorius/Rainer Stöckli: Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl. Das Gebären erzählen, das Geborenwerden. 150 Szenen aus der Schönen Literatur zwischen 1760 und 2011. Appenzeller Verlag, Herisau 2011, 38,80 Euro.
Ina Praetorius: Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken, Grünewald, Ostfildern 2011, 16,90 Euro.


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