Michela Marzano, Philosophieprofessorin in Paris, hat ein Buch geschrieben über die „Philosophie des Körpers“ – ein wichtiges Thema. Die gängigen Philosophen haben hat ja seit den alten Griechen mit einem Dualismus von Körper und Geist gearbeitet, eine Unterscheidung und Gegenüberstellung, die selbst dann, wenn sie problematisiert wurde, doch im Fokus des Interesses stand: der Körper als das, was uns im Materiellen festhält, was die menschliche Freiheit behindert. Und das gerne auch im Paket mit einer Verachtung den Frauen gegenüber, die, da auch der allerautonomste Mensch sein Leben dem Geborenwerden aus dem Körper einer Frau heraus verdankt, das Symbol schlechthin für diese Verhaftung ans Materielle sind.
Dass das „Ich“, das Subjekt, keinen Körper „hat“, sondern nur als Körper überhaupt existiert, diese Tatsache haben fast alle (westlichen) Philosophen entweder ignoriert oder zumindest bedauert. Und deshalb ist es sehr gut, dass Michela Marzano sich diesem Thema systematisch nähert. Ihre Analyse ist auch streckenweise sehr lesenswert, vor allem dann, wenn sie sich kritisch mit dieser Philosophietradition auseinandersetzt. Berührend zu lesen sind auch die Kapitel, in denen es um körperliche Qualen als Strategie zur Entmenschlichung von Opfern geht, am Beispiel der NS-Konzentrationslager oder der Philosophie de Sades.
An den Punkten jedoch, wo sie sich der Frage stellt, was eine „Philosophie des Körpers“ angesichts aktueller Technologien und Diskurse bedeuten würde, wird ihre Argumentation eher schwach. Die Frage nach der Körperlichkeit stellt sich ja heute neu, wo es durch chirurgische Eingriffe oder andere Technologien möglich geworden ist, Körper auf eine Weise zu verändern, wie das früher unvorstellbar war. Die „alten Philosophen“ hatten ja „nur“ die Frage zu klären, wie der Mensch damit zurechtkommen soll, nun mal mit diesem oder jenem Körper gesegnet oder gestraft zu sein (denn „tun“ konnte man früher nicht allzu viel). Heute hingegen geht es zusätzlich auch um die Frage, wie der Mensch den eigenen Leib technologisch gestalten soll oder nicht.
Marzanos Antwort lässt sich im Prinzip zusammenfassen als: Sowas soll man lieber nicht machen. Sie vermutet in jedem Wunsch, Körper zu verändern, eine Spätwirkung jenes Dualismus, den sie zuvor kritisiert hat. Wer den eigenen Körper verändert, so ihre These, verhält sich wie das „Geist-Subjekt“ der alten Philosophen, das den Körper nicht als Teil des Selbst begreift, sondern als Objekt, das nach Belieben gestaltet werden kann.
Die Beispiele, an denen sie das verdeutlicht, sind: Eine Künstlerin, die den eigenen operativ veränderten Körper als Kunstwerk begreift, die Queer-Theorie, die das biologische Geschlecht als konstruiert versteht, Transsexualität, also die Vorstellung, der eigene Körper könne „falsch“ sein, und schließlich „das Internet“, wo sich Menschen mit virtuellen Avataren ausstatten bzw. die Cyborg-Idee der Verschmelzung von Mensch und Maschine.
Aber sind diese neuen Annäherungen an Körperlichkeit wirklich nur Nachfolger des alten Körper-Geist-Dualismus? Lassen sich diese Phänomene nur interpretieren als erneuten Versuch, das „Ich“ vom Körper zu trennen und der Materie hierarisch überzuordnen, indem der Körper als falsch, manipulierbar und als zu gestaltendes „Ding“ betrachtet wird?
Ich denke, dass Marzano durchaus einen wunden Punkt trifft, denn eine solche „dualistische“ Sichtweise (nach dem Motto „Ich bin eine freier Mensch und kann deshalb mit meinem Körper machen, was ich will“) kommt in allen angesprochenen Diskursen tatsächlich zuweilen vor. Es gibt Menschen, die ein „frei wählbares“ Geschlecht propagieren, wobei der lästige Geburtskörper eben nicht in die Quere zu kommen hat, und es gibt Internet-Theoretiker, die von der Entkörperlichung des Users träumen, damit der endlich in den Weiten des Virtuellen aufgehen kann, ohne sich lästigerweise zwischendurch noch Pizza ordern zu müssen. Und natürlich gibt es im Zusammenhang mit Cyborgs immer auch wieder den (in zahllosen Science Fictions ausgearbeiteten) Traum, durch technische Modifikationen den Limitationen und der Endlichkeit des menschlichen Körpers zu entkommen.
Die Frage ist nur: Ist das das Wesentliche an diesen Diskursen? Oder ist das nur die Erscheinung, die sie annehmen, wenn man sie oberflächlich betrachtet – nämlich selbst noch von der Folie des alten Körper-Geist-Dualismus ausgehend? Wobei der Denkfehler sowohl auf Seiten der Kritiker_innen als auch der Verfechter_innen von Körpermodifizierungen liegen kann.
Ich jedenfalls lese in diesen Diskursen (auch) etwas anderes. Wenn eine Künstlerin sich selbst in ihrer Körperlichkeit als Kunstwerk inszeniert, ist das nicht gerade ein Ausdruck dessen, dass sie sich der Körperlichkeit ihres Ichs bewusst ist? Ist nicht der querschnittsgelähmte Mann, der als kraftgestählter Avatar im Internet unterwegs ist, sich der eigenen Körperlichkeit vielleicht bewusster als viele Gesunde? Ist der Wunsch einer Transsexuellen nach operativen Veränderungen ihres Körpers nicht gerade ein Ausdruck davon, dass sie um die grundlegende Bedeutung des Körpers für das Ich weiß?
Zu sagen, der Wunsch nach operativen Veränderungen des Körpers seien ein Resultat des alten Körper-Geist-Dualismus ist, halte ich für verkürzt. Das kann sein (bei vielen konventionellen Schönheitsoperationen ist das sicher so), aber es muss nicht so sein. Die Idee, es gäbe einen „natürlichen“, „intakten“, „unveränderten“ menschlichen Körper ist ja genauso falsch wie die Idee, der Körper sei dem Willen vollkommen unterworfen.
Die Frage ist nicht, ob wir die eigene körperliche Existenzform mit Hilfe von Technologien verändern, sondern wie, und von welchen Bildern und symbolischen Vorstellungen wir dabei ausgehen. Gerade das Wissen darum, dass die eigene Existenz immer nur eine körperliche Existenz ist, kann Ursache für den Wunsch sein, sich auch über den Körper auszudrücken, den Körper ebenso zu formen und „weiterzubilden“, wie wir (hoffentlich) unseren Geist weiterbilden.
Das, was nach der Kritik an den „alten Philosophen“ mit ihrem Körper-Geist-Dualismus neu zu lernen wäre, ist nicht eine prinzipielle Skepsis gegen eine von subjektiven Wünschen geleitete Gestaltung von Körpern, sondern eine bewusste und differenzierte kulturelle Praxis, die die Art und Weise von Körpergestaltung kritisch reflektiert. Was heißt es, das eigene „Körpersein des Ichs“ verantwortlich zu gestalten?
Dazu gehört wohl ebenso der Rat, den Körper nicht zu vernachlässigen oder für unwichtig zu halten, als auch der Rat, den Körper nicht zu überhöhen und das eigene Glück davon abhängig zu machen, dass dieser Körper möglichst optimal beschaffen ist. Und vor allem ist es wichtig, realistisch zu bleiben: Denn egal wie sehr wir den eigenen Körper auch mit Hilfe von medizinischer Technik modifizieren und transformieren mögen – dem Umstand, dass wir körperliche Wesen sind, also sterblich, verletzlich, bedürftig und untrennbar ein Teil der materiellen Welt, werden wir niemals entkommen können.
Michela Marzano: Philosophie des Körpers. Diederichs, München 2013, 14,99 Euro

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