Männer und Feminismus

Das Internet war heute voll von Emma Watsons Rede, in der sie darüber spricht, wie wichtig es sei, auch Männer von den Vorzügen des Feminismus zu überzeugen.

Meine Timeline ist gespalten darüber, was sie von dieser Rede halten soll. Die einen jubeln: Toll, eine nette Feministin, die nicht über die Männer schimpft, sondern sie ins Boot holen will. Die anderen sind genervt: Feminismus ist schließlich nicht dafür da, von Männern toll gefunden zu werden, denn um deren Urteil geht es hier doch ausnahmsweise mal gerade nicht.

Auch in diesem Fall – wie so oft – geht es meiner Meinung nach nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Meiner Meinung nach geht es im Feminismus ja nicht um Gender Equality (wie Emma Watson in ihrer Rede behauptet), sondern um weibliche Freiheit, also um die Subjektivität von Frauen gerade ohne den Maßstab einer männlichen Norm. Die Emanzipation, also die Gleichheit der Frauen mit den Männern, war, wie Luisa Muraro es einmal formulierte, gänzlich vorhersehbar in einer (männlichen) Kultur, die die Gleichheit der Menschen seit über 200 Jahren zu ihrem Leitbild erkoren hat. Dass die Frauen so lange von dieser Gleichheit ausgenommen waren, ändert nichts an der Tatsache, dass die Gleichheit der Frauen eine logische und unausweichliche Folge der männlichen Gleichheitsidee war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie drauf kommen mussten.

Die Freiheit der Frauen, die weibliche Subjektivität hingegen ist in dieser symbolischen Ordnung nicht vorgesehen. Sie ist tatsächlich etwas Unvorhergesehenes, das erst mit der Frauenbewegung ans Licht kam. Und diese Freiheit zeichnet sich gerade NICHT durch die Gleichheit der Frauen mit den Männern aus, sondern im Gegenteil dadurch, dass Frauen ihren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Ideen folgen und sie ernst nehmen, ganz unabhängig davon, ob sie mit der Weltsicht und den Ideen von Männern kompatibel sind oder nicht. Wenn sie es sind, umso besser, kann man zusammenarbeiten. Sind sie es nicht, gibt es eben politische Konflikte auszutragen.

Soweit haben also die Kritikerinnen der „Männer für den Feminismus gewinnen“-Kampagne recht.

Andererseits sind Bündnisse mit Männern trotzdem sinnvoll und notwendig. Denn tatsächlich sind ja auch viele Männer mit der patriarchalen symbolischen Ordnung unzufrieden, weil sie in vielerlei Hinsicht dem guten Leben aller Menschen nicht zuträglich ist. Damit meine ich nicht nur, dass auch Männer unter Geschlechtsstereotypen leiden, also etwas „vom Feminismus haben“. Das stimmt auch, ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit, denn in vielerlei anderer Hinsicht profitieren sie ja auch von den Stereotypen, das heißt, Feminismus läuft ihren Interessen zuwider.

Aber Politik ist doch die Suche nach einem guten Zusammenleben aller Menschen und nicht einfach Lobbyismus für die eigenen Interessen. Menschen mit einem politischen Bewusstsein, mit Liebe zur Welt also und mit einem Gespür für Gerechtigkeit, geben sich nicht damit zufrieden, auf dieser Welt nur ihre eigenen Vorteile zu verfolgen. Sondern sie suchen nach einem Sinn in dem Ganzen, der über ihre eigene kleine Nasenspitze hinausreicht.

Und in diesem Sinne können Männer von feministischen Analysen profitieren, weil diese ihnen Aspekte und Sichtweisen eröffnen und zugänglich machen, die sich aus sich selbst heraus nicht haben können. Ich kenne nicht gerade massenweise, aber durchaus zahlreiche Männer, die aus diesem Grund gerne mit Feministinnen diskutieren, die feministische Texte lesen, die sich für die Sichtweisen und Analysen von Frauen interessieren, die an einem Austausch wirklich interessiert sind.

Und diese Männer sind durchaus wichtige Verbündete der Frauenbewegung, weil sie – einfach aufgrund ihres Mannseins – Möglichkeiten haben, die ich nicht habe, weil ich eine Frau bin. Das kann so etwas Banales sein wie die Tatsache, dass andere Männer ihnen eher zuhören als mir. Das ist natürlich ungerecht, aber das zu beklagen ändert ja nichts an den Verhältnissen, die nun einmal sind, wie sie sind. Solange diese feministisch denkenden Männer für ihr Engagement von mir keine Kekse verlangen, freue ich mich darüber, wenn sie irgendwo Gehör finden, wo es mir nicht gelingt.

Es ist aber nicht nur das. Es gibt auch Situationen, in denen mir Männer zwar zuhören, ich mich ihnen aber nicht verständlich machen kann. Zum Beispiel, weil ich mich in sie tatsächlich nicht hineinversetzen kann, weil ich nicht verstehe, wo ihr Problem ist. Und damit meine ich nicht Antifeministen, die mich aus ideologischen Gründen nicht verstehen wollen, sondern ich meine solche, bei denen ich ein wirkliches Interesse sehe, aber ich kann ihnen einfach nicht vermitteln, was ich sagen will, es fehlt eine gemeinsame Ebene der Verständigung.

In solchen Fällen bin ich froh, wenn Männer diese Vermittlungsarbeit übernehmen, denn ich habe schon oft beobachtet, dass sie dann Worte und Beispiele und Argumente finden, die wirken, und die mir schlicht nicht eingefallen wären. Solche „Allies“ zu haben, ist eine gute Sache.

Warum Mehrheitsentscheidungen oft undemokratisch sind

Vielleicht habt ihr auch von dem Ansinnen der AfD gelesen, einen Volksentscheid über das deutsche Abtreibungsrecht abzuhalten mit dem Ziel, Abtreibung schärfer zu verbieten. Die Spitzenkandidatin in Sachsen, Frauke Petry, begründete das mit dem angeblich gefährdeten Überleben des deutschen Volkes, in dem bitteschön jede Frau drei Kinder kriegen soll (ich habe mal im Zuge meiner Beschäftigung mit dem demografischen Wandel in einem nationalsozialistischen Buch gelesen, dass deutsche Frauen eigentlich vier Kinder haben müssten, um den Bestand zu erhalten).

Mich hat das ganze nochmal zu ein paar demokratietheoretischen Überlegungen gebracht, weil an diesem Beispiel ein grundlegendes Problem des Mehrheitsprinzips deutlich wird: Was ist mit Beschlüssen, die von ihrer Logik her nur bestimmte Menschen betreffen, und andere aber nicht? Ein Verbot der Abtreibung zum Beispiel würde ja nur Menschen betreffen, die schwanger werden können, also praktisch Frauen* unter fünfzig. Sie aber wären bei einer solchen Abstimmung auf jeden Fall in der Minderheit.

Ich habe auf die Schnelle keine genauen Zahlen gefunden, aber das Durchschnittsalter in Deutschland liegt ungefähr bei 43 Jahren, ich würde großzügig gerechnet schätzen, dass höchstens zwei Drittel aller Menschen jünger als 50 sind (bis 49 Jahre werden Frauen in demografischen Berechnungen als “gebärfähig” eingestuft). Wenn davon die Hälfte Frauen sind, so bedeutet das, dass im Falle eines solchen Volksentscheides etwas verboten würde, das nur ein Drittel aller Menschen potenziell tun könnten.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass die Gesamtheit der Deutschen aus bevölkerungspolitischen Gründen ein Interesse daran hätte, Abtreibungen zu verbieten (das ist nicht so, aber mal angenommen), aber zwei Drittel aller Abstimmungsberechtigten sicher sein könnten, dass sie selbst niemals in die Lage geraten werden, eine Abtreibung in Erwägung zu ziehen – weil sie schlicht und ergreifend nicht schwanger werden können: Wäre eine solche Abstimmung demokratisch?

Mit derselben Logik könnte man ja auch über ein Gesetz nachdenken, das alle Menschen, die kleiner sind als 1,50 Meter, dazu verpflichtet, Toiletten in Grundschulen zu putzen. Auch daran gibt es ein öffentliches Interesse (ein deutlich größeres als daran, Abtreibungen zu verhindern), und auch dazu fehlt es an anderen gesellschaftlichen Lösungen.

Die Unterscheidung in Menschen nach Größenkategorien ist in unserer Kultur allerdings nicht üblich, daher finden wir diese Vorstellung spontan absurd. Die Unterscheidung in Menschen nach Gebärfähigkeit hingegen ist kulturell in der Geschlechterdifferenz so tief verankert, dass sie vielen “natürlich” erscheint. Tatsächlich sind beides “natürliche” Phänomene – dass manche Menschen kleiner sind als 1,50 Meter und manche größer ist ebenso natürlich wie dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht.

“Natürlich” heißt in diesem Fall auch, dass diese Seinsbedingungen nicht oder nicht standardmäßig individuell veränderbar sind. Sicher kann eine Frau sich sterilisieren lassen, so wie ein kleiner Mensch sich vielleicht die Beine verlängern lassen kann. Aber sie sind nicht individuell gewählt wie andere Interessenskonflikte. Wenn zum Beispiel darüber abgestimmt würde, ob man Autobahnen privatisieren und ihre Nutzung kostenpflichtig machen soll, dann stehen sich ebenfalls Interessen gegenüber – ich zum Beispiel, die nie Auto fahre, hätte nicht unbedingt was dagegen. Aber ich könnte jederzeit in die andere Kategorie wechseln, also mit dem Autofahren anfangen, so wie andere damit aufhören könnten.

Der eigene Körper ist aber nicht auf diese Weise veränderbar. Faktoren wie Schwangerwerdenkönnen oder Körpergröße haben Auswirkungen auf das Leben der jeweilgen Individuen, es sind gegebene Bedingungen ihrer jeweiligen Existenz. Man kann diese Bedingungen kulturell gestalten, aber nur in bestimmten Grenzen. Wer 1,50 ist wird es immer schwerer haben, im Konzert die Bühne zu sehen als jemand mit 1,80. Und wer schwanger werden kann, muss sich zu dieser Möglichkeit irgendwie verhalten, und wer nicht schwanger werden kann, auch, und diese beiden Gegebenheiten sind niemals “gleich”.

Darüber, dass beim eigenen Körper der Arm des Gesetzes endet, habe ich schon einmal gebloggt. Gesetze, die auf Mehrheitsentscheidungen beruhen, dürfen (und können) nicht eingreifen in die Körper der Einzelnen, denn damit greifen sie direkt in den Kern einer Person ein: Menschen haben ihre Körper nicht, sie sind ihre Körper. Das ist die Natur des Menschseins, unsere “conditio humana”.

Demokratie hingegen ist nicht natürlich, sondern künstlich, sie basiert auf der Idee der Gleichheit, und Gleichheit ist niemals ein Fakt, sondern immer eine Betrachtungsweise. Jede Kultur beruht auf Entscheidungen, bestimmte Phänomene als “gleich” zu betrachten und andere als “ungleich”, und nichts davon ist “naturgegeben”.

Damit Mehrheitsentscheidungen gerecht sind, muss daher immer die Frage gestellt werden, ob diejenigen, die entscheiden, und diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, auf einer angemessenen Ebene wirklich als “Gleiche” betrachtet werden können.

Im Fall von Abtreibungen (und vielen anderen körperpolitischen Entscheidungen auch, besonders eben wenn sie das Schwangerwerdenkönnen betreffen) ist diese Gleichheit grundsätzlich nicht gegeben, weil nunmal nur die eine Hälfte der Bevölkerung schwanger werden kann und die andere nicht. Die demografische Entwicklung verschärft dieses Problem noch einmal, weil es durch die Veralterung der Gesellschaft heute so viele ältere Frauen gibt wie noch nie, und damit auch auch eine relevant große Zahl von Frauen, die ebenfalls nicht (mehr) schwanger werden können.

Dieser grundlegende Bug im Prinzip der Mehrheitsdemokratie betrifft natürlich nicht nur die Geschlechterdifferenz, aber sie in besonderem Maße. Er tritt deshalb umso offener zutage, als die heteronormative Paarbildung an Bedeutung verliert – denn die “Gleichheit”, die in der Demokratie behauptet wird, war halbwegs plausibel, solange man die Menschheit nicht in Individuen dachte, sondern in Mann-Frau-Paaren. Denn in diesen Paaren ist die Geschlechterdifferenz gewissermaßen “aufgehoben”.

Wenn aber nicht mehr, wie früher, Mann-Frau-Paare (repräsentiert durch den Mann) die politischen Subjekte sind, sondern Individuen, so tritt die Geschlechterdifferenz in den Fokus der Politik. Und verursacht Probleme, die nach und nach immer deutlicher zutage treten.

Was immer man skeptisch über das Instrument des Gender-Mainstreamings denken mag, es ist immerhin ein Versuch, dieses Dilemma anzugehen. Also zu überprüfen, welche Menschen von welchen Gesetzen auf welche Weise betroffen sind und dies in die Verfahren irgendwie einzubeziehen.

Ein Volksentscheid über eine Verschärfung des Abtreibungsverbot jedenfalls wäre ganz und gar undemokratisch, wenn dieses Wort denn überhaupt noch irgendeinen positiven Sinn haben soll.

Geschlechterdifferenz sucht Kultur, dringend!

Almut Schnerring hat mir ihr Buch zugeschickt: “Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees.” Sie hat es zusammen mit ihrem Mann, Sascha Verlan, geschrieben, und Auslöser waren wohl die Erfahrungen, die sie mit ihren drei Kindern gemacht haben. Die Falle kennen wohl alle Eltern, und das Thema ist natürlich nicht neu, aber hier ist das alles einmal gut verständlich zusammengestellt, inklusive vieler Fallbeispiele, Interviews, neuesten Studien zum Thema.

9783888979385Ein empfehlenswertes Buch, das sich zum Beispiel gut an Eltern von kleinen Kindern verschenken lässt, die im Feminismusdiskurs vielleicht nicht so aktiv drin sind.

Und wie immer stellt sich beim Lesen die Frage, warum nur, warum ist diese Rosa-Hellblau-Falle nach der Emanzipation der Frauen nicht kleiner geworden, sondern größer? Und mir kam eine Idee, woran es – neben all dem, was wir dazu schon wissen – auch noch liegen könnte:

Nämlich daran, dass wir, also die Erwachsenen, die Gesellschaft insgesamt, keine überzeugenden Antworten darauf haben, wenn Kinder wissen wollen: Was bedeutet es, dass ich ein Mädchen bin? Was bedeutet es, dass ich ein Junge bin?

Im Prinzip drücken wir uns doch vor einer Antwort auf diese Frage. Die alten Antworten, die bis in die Fünfziger, Sechzigerjahre gegeben wurden, sind heute obsolet: Mädchen müssen kochen und hübsch sein, Jungen kämpfen und Geld verdienen. Zumindest explizit sind sie obsolet. Niemand sagt das heute noch so, außer vielleicht ein paar Ewiggestrige.

Eigentlich, so sagen wir unseren Kindern, hat das keine Bedeutung mehr. Irgendwie sind wir doch alle ein bisschen postgender. Dabei reicht die Spanne von denen, die aktiv versuchen, Rollenklischees zu konterkarieren und ihre Kinder zu erziehen, ohne die Kategorie Geschlecht zu verwenden, bis hin zu denen, die sich über das Thema keine Gedanken machen und es einfach so machen, wie es alle machen, manchmal mit ein bisschen schlechtem Gewissen dabei.

Die ehemals expliziten Rollenanweisungen für Jungen und Mädchen wurden auf diese Weise quasi durch nur noch statistische Trends ersetzt, die sich im Einzelfall schwer nachweisen lassen, zum Beispiel, dass Eltern im Schnitt nachsichtiger sind, wenn Jungen sich nicht an der Hausarbeit beteiligen, als wenn das Mädchen tun. Diese statistischen Unterschiede in der Erziehung zum Geschlechterkonformismus sind aber nicht mehr kulturell untermauert, sie geschehen nicht absichtlich, sondern unabsichtlich. Sie werden nicht mehr aktiv und absichtlich ausgehandelt, sondern irgendwie so durchgeschleppt.

Aber Kinder sind ja nicht blöd. Sie sehen ganz genau, was für eine enorme Bedeutung die Geschlechterdifferenz hat, für praktisch jeden Aspekt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Sie sehen, dass Erwachsene sehr bewusst ihr Geschlecht “performen”. Und gleichzeitig sind Kinder konformistisch. Sie wollen vor allem dazugehören, sie wollen Orientierung.

Wenn sie nun von Eltern, Lehrerinnen oder Schulbuchautoren keine Antwort auf ihre Frage, was es bedeutet, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, bekommen – dann glauben sie halt der Werbung. Dann wollen sie das, was die Werbung an Identitätsstiftung anbietet, rosa Überraschungseier oder Bagger oder sonstwas. Die Werbung kann umso klischeehafter vorgehen, je weniger alternative Antworten mit ihr konkurrieren. Sie sagt dann, es sei ja alles nur ironisch gemeint, oder eben, es sei ja offensichtlich überzeichnet und nur ein Spaß.

Man kann Kindern nichts beibringen, das von der gesellschaftlichen Realität nicht gedeckt ist. Die Veränderung der Geschlechtsrollen muss bei den Erwachsenen anfangen. Und solange wir Erwachsenen eine zweigeschlechtliche Welt vorleben, müssen wir auch für Kinder die Frage, was Geschlecht denn nun bedeutet, beantworten. Denn es bedeutet eben faktisch was.

Wir müssen also antworten, aber nicht im Sinne soziologischer Analysen, sondern im Sinne von dem, was wir selbst für die richtige Antwort halten, in erster Person. Es gibt auf diese Frage keine objektiv richtige Antwort, sondern es verlangt ein Urteil von der oder demjenigen Erwachsenen, der gerade gefragt ist: Was bedeutet es, dass ich eine Frau bin? Was sehe ich in Männern und im Mannsein?

Geschlecht ist eine soziale Konstruktion, und zwar eine sehr wirkmächtige. Es reicht nicht, diese Konstruktion als solche zu entlarven, denn dann bleibt Nichts übrig, ein Vakuum, das mit Prinzessinnen, Rittern, Puppenküchenbetreiberinnen und Baggerfahrern befüllt wird. Veränderung wird es nur geben, wenn wir denjenigen Konstruktionen, die wir für falsch halten, andere entgegensetzen, die wir besser finden. Die mehr Freiheit erlauben, uns selbst und dann auch den Kindern.

Die Konstruktion von Geschlecht ist eine Kulturproduktion. Wenn sie nicht stattfindet, und das ist leider derzeit über weite Strecken der Fall, dann geht diese Kategorie nicht einfach weg, ganz im Gegenteil.

Almut Schnerring, Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees. Kunstmann, München 2014, 16,95 Euro.

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Update, 24. April, 10.19 Uhr

Nachdem es einige interessante Debatten auch auf Facebook und per Mail zu diesem Blogpost gegeben hat, möchte ich noch etwas ergänzen:

Manche haben es so verstanden, als würde ich sagen, dass heute Geschlecht keine offensichtliche Bedeutung mehr hat und Rollenanweisungen nur noch subtil zu Tage treten. Das meine ich nicht, meine These ist vielmehr, dass die Rollenanweisungen, die heute gegeben werden, im Vergleich zu denen früherer Zeiten substanzlos sind. Sie haben heute vor allem symbolischen Wert, weniger realen, sie werden eher unbewusst und gedankenlos reproduziert denn aktiv und ernsthaft und inhaltlich erarbeitet und debattiert.

Wenn ich mich zum Beispiel daran erinnere, wie mir die Bedeutung des Mädchen-/Frauseins als Kind vermittelt wurde, dann ging es nicht nur um symbolische Sachen wie rosa und Glitzer. Es ging um harte Sachen wie: Ich muss ordentlich sein, sonst finde ich nie einen Mann, zum Beispiel. Dies war von meiner Mutter ernst gemeint, nicht ironisch oder spielerisch oder symbolisch. Eine solche ernstgemeinte Bedeutungzuschreibung konnte ich allerdings auch aktiv verändern, indem ich zum Beispiel später meiner Mutter sagte: Es ist mir aber auch ganz egal, ob ich einen Mann finde. Oder als meine Tante mir vor meiner ersten (sehr frühen, haha) Heirat sagte: Ach, du heiratest, und ich dachte, du machst mal Karriere! Auch damit vermittelte sie mir eine bestimmte, substanzielle Bedeutung des Frauseins, die ich mit “Aber ich kann doch heiraten und trotzdem Karriere machen” diskursiv und praktisch widerlegen und bestreiten konnte.

Ich wollte also mit meinem Blogpost sagen (wobei mir das erst jetzt nach den Debatten allmählich klar wird), dass diese Substanz, die ein debattierbarer zugänglicher Inhalt ist, aus den Geschlechtsrollenzuweisungen praktisch verschwunden ist und nur symbolische Albernheiten übrig geblieben sind, denen man diskursiv hilflos ausgeliefert ist, denn sobald man was sagt kommt ein “Ist doch nicht so gemeint” oder “Ist doch nur Spaß” oder “Nimm das doch nicht alles so ernst”.

Noch etwas fiel mir auf: Wahrscheinlich bin ich in meinem Blogpost über eine Generation verrutscht. Denn zurecht wurde ich darauf hingewiesen, dass es ja nicht die Kinder sind, die auf die Rosa-Hellblau-Identifikationsangebote der Werbung anspringen, sondern auch viele junge Eltern. Wahrscheinlich ist das eine Folge davon, dass sie selbst als sie klein waren auch schon keine vernünftige Antwort auf ihre Fragen nach der Bedeutung von Frausein und Mannsein bekommen haben.

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Noch ein Update, 11.40 Uhr

Auf Facebook kam gerade der Hinweis, dass viele Eltern ihre normierenden Erziehungsinterventionen heute damit begründen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ja wissenschaftlich bewiesen wären. Mir kam dabei die Idee, dass der Hinweis auf die angebliche “Wissenschaftliche Belegbarkeit” der Stereotype ebenfalls ein Anzeichen von Diskursverweigerung sein könnte. Früher hieß es eben in der Erziehung: Mädchen SOLLEN so sein, Jungs SOLLEN so sein, d.h. es war eine bewusste Konstruktion, es war klar und wurde nicht versteckt, dass es um Konditionierung ging. Heute versteckt man sich hinter angeblicher Wissenschaftlichkeit, weil man selbst die Verantwortung für das, was man tut, ablehnt (Ich HÄTTE ja nichts dagegen, wenn mein Sohn mit Puppen spielt, aber er WILL ja nicht).

 

Lesbische Männer

Das Schöne am Bloggen ist, dass man in den Kommentaren immer noch mehr Hinweise bekommt. So postete „Bellchen“ neulich unter meinem Blogpost über Tierethik einen Link zu einer Zeitschrift, in der auch ein Artikel zu dem Thema stand. Noch interessanter war aber die  Zeitschrift selbst, die ich nämlich noch nicht kannte: Sie heißt „Queerulantin“, und das Thema der betreffenden Ausgabe Nr. 6 (pdf) war „Lebensrealitäten von Girl Fags und Dyke Guys“.

Ich hatte weder von dem einen noch von dem anderen bis dahin etwas gehört (das Konzept „queer“ ist eher nicht so meins), aber las mich schnell fest und fand heraus, dass es um schwule Frauen und lesbische Männer ging.

Hä, fragen jetzt vielleicht einige, was soll das denn sein? Sind „schwule Frauen“ (also Frauen, die sexuell Männer begehren) bzw. eben „lesbische Männer“ (also Männer, die auf Frauen stehen), denn nicht ganz normale Heteras beziehungsweise Heteros?

Nein, weil es bei Queer ja um mehr geht als darum, mit wem man Sex haben will. Es geht vor allem darum, wie die eigene Lebens- und Begehrensform interagiert mit der Umwelt, wie sie wahrgenommen, also „gelesen“ wird und in welchem Verhältnis sie zu verbreiteten Vorstellungen davon steht, wie Geschlecht zu sein hat und wie nicht. Queer ist, was nicht der Norm entspricht bzw. die Norm unterläuft, hinterfragt, eben „durchquert“.

Insofern leuchtete es mir schnell ein, dass es „schwule Frauen“ und „lesbische Männer“ gibt, also Frauen, die zwar Männer lieben, aber nicht auf „weibliche“, sondern eher „männliche“ Weise und Männer, die Frauen lieben, aber sich dabei nicht verhalten, wie Männer „normalerweise“, sondern eher wie Lesben. Mir fallen gerade für Letzteres spontan welche ein, die ich kenne, und mir steht der Unterschied klar vor Augen: zwischen „heterosexuellen Männern, die auf Frauen stehen“ und eben eher „lesbischen Männern“. Letztere kann ich zum Beispiel zu einer Lesbenfeier mitnehmen, ohne dass sie sich unwohl fühlen oder daneben benehmen, erstere nicht so ohne weiteres.

Schwule Frauen kenne ich persönlich zwar keine, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es sie gibt.

Aber obwohl ich beim Lesen des Heftes sofort einsah, dass lesbische Männer und heterosexuelle Männer zwei völlig unterschiedliche „Sorten“ von Begehrensformen sind, sprang auch sofort wieder meine Skepsis gegen das Konzept der „sexuellen Identität“ wieder an. Denn dieser Mechanismus ist halt so: Je mehr Unterkategorien wir aufmachen, umso normierter wird die Norm.

So wie bei dem (inzwischen weitgehend ausgestorbenen, oder?) Sprechen von „Frauen und Lesben“, wie in den 1970ern verbreitet, durch das „Herausnehmen“ der Lesben aus der Kategorie „Frauen“ die Heterosexualität als Norm bei den Übriggebliebenen verfestigt wurde, so wird durch das Herausnehmen der „lesbischen Männer“ aus der Kategorie der „heterosexuellen Männer“ diese männliche Heterosexualität um eine Variante ärmer, rückt näher ans Klischee.

Und ebenfalls einen Schritt näher rücken wir so, also durch das ständige weitere Ausdifferenzieren von Geschlechtsidentitäten, hin in Richtung Unendlichkeit. Ich befürchte, dass im Zuge dieser Entwicklung die Geschlechterdifferenz abhanden kommt und wir dann wieder bei der Norm des Männlichen landen. Denn unendlich viele Verschiedene sind nicht mehr wirklich verschieden, sondern nur noch Varianten des Einen. Wenn irgendwann jeder Mensch ein eigenes Geschlecht hat, gibt es keine Geschlechter mehr. Unterscheidungen ergeben nur Sinn, wenn nicht alles und jedes unterschieden wird, wenn also irgendwelche „Gruppen“ übrigbleiben, die voneinander unterschieden werden können.

An dieser Stelle kommt oft die Erklärung, dass es im Queerfeminismus keineswegs darum gehe, das Geschlecht abzuschaffen, sondern nur darum, die Binarität von Weiblich/Männlich aufzulösen und Raum zu schaffen für mehr Vielfalt. Allerdings ist das nicht bei allen so. In einem Interview mit Netzpolitik.org über die neuen Gender-Optionen bei Facebook sagt etwa Faustin Vierrath vom Verein „TransInterQueer“ als Antwort auf die Frage, wie viele Geschlechter es geben sollte_könnte: „Die Zahl existierender Geschlechter festlegen zu wollen, ist immer willkürlich. Persönlich tippe ich auf gut 7 Milliarden, mit steigender Tendenz.“

Sagen wir mal so: Ich will nicht die einzige Frau auf der Welt sein.

In der betreffenden Ausgabe der Queerulantin wird bereits thematisiert, dass es unter den lesbischen Männern und den schwulen Frauen wiederum eine große Bandbreite gibt: „Manche Girlfags definieren sich ganz als weiblich – trotz ihrer schwulen sexuellen Orientierung. Andere tun dies nicht, sie sehen sich eher als männlich, wollten möglicherweise „schon immer lieber ein Junge sein“ … Dennoch definieren sie sich nicht als Trans*Männer, sondern sehen sich noch irgendwo „dazwischen“, so wie die cissexuellen Girlfags sich eben nicht als „cis*Hetera“ sehen, sondern ebenfalls an einem anderen Punkt der Achse.“

Es ist also deutlich, dass noch weitere Unterscheidungen und immer neue Kategorien kommen werden, und auch wenn wir natürlich noch weit von der von mir befürchteten Unendlichkeit weg sind, fängt die Logikerin in mir bereits an, die Stirn kraus zu ziehen. Etwas weniger als früher, seit mir eine Bekannte im Gespräch die Vorläufigkeit all dieser Theorien plausibel machte. Sie half mir, „Queer“ als politische Praxis zu verstehen, die jeweils die Aufmerksamkeit auf einen bislang zu kurz gekommenen Aspekt sexueller Vielfalt legt, und nicht als theoretisches Konstrukt, das Geschlechtlichkeit erklärt. Als erstes funktioniert es, als zweites nicht.

Insofern kann ich Queerfeminismus als Praxis nachvollziehen und sehe die guten Seiten daran. Aber eben nicht als Theorie (mein Verständnis von Praxis entspricht ungefähr dem, was Chiara Zamboni hier beschrieben hat).

Jedenfalls kann es meiner Meinung nach nicht das Ziel sein, irgendwann mal unendlich viele Geschlechter zu haben, denn das wäre dasselbe, wie nur noch ein Geschlecht zu haben, und dieses – DER MENSCH – ist männlich. Dann lieber zwei binäre Geschlechter als nur eines, das ist jedenfalls meine Meinung.

Obwohl – vielleicht ist das ja auch der unausweichliche Gang der Dinge. Und an dem Tag, wo jeder Mensch ein anderes Geschlecht hat, könnten wir dann anfangen (und diesmal bitte ohne Rollenstereotype), wieder diejenige Unterscheidung zu treffen, die aufgrund von biologischen Gegebenheiten tatsächlich besteht: Die zwischen Menschen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schwanger werden können, und solchen, die das mit Sicherheit nicht können. Warum diese Unterscheidung wichtig ist und gesellschaftlich berücksichtigt werden muss, habe ich in diesem Blog bereits beschrieben.

Frauenbratwurst, Männerbratwurst: OMG, Edeka!

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Bei Edeka gibt es neuerdings (Update: schon seit letztem Jahr) “Frauenbratwurst” und “Männerbratwurst”, und weil das so bescheuert ist, hat Susanne Enz an die Verantwortlichen dort einen Brief geschrieben.

Weil sie darin sehr gut argumentativ begründet, was genau an der derzeitigen grassierenden Mode, die ganze Welt in “weibliche” und “männliche” Bestandteile zu sortieren, so problematisch ist, veröffentliche ich diesen Brief – mit ihrer Erlaubnis – auch hier im Blog.

Falls jemand sich fragen mag, warum ich als “Differenzfeministin” solche Art von Marketing überhaupt problematisch finde, denn schließlich bin ich doch ein Fan der Differenz, so antworte ich: eben deshalb. Ich will die realen, konkreten Unterschiede, die sich zwischen Frauen und Männern zeigen, zum Gegenstand politischer Konflikte machen. Meiner Ansicht nach ist die Dynamik der Geschlechterdifferenz etwas sehr Fruchtbares. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir das Reale an diesen Differenzen sehen (oder uns zumindest darum bemühen, hundertprozentig ist das vermutlich nicht möglich) und nicht überall willentlich Schein-Differenzen herbeikonstruieren, die dann nämlich genau dies immer schwieriger machen.

So, und hier ist der Brief von Susanne Enz:

Sehr geehrter Herr Ehret,
sehr geehrter Herr Poell,
sehr geehrter Herr Sebastian,
sehr geehrter Herr Mosa,
sehr geehrte Damen und Herren,

in mehreren Prospekten der Edeka-Gruppe sowie auf rasting.de werden derzeit die Produkte “Männer-Bratwurst” und “Frauen-Bratwurst” der Edeka-eigenen Fleischerei Rasting beworben. (Siehe Foto im Anhang). Die Wurst, die Männer ansprechen soll, wird mit Adjektiven zu ihrem Geschmack beschrieben (“deftig, kräftig gewürzt”), die “Frauen-Bratwurst” mit einem Hinweis auf den Fettgehalt (“besonders mager”). Die Packung der “Männer-Bratwurst” hat doppelt so viel Inhalt wie die der “Frauen-Brawurst”.

Sehr offen zeigt sich darin zunächst ein dumpfer Sexismus.
Männer essen viel und herzhaft, während Frauen vor allem dünn sein wollen –  diese Annahmen über geschlechtsspezifische Eigenarten klingen durch.
Männer sind so, Frauen sind anders. Unterschiede sind in Stein gemeißelt.
Frauen sollen gefallen, Männer dürfen genießen.
Eine hierarchische Rollenverteilung zugunsten der Männer ist darin deutlich eingeschrieben.
So weit, so äußerst unerfreulich.

Fraglich ist darüber hinaus aber, warum in aller Welt überhaupt das Geschlecht beim Essen eine thematische Rolle spielen soll.
Ich nehme mal an, dass Sie die Produkte am Ergebnis irgendeiner Marktforschung ausgerichtet haben, die unterschiedliche Bratwurst-Vorlieben bei Frauen und Männern ergeben hat. Selbstverständlich sind Sie bemüht, mit Ihrem Sortiment die breitesten Geschmäcker zu treffen. Dass Sie deshalb zwei unterschiedliche Produkte kreieren, von denen Sie sich jeweils große Resonanz bei einem der Geschlechter versprechen, verstehe ich. Aber warum müssen Sie die auch geschlechterspezifisch benennen?

Denn wenn Frauen magere Wurst mit Gemüsefüllung tatsächlich so gern mögen, dann werden sie sie auch kaufen, wenn sie nicht als “für Frauen” gekennzeichnet ist. Durch die geschlechtsbezogene Bennennung aber agieren Sie normativ: Sie bestimmen, dass diese Wurst zu mögen, mithin auch magere Produkte zu bevorzugen, ein Zeichen von Frausein ist. Frauen mögen diese Wurst. Weil Frauen ja dünn sein wollen. Frauen sind so.

Wenn eine Frau nun lieber die “Männer-Bratwurst” mag, dann kann sie die natürlich essen. Aber damit wird ihre simple Grill-Mahlzeit zum Überschreiten einer – von Ihnen willkürlich gezogenen – Grenze ihrer Geschlechterrolle. Die Frau muss sich plötzlich zu ihrem Frausein verhalten, nur weil sie kräftig gewürzte Wurst mag. Sie tut etwas, dass “Frauen eigentlich nicht tun”. Ihre Produktbenennung setzt eine – vollkommen sinnlose – Norm, gegen die eine Frau verstößt, die den Fettgehalt von Speisen nicht zum primären Auswahlkriterium für ihre Ernährung macht.
Ebenso übrigens wird dank Ihrer Namenswahl auch für jeden Mann sein Mannsein zum Thema, der lieber die “eigentlich für Frauen gedachte” magere Wurst mit Gemüsefüllung mag. Er verhält sich dann nicht “richtig” im Sinne der von Ihnen willkürlich gesetzten Norm für Mannsein – in der Logik der oben erwähnten Hierarchie ist dieser Schritt hin zur “Frauenrolle” für ihn ein Abstieg. Und Ihre provokative Benennung lädt die fröhliche Runde jeder Grillparty ein, solche Grenzüberschreitungen auch ausdrücklich zu thematisieren.

Natürlich geht davon das Abendland nicht unter, es ist ja nur Bratwurst. Natürlich kann man damit spielerisch umgehen, und vermutlich werden die meisten Wurstkäufer das auch tun. Aber Ihre Namenswahl und die begleitenden Werbetexte bleiben dennoch Ausdruck und Beförderer eines – bestenfalls gedankenlosen – normativen Sexismus, der jedem Geschlecht eine “richtige” Rolle zuweist, Hierarchie inklusive. Und der prägt auch im kleinen, scheinbar belanglos-spielerischen Rahmen die Wahrnehmung der Menschen und steht der Gleichberechtigung der Geschlechter hartnäckig und nachhaltig im Weg.

Eine Frage habe ich zum Schluss: Warum ist eigentlich die “Frauen-Bratwurst” pro Kilogramm 2,02 Euro teurer als die “Männer-Bratwurst”?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und habe mir die Freiheit genommen, diese Mail in Kopie auch an einige weitere, an dem Thema möglicherweise interessierte Empfänger_innen zu senden.

Mit freundlichen Grüßen
Susanne Enz

Zwischenzeitlich hat Susanne auch bereits zwei Antworten bekommen.

Ein Verantwortlicher von Rasting dankt ihr für ihre “Informationen” und will “auf das, was ich verstanden habe” , gerne antworten. Das ist aber lediglich die Frage nach dem Preisunterschied: In der Frauen-Bratwurst sei mehr besonders mageres Fleisch, außerdem hochwertiges Gemüse, und das Ganze sei in einen besonders zarten Saitling eingepackt, was die Herstellung dieser Wurst teurer mache als die der Männer-Bratwurst.

Edeka schreibt, das Anliegen sei nun an den “zuständigen regionalen Ansprechpartner weitergeleitet”. Vielleicht gibt es ja dann von dort noch eine Antwort, ich bin gespannt.

Update (29.6.2013):

Der Vollständigkeit halber sammle ich hier mal die Links zu Medien, die das Thema aufgegriffen haben, von denen es aber, da keine Blogs, keine Pingbacks gibt.

http://m.thelocal.de/society/20130627-50525.html

http://www.huffingtonpost.co.uk/2013/06/28/sexist-sausages-germany_n_3514727.html

http://www.huffingtonpost.com/2013/06/28/sexist-sausages_n_3511915.html?ir=Women

http://www.sueddeutsche.de/stil/genderspezifische-werbung-fleischgewordener-sexismus-1.1707863

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-06/frauen-bratwurst

http://www.stern.de/lifestyle/grillgut-bei-edeka-wurst-fuer-machos-wurst-fuer-tussen-2030648.html

http://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft.html?&news%5Baction%5D=detail&news%5Bid%5D=6799

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2349806/Fury-German-supermarkets-Sexist-sausages.html

http://www.inquisitr.com/819046/sexist-sausages/

http://sausagefans.co.uk/sexist-sausages-german-supermarket-chain-sells-male-and-female-bratwurst/

http://www.thepostonline.nl/2013/06/27/braadworst-nu-ook-al-seksistisch/

http://www.repubblica.it/esteri/2013/06/29/foto/germania_la_salsiccia_sessista_bufera_sul_supermercato-62057125/1/?ref=twhr&utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter

http://hvg.hu/gasztronomia/20130628_ferfi_kolbasz_noi_kolbasz

http://www.balsas.lt/naujiena/740526/vokietijoje-pardavinejamos-desreles-skirtos-skirtingoms-lytims

http://www.npr.org/blogs/thesalt/2013/06/28/196640183/bikini-baristas-and-sexist-sausages-food-marketing-gone-wrong

http://www.supermarktblog.com/2013/07/01/die-wurstgewordene-vitamintablette-edekas-eigenmarken-aus-dem-lebensmittellabor/

http://www.bust.com/his-and-hers-sausages-are-the-wurst.html

http://weblog.medienwissenschaft.de/archives/15932

Paarbildung: Schwangerwerdenkönnen und Heteronormativität

Mama, Papa, Kind. Foto: Fotowerk - Fotolia.com

Mama, Papa, Kind. Foto: Fotowerk – Fotolia.com

Dies ist Teil 2 der Reihe „Letz Talk about Schwangerwerdenkönnen“

Menschen kommen auf die Welt, indem sie als kleine hilflose überlebensunfähige Wesen aus dem Körper einer schwangeren Frau* herausrutschen. Das bedeutet, dass Bedürftigkeit und das Angewiesensein auf die Hilfe anderer eine conditio humana ist, also eine Grundbedingung des Menschseins. Es bedeutet auch, dass es in menschlichen Gesellschaftlichen Regelungsbedarf gibt für den Fall, dass eine Schwangerschaft eintritt. Geregelt werden muss insbesondere, wie die Verantwortung für diesen Neuankömmling auf der Welt unter den Erwachsenen verteilt wird.

Die Tatsache, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht bedeutet, dass Frauen* und Männer* einen unterschiedlichen Zugang zu diesem Thema haben. Zwar besteht zwischen ihnen noch eine Gleichheit, was die Zeugung eines Kindes betrifft – das ist nämlich einem Menschen allein nicht möglich, es braucht zwei dafür. Aber nicht alle Menschen haben dann gleichermaßen die Möglichkeit, dieses gezeugte Zellhäuflein auch wachsen zu lassen und zu gebären.

Wenn wir uns mal für einen Moment vorstellen, es gäbe überhaupt keine kulturellen Regeln in diesem Bereich, keine sozialen Beziehungsnormen und verbindliche Abmachungen, dann hätten Männer* aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit keinerlei Möglichkeit, eine Elternschaft zu planen – denn sie wüssten ja nie, ob die Frau*, mit der zusammen sie ein Kind gezeugt haben, auch neun Monate später noch irgendwo in der Nähe ist oder etwas mit ihnen zu tun haben möchte. Frauen* hingegen wären, falls sie schwanger werden, mit der Verantwortung für das Kind völlig auf sich gestellt – denn sie könnten ja nie wissen, ob der Mann*, mit dem sie zusammen das Kind gezeugt haben, neun Monate später noch da ist oder etwas mit ihnen oder mit dem Kind zu tun haben möchte, und sie könnten das auch von keinem anderen Menschen wissen.

Der einzige Mensch, der bei der Geburt eines Kindes mit hundertprozentiger Sicherheit anwesend ist – ohne dass es dafür irgend einer sozialen Regelung bedarf – ist die Mutter, denn aus ihrem Körper heraus kommt das Kind auf die Welt. Die Mutter kann sich nicht dafür entscheiden, bei der Geburt ihres Kindes nicht dabei zu sein. Die Anwesenheit jeder anderen Person hingegen (des biologischen Vaters, eines sozialen Vaters, einer Hebamme, einer Ärztin oder eines Arztes, von wem auch immer) ist entweder kontingent, also „zufällig“ in dem Sinne, dass diese Person auch nicht anwesend sein könnte, oder eben sozial vermittelt, also durch gesellschaftliche Regeln gewährleistet.

Der kulturelle Regelungsbedarf dreht sich also im Kern um zwei Grundthemen: die Frage, welche Unterstützung eine schwangere Frau* durch die Allgemeinheit erfährt, und die Frage, welche „Rechte“ die Allgemeinheit, die Männer* oder bestimmte andere Menschen in Bezug auf das Kind haben, das im Körper einer Schwangeren heranwächst – unter Umständen auch gegen ihren Willen. Im Detail müssen zum Beispiel für folgende Fragen Antworten gefunden werden:

Gibt es für Menschen, die schwanger sind und/oder rund um die Geburt eine Unterstützung? Was für eine? Wer kommt für diese Unterstützung auf, die Allgemeinheit oder bestimmte andere Menschen? Müssen die Schwangeren irgendwelche Bedingungen erfüllen, um in den Genuss solcher Unterstützung zu kommen? Welche? Oder müssen die Schwangeren selbst sehen, wo sie bleiben und wie sie zurechtkommen?

Wird von Menschen, die ein Kind gebären, erwartet, dass sie sich anschließend um das Neugeborene kümmern? Wie lange? Oder gibt es andere, die dafür ebenfalls zuständig sind? Wer ist das und unter welchen Bedingungen? Wie wird sichergestellt, dass die Betreffenden ihrer Verpflichtung auch nachkommen?

Können Menschen, die schwanger sind, entscheiden, ob sie das Kind austragen möchten oder nicht? Wer bestimmt darüber, was mit neugeborenen Kindern geschieht? Was davon fällt in den Entscheidungsbereich derjenigen, die das Kind geboren hat? Was davon fällt in den Entscheidungsbereich der Allgemeinheit oder bestimmter anderer Menschen? Welcher anderen Menschen? Werden für all das von der Gesellschaft Bedingungen gestellt, stehen dafür Ressourcen zur Verfügung? Wer entscheidet darüber konkret?

Das Problem bei all diesen Fragen ist, dass ihre Beantwortung jeweils unterschiedliche Folgen – Vorteile oder Nachteile – für Frauen* und Männer* hat. Beschließt eine Gesellschaft zum Beispiel, Schwangeren eine Art „Verdienstausfall“ zu zahlen (weil sie eine Zeitlang nicht in gleicher Weise wie Nichtschwangere selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können) oder eine gute, von der Allgemeinheit finanzierte Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dann werden Männer* nie in den Genuss dieser Vorteile kommen, weil sie ja von vornherein wissen, dass sie nicht schwanger werden können. Beschließt eine Gesellschaft hingegen restriktive Regeln für den Vorgang der Schwangerschaft (zum Beispiel ein Abtreibungsverbot), dann müssen Frauen* damit rechnen, davon betroffen zu sein, nämlich in dem Fall, dass sie schwanger werden, Männer* können aber sicher sein, dass sie niemals davon betroffen sind.

Das bedeutet, dass das Konzept der „Gleichheit“ für Regelungen in diesem Bereich nicht funktioniert, weil eben Männer* und Frauen* aufgrund ihrer körperlichen Unterschiede nicht gleichermaßen von solchen Regelungen betroffen sein können.

Die „Lösung“, die nun die patriarchale Kultur für diese Herausforderung erdacht hat, war die Erfindung der „heterosexuellen Matrix“. Die Idee ist gewissermaßen, dass die körperliche Differenz innerhalb der menschlichen Spezies in Bezug auf die Fortpflanzung – und damit das „Problem“, dass es in Bezug auf Schwangerschaftsregelungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu Interessenkonflikten zwischen den männlichen* und weiblichen* Individuen kommt – nivelliert wird, indem nicht in Individuen, sondern in heterosexuellen Paaren gedacht wird. Man „bindet“ sozusagen immer einen Menschen, der schwanger werden kann, und einen anderen, der nicht schwanger werden kann, zusammen: Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist dann nicht mehr der einzelne Mensch, sondern das Frau-Mann-Paar. Damit muss die Gesellschaft als Ganze sich nicht mehr um die lästige Differenz zwischen „Gebärenden“ und „Nichtgebärenden“ kümmern. Von jeder Regel ist ja jedes Paar gleichermaßen betroffen, eventuelle Konflikte sind dann bitte intern auszutragen und „Privatsache“.

Die gesamte westlich-patriarchale Konstruktion von Geschlecht ist darauf ausgerichtet, dieses System zu stabilisieren. „Legitime“ Kinder dürfen nur innerhalb eines heterosexuellen Ehepaares entstehen – daher das Verbot der außerehelichen Sexualität. Um die Nachteile, die den Männern* aus diesem Arrangement im Vergleich zum ungeregelten Zustand entstehen (denn sie müssen ja jetzt die Last und Mühe und den Umstand des Kinderkriegens und die Sorge um die Neugeborenen mittragen, obwohl sie selbst gar nicht schwanger werden und das Problem also „eigentlich“ gar nicht hätten) entsteht die sehr starke symbolische Figur des „Vaters“, die mit gesellschaftlicher Macht und Privilegien ausgestattet wird – vor allem Macht über „ihre“ jeweiligen „Ehefrauen“ und die Kinder, die diese gebären.

Die Nachteile, die den Frauen* wiederum aus diesem Arrangement entstehen (die Aufgabe ihrer Autonomie und persönlichen Eigenständigkeit) wird mit dem Verweis auf eine angebliche weibliche „Natur“ oder eine göttliche „Schöpfungsordnung“ legitimiert und durch frühkindliche Konditionierung hin zur „Selbstaufopferung“ und zur Ausbildung angeblicher „mütterlicher Instinkte“ abgesichert.

Aber weil das noch nicht reicht, entsteht ein ausgefeiltes Rechts-, Glaubens- und Wissenschaftssystem, das diese zweigeschlechtliche Ordnung festschreibt und es nahezu unmöglich macht, etwas anderes auch nur in Betracht zu ziehen. Die heterosexuelle Matrix durchzieht die Beziehungen zwischen Männern* und Frauen* auf einer sehr grundsätzlichen Ebene, auch in Bereichen, die mit dem Schwangerwerden und Gebären gar nichts zu tun haben (wie zum Beispiel bei der Frage, wer fürs Kochen oder Fensterputzen zuständig ist). Wo man auch hinschaut, ist unser Denken und unsere kulturelle Struktur von Pseudo-„Ehepaaren“ durchzogen, die klar geschlechtlich konnotiert sind – Körper und Geist, Gefühl und Verstand, Bauch und Kopf, Privat und Öffentlich….

Also: Alles, was wir über Frauen und Männer sagen, ist eine soziale Konstruktion, und nicht nur das – die patriarchale Konstruktion der Geschlechterdifferenz in Form von heterosexuellen „Ehepaaren“ prägt nicht nur das Verhältnis von Frauen und Männern, sondern das gesamte Denken und die gesamte Kulturproduktion. Aber es ist wichtig, zu sehen, dass diese Konstruktionen eben nicht in einem luftleeren Raum und willkürlich entstanden sind, sondern dass sie von ihrem Ursprung her eine Herausforderung bearbeiten, die sich für menschliche Gesellschaften aufgrund der biologischen Beschaffenheit ihrer Spezies tatsächlich stellt.

Oder anders gesagt: Wenn wir die heterosexuelle Matrix untergraben wollen, wenn wir das Modell des Mann-Frau-Paares durch etwas anderes, besseres ersetzen möchten – durch freie Individualität, durch andere Vorstellungen von Familie, durch vielfältigere Beziehungskonstellationen – dann wird das meiner Ansicht nach nur gelingen, wenn wir die oben gestellten Fragen zum Umgang mit Schwangeren und Neugeborenen bewusst stellen und andere, bessere Regelungen finden. Dafür brauchen wird Denkmodelle, die die Tatsache, dass es eine körperliche Differenz zwischen Frauen* und Männern* im Bezug auf Schwangerschaft und Geburt gibt, nicht umschiffen oder kleinreden, sondern sie realistisch ins Auge fassen.

Letz talk about Schwanger werden können

tamponIm Januar nahm ich an einem Seminar über weibliche Initiationsriten teil, bei dem es auch um den Austausch zwischen europäischen und afrikanischen Sichtweisen zu dem Thema ging. Zur Vorstellungsrunde sollten wir Teilnehmerinnen jeweils einen Gegenstand mitbringen, der für uns das „Frauwerden“ symbolisiert. Ich war sehr überrascht, dass viele der anderen etwas mitgebracht haben, das für den Eintritt der Gebärfähigkeit steht – Tampons oder Stoffbinden zum Beispiel.

Ich war davon so überrascht, weil ich selbst nicht eine Sekunde an so was dachte. Ich hatte vielmehr ein Foto herausgesucht, das meine Mutter als Baby zeigt zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihrer Großmutter. Denn für mich hängt Frausein vor allem damit zusammen, sich bewusst in eine weibliche Genealogie zu stellen, also sich zugehörig zum „Geschlecht der Frauen“ zu empfinden und zu positionieren.

Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Kinder habe und auch nie welche wollte, dass für mich das Frausein nichts mit Gebären zu tun hat, dass ich mein „Weiblichsein“ nicht mit dem Übergang vom (geschlechtsneutralen?) Kindheitszustand in den menstruierenden Zustand der „erwachsenen“ Frau assoziiere. Aber seit diesem Seminar denke ich darüber nach, ob das nicht auch ein bisschen ein Sich Herausmogeln ist.

In der heutigen, vor allem westlichen Debatte über die Geschlechterdifferenz ist das Thema Schwangerwerdenkönnen ziemlich in den Hintergrund gerückt. Wir verstehen Frausein losgelöst von biologischen körperlichen Phänomenen, denken vor allem über die sozialen Konstruktionen von Geschlecht nach, und das ja auch aus gutem Grund: Es gibt schließlich zahlreiche Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht schwanger werden können oder wollen, und es ist sogar nicht einmal ausgeschlossen, dass Männer schwanger werden, wenn zum Beispiel ein Transmann sich entschließt, seinen Geburtskörper nicht zu verändern, sondern in seiner Gebärfähigkeit zu erhalten.

Fast alles von dem, was wir meinen, wenn wir heutzutage das Wort „Frau“ benutzen, hat also überhaupt nichts mit der Frage des Schwangerwerdenkönnens zu tun. Aber das sollte uns nicht dazu verleiten, diesen Aspekt für gänzlich unbedeutend zu halten. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen der Geschlechterdifferenz und der Frage, wie Menschen sich fortpflanzen. Und auch wenn dieser Zusammenhang in unserer patriarchalen Kultur überwiegend auf sehr grauselige Weise hergestellt und mit Bedeutungen überladen wurde, die der Feminismus mit guten Gründen zurückgewiesen hat, so kann die Alternative doch nicht sein, so zu tun, als gäbe es überhaupt gar keinen Zusammenhang.

Ich habe deshalb beschlossen, eine kleine Serie von Blogposts zu schreiben, mit denen ich dieses Thema gewissermaßen umkreisen will. Mein Ausgangsgedanke dabei ist folgender:

Es gibt Menschen, die können schwanger werden, und Menschen, die können nicht schwanger werden. Und es lässt sich schon bei der Geburt eines Kindes mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob es einmal zu der einen oder der anderen Sorte gehören wird.

Diese unterschiedliche körperliche Beschaffenheit von Menschen im Hinblick auf die Fortpflanzung der Spezies ist die Ursache dafür, dass fast alle menschlichen Kulturen so etwas wie eine „Geschlechterdifferenz“ erfunden haben.

Die gesellschaftliche Konstruktion sozialer Geschlechterdifferenzen ist nicht etwa eine völlig absurde Idee böswilliger Menschen, die irgendwann in grauer Vorzeit beschlossen haben, die Menschheit willkürlich und ohne jeden Anlass in Frauen und Männer einzuteilen. Sondern diese Einteilung reagierte auf eine reale Herausforderung, vor der jede menschliche Kultur steht: Es muss nämlich die Frage beantwortet werden, wie man mit dem Umstand umgehen will, dass nicht alle Menschen gleich sind, sondern manche schwanger werden können und andere nicht.

Der Einfachheit halber will ich diejenigen Menschen, von denen man bereits bei der Geburt aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weiß, dass sie später mal schwanger werden können, hier Frauen* nennen, und diejenigen Menschen, von denen man bereits bei ihrer Geburt mit ziemlicher Sicherheit weiß, dass sie niemals schwanger werden, Männer*. Mit Sternchen.

Im Allgemeinen werden solche Sternchen oft in genau der gegenteiligen Bedeutung verwendet, nämlich um deutlich zu machen, dass es sich bei „Frauen“ und „Männern“ gerade nicht um natürliche, biologische Phänomene handelt, sondern um soziale Konstruktionen. Ich bin mit dieser Praxis bisher nicht warm geworden, weil ich es für selbstverständlich halte, dass die Begriffe „Frau“ und „Mann“ Konstruktionen sind und keine natürlichen Phänomene – so wie alle Worte übrigens. Wenn ich jetzt das Sternchen doch verwende, dann, um deutlich zu machen, dass ich diesmal gerade nicht – so wie sonst – „Frauen“ und „Männer“ in ihrer vielschichtigen und uneindeutigen und komplexen sozialen Bedeutung meine, sondern in einem tatsächlich auf die Fortpflanzungsumstände reduzierten Sinn: als begriffliche Unterscheidung zwischen „Menschen, die, wenn sie auf eine bestimmte Weise Sex haben, damit rechnen müssen, schwanger zu werden“ (Frauen*) und „Menschen, die sich ihr ganzes Leben über sicher sein können, dass sie unter gar keinen Umständen schwanger werden“ (Männer*).

Warum ist es wichtig, diese Unterscheidung zu treffen?

Heute, wo wir eine gute medizinische Versorgung haben, wo es Verhütungsmittel gibt und wir eine Lebenserwartung von an die achtzig Jahren haben, kann es so aussehen, als ob dieser Unterschied ganz unbedeutend wäre im Vergleich zu allem anderen, was so ein Menschenleben ausmacht und prägt. Selbst bei denjenigen Menschen, die schwanger werden, betrifft das ja meist nur eine relativ kurze Phase ihres Lebens, ganz abgesehen davon, dass sich viele Frauen* auch dagegen entscheiden, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

Bis vor hundert Jahren jedoch (und in vielen Gesellschaften bis heute) war das aber anders. Viele Frauen* waren früher zehn Mal oder sogar noch öfter schwanger, bei einer Lebenserwartung von vielleicht vierzig Jahren befanden sie sich also einen Großteil ihres erwachsenen Lebens „in anderen Umständen“. Schwanger sein und Gebären war zudem eine recht gefährliche Angelegenheit, man konnte dabei leicht sterben, was auch oft passiert ist. Außerdem erforderte die Sicherstellung des Lebensunterhaltes in viel höherem Maß als heute körperlichen Einsatz, sodass es einen recht erheblichen Unterschied im Alltagsleben ausmachte, ob ein Mensch schwanger war, kurz vor der Geburt stand oder gerade ein Kind geboren hatte, oder ob das in seinem Leben niemals vorkam.

Dieser Umstand, so meine These, ist ein wichtiger Grund gewesen für die Ausprägung von Geschlechterdifferenzen. Wie diese Geschlechterdifferenzen inhaltlich ausgefüllt werden, ist damit natürlich überhaupt nicht gesagt. Das zeigt sich ja auch schon daran, dass unterschiedliche Kulturen ganz unterschiedliche Systeme der Geschlechterdifferenz hervorgebracht haben und diese auch ständig verändert werden.

Eine Kultur kann sich ausgehend von der körperlichen Differenz zwischen Frauen* und Männern* in Bezug auf die Fortpflanzung alles Mögliche ausdenken oder auch nicht. Das Problem, vor dem wir als Feministinnen stehen, ist doch, dass wir den ganzen vielen Mist dekonstruieren müssen, der in dem Zusammenhang in unserer Kultur und Geschichte erfunden wurde, weil der vor allem zur Unfreiheit von Frauen* aber teilweise auch von Männern* geführt hat. Diesem ganzen Mist müssen wir irgendetwas anderes entgegensetzen, etwas, das idealerweise mit der menschlichen Freiheit vereinbar ist und nicht sie ständig untergräbt.

Ich behaupte aber, dass es uns nicht gelingen wird, eine freiheitliche Bedeutung der Geschlechterdifferenz zu finden oder zu etablieren, wenn wir den Anlass vollständig ignorieren, der dem Schlamassel zugrunde liegt. Wenn wir also so tun, als wäre es vollkommen egal, ob ein Mensch schwanger werden kann oder nicht. Denn wenn Ungleiches gleich behandelt wird, entsteht erneut Ungerechtigkeit und Unfreiheit.

Vielleicht liegt hier auch eine Antwort auf eine Frage, die mich schon länger umtreibt, nämlich warum Geschlechterklischees sich so hartnäckig halten und vielleicht sogar noch krasser werden, obwohl wir doch im Hinblick auf Emanzipation und Gleichberechtigung in den letzten Jahrzehnten so weit vorangekommen sind. Ist es vielleicht so, dass gerade die Abspaltung der Diskussionen um Geschlecht von den realen Ursachen dieser Konstruktionen, nämlich den Unterschieden zwischen Frauen* und Männern* im Bezug auf Fortpflanzung, dazu geführt hat, dass an die Stelle von solchen realen Themen ein übergroßes Imaginäres getreten ist, dass also die Diskurse über Geschlecht sozusagen in einem „freien Raum“ geführt werden und nicht mehr an die reale Bedingtheit der conditio humana geknüpft sind?

Wenn wir im Bezug auf eine freiheitliche Dekonstruktion von Geschlechtssterotypen vorankommen möchten – so meine These – dann besteht die Lösung nicht darin, die körperlichen Umstände der menschlichen Fortpflanzung (ein neuer Mensch entsteht, indem er neun Monate lang im Körper einer Frau* heranwächst) für irrelevant zu erklären. Sondern eine freie Bedeutung des Frau*-Seins (und damit auch des Frau-Seins und des Mann-Seins, ohne Sternchen) hängt davon ab, dass wir gute, menschenfreundliche, freiheitliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen und symbolische Ordnungen schaffen, wie wir als Gesellschaft mit der körperlichen Differenz von Menschen in Bezug auf die Fortpflanzung umgehen.

Ich habe vor, das Thema in nächster Zeit hier im Blog von verschiedenen Perspektiven aus weiter zu verfolgen.

Teil 2: Paarbildung: Schwangerwerdenkönnen und Heteronormativität

Teil 3: Schwangerwerdenkönnen und symbolische Ordnung

Teil 4: Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit