Puppenstube, Kinderwagen, Schürzchen – die Erziehung von Mädchen war früher unerträglich darauf ausgerichtet, sie schon von frühestem Alter an auf ihre spätere Rolle als „Hausfrau und Mutter“ vorzubereiten und darauf festzulegen.
Deshalb war ich – auch im Zusammenhang mit meiner Reihe „Letz talk about Schwangerwerdenkönnen“ – sehr gespannt, als kürzlich gleich zwei neue Mädchenbücher herauskamen.
„Glückwunsch – du bist ein Mädchen“ von den Missy-Macherinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Daniela Burger richtet sich an Mädchen selbst, „Das Mädchenbuch“ von Elisabeth Raffauf hingegen an Eltern. Beide haben den Anspruch, neues Material zur Verfügung zu stellen, das den veränderten Geschlechterrollen, der weiblichen Freiheit und den inzwischen gewonnenen Einsichten über die Konstruktion von Geschlecht gerecht wird.
Wie wird das Schwangerwerden heute also thematisiert? Wie könnten Mädchen und ihre Eltern dabei begleitet werden, wenn die erste Menstruation kommt? Wie ist die lange feministische wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Thema in populäre Bücher eingeflossen? Darauf war ich sehr gespannt.
Einigermaßen schockiert war ich dann aber, als ich feststellte: Das Thema kommt überhaupt nicht vor. Null. In beiden Büchern. Und das, obwohl sich beide keineswegs nur an Mädchen vor dem Teenager-Alter richten, sondern es geht ganz explizit auch um Jugendliche bis 18. Themen wie Körpernormen und Sexualität werden auch ausführlich behandelt. Und dann steht da der Satz:
„Bei all dem irren Spaß, den man beim Sex haben kann, gilt es zwei Dinge nie zu vergessen: Aus Sex können sowohl Babys wie auch Krankheiten entstehen.“ (Glückwunsch, S. 122)
Das ist alles, was Mädchen über ihr Schwangerwerdenkönnen erfahren sollen? Babys werden in einem Atemzug mit Geschlechtskrankheiten genannt – und zwar NUR da? In dem Buch für Eltern kommt zwar das Stichwort „Menstruation“ vor, aber nur unter der Fragestellung, dass die „Periode“ heute im Schnitt früher eintritt als ehemals.
Ich kann mir das nicht ganz erklären, denn ansonsten sind beide Bücher – und besonders das „Glückwunsch“-Buch für Mädchen – ganz hervorragend. Nur dass eben ein Kapitel fehlt.
Ist der Grund, dass vor lauter Queerness in Vergessenheit geraten ist, dass Mädchen beim Sex schwanger werden können – und dass das etwas ziemlich anderes ist als eine Geschlechtskrankheit? Ist es heute nicht mehr nötig, sie damit vertraut zu machen, dass Schwangerwerdenkönnen etwas ist, womit man sich auseinandersetzen sollte? Wollen wir den Mädchen nicht sagen, dass dieses Potenzial durchaus auch etwas Schönes hat? Wenn man feministisch bewusst damit umgeht? Wäre das nicht auch ein guter Anlass gewesen, zwei, drei Worte über das Thema Abtreibung zu verlieren? Darüber, dass Schwangerwerdenkönnen heute, der Frauenbewegung sei Dank, nicht mehr bedeuten muss, schnurstracks am Herd zu landen?
Bedeutungslos ist das Thema jedenfalls nicht. Denn auch wenn der Anteil der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig ist, so werden doch (ich habe nur Zahlen von 2007 gefunden) ungefähr acht von tausend 15- bis 17-jährigen Mädchen schwanger, drei bis vier davon tragen die Schwangerschaft aus, fünf treiben ab.
Und sicher gibt es eine ganze Reihe mehr Mädchen, die vielleicht mal befürchten, schwanger zu sein, und es sich dann als falscher Alarm herausstellt. Wäre da nicht ein Kapitel gut gewesen: Was mache ich, wenn meine Periode mal ausbleibt oder sich verspätet? Mit wem kann ich reden, muss ich es dem Jungen sagen, mit dem ich geschlafen habe, sowas in der Art?
Ich glaube, beim Thema Schwangerwerdenkönnen haben wir es momentan mit einem fetten Tabu zu tun. Denn dass ein entsprechendes Kapitel in beiden Büchern fehlt, ist ja nicht einfach Vergesslichkeit oder Nachlässigkeit seitens der Autorinnen. Es verweist auf eine allgemeine Leerstelle im gesellschaftlichen Diskurs.
Ansonsten aber sind beide Bücher wirklich empfehlenswert. Hier ist zum Beispiel eine ausführliche Rezension des Glückwunsch-Buches und hier ein Interview mit Elisabeth Raffauf über ihr Mädchenbuch.
Sonja Eismann, Chris Köver, Daniela Burger: Glückwunsch – du bist ein Mädchen. Eine Anleitung zum Klarkommen. Beltz & Gelberg, 2013, 16,95 Euro.
Elisabeth Raffauf: Das Mädchenbuch. Die neuen Mädchen – was sie für ihren Weg ins Leben brauchen, Beltz, 2013, 16,99 Euro.

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