Geschlechterdifferenz sucht Kultur, dringend!

Almut Schnerring hat mir ihr Buch zugeschickt: “Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees.” Sie hat es zusammen mit ihrem Mann, Sascha Verlan, geschrieben, und Auslöser waren wohl die Erfahrungen, die sie mit ihren drei Kindern gemacht haben. Die Falle kennen wohl alle Eltern, und das Thema ist natürlich nicht neu, aber hier ist das alles einmal gut verständlich zusammengestellt, inklusive vieler Fallbeispiele, Interviews, neuesten Studien zum Thema.

9783888979385Ein empfehlenswertes Buch, das sich zum Beispiel gut an Eltern von kleinen Kindern verschenken lässt, die im Feminismusdiskurs vielleicht nicht so aktiv drin sind.

Und wie immer stellt sich beim Lesen die Frage, warum nur, warum ist diese Rosa-Hellblau-Falle nach der Emanzipation der Frauen nicht kleiner geworden, sondern größer? Und mir kam eine Idee, woran es – neben all dem, was wir dazu schon wissen – auch noch liegen könnte:

Nämlich daran, dass wir, also die Erwachsenen, die Gesellschaft insgesamt, keine überzeugenden Antworten darauf haben, wenn Kinder wissen wollen: Was bedeutet es, dass ich ein Mädchen bin? Was bedeutet es, dass ich ein Junge bin?

Im Prinzip drücken wir uns doch vor einer Antwort auf diese Frage. Die alten Antworten, die bis in die Fünfziger, Sechzigerjahre gegeben wurden, sind heute obsolet: Mädchen müssen kochen und hübsch sein, Jungen kämpfen und Geld verdienen. Zumindest explizit sind sie obsolet. Niemand sagt das heute noch so, außer vielleicht ein paar Ewiggestrige.

Eigentlich, so sagen wir unseren Kindern, hat das keine Bedeutung mehr. Irgendwie sind wir doch alle ein bisschen postgender. Dabei reicht die Spanne von denen, die aktiv versuchen, Rollenklischees zu konterkarieren und ihre Kinder zu erziehen, ohne die Kategorie Geschlecht zu verwenden, bis hin zu denen, die sich über das Thema keine Gedanken machen und es einfach so machen, wie es alle machen, manchmal mit ein bisschen schlechtem Gewissen dabei.

Die ehemals expliziten Rollenanweisungen für Jungen und Mädchen wurden auf diese Weise quasi durch nur noch statistische Trends ersetzt, die sich im Einzelfall schwer nachweisen lassen, zum Beispiel, dass Eltern im Schnitt nachsichtiger sind, wenn Jungen sich nicht an der Hausarbeit beteiligen, als wenn das Mädchen tun. Diese statistischen Unterschiede in der Erziehung zum Geschlechterkonformismus sind aber nicht mehr kulturell untermauert, sie geschehen nicht absichtlich, sondern unabsichtlich. Sie werden nicht mehr aktiv und absichtlich ausgehandelt, sondern irgendwie so durchgeschleppt.

Aber Kinder sind ja nicht blöd. Sie sehen ganz genau, was für eine enorme Bedeutung die Geschlechterdifferenz hat, für praktisch jeden Aspekt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Sie sehen, dass Erwachsene sehr bewusst ihr Geschlecht “performen”. Und gleichzeitig sind Kinder konformistisch. Sie wollen vor allem dazugehören, sie wollen Orientierung.

Wenn sie nun von Eltern, Lehrerinnen oder Schulbuchautoren keine Antwort auf ihre Frage, was es bedeutet, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, bekommen – dann glauben sie halt der Werbung. Dann wollen sie das, was die Werbung an Identitätsstiftung anbietet, rosa Überraschungseier oder Bagger oder sonstwas. Die Werbung kann umso klischeehafter vorgehen, je weniger alternative Antworten mit ihr konkurrieren. Sie sagt dann, es sei ja alles nur ironisch gemeint, oder eben, es sei ja offensichtlich überzeichnet und nur ein Spaß.

Man kann Kindern nichts beibringen, das von der gesellschaftlichen Realität nicht gedeckt ist. Die Veränderung der Geschlechtsrollen muss bei den Erwachsenen anfangen. Und solange wir Erwachsenen eine zweigeschlechtliche Welt vorleben, müssen wir auch für Kinder die Frage, was Geschlecht denn nun bedeutet, beantworten. Denn es bedeutet eben faktisch was.

Wir müssen also antworten, aber nicht im Sinne soziologischer Analysen, sondern im Sinne von dem, was wir selbst für die richtige Antwort halten, in erster Person. Es gibt auf diese Frage keine objektiv richtige Antwort, sondern es verlangt ein Urteil von der oder demjenigen Erwachsenen, der gerade gefragt ist: Was bedeutet es, dass ich eine Frau bin? Was sehe ich in Männern und im Mannsein?

Geschlecht ist eine soziale Konstruktion, und zwar eine sehr wirkmächtige. Es reicht nicht, diese Konstruktion als solche zu entlarven, denn dann bleibt Nichts übrig, ein Vakuum, das mit Prinzessinnen, Rittern, Puppenküchenbetreiberinnen und Baggerfahrern befüllt wird. Veränderung wird es nur geben, wenn wir denjenigen Konstruktionen, die wir für falsch halten, andere entgegensetzen, die wir besser finden. Die mehr Freiheit erlauben, uns selbst und dann auch den Kindern.

Die Konstruktion von Geschlecht ist eine Kulturproduktion. Wenn sie nicht stattfindet, und das ist leider derzeit über weite Strecken der Fall, dann geht diese Kategorie nicht einfach weg, ganz im Gegenteil.

Almut Schnerring, Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees. Kunstmann, München 2014, 16,95 Euro.

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Update, 24. April, 10.19 Uhr

Nachdem es einige interessante Debatten auch auf Facebook und per Mail zu diesem Blogpost gegeben hat, möchte ich noch etwas ergänzen:

Manche haben es so verstanden, als würde ich sagen, dass heute Geschlecht keine offensichtliche Bedeutung mehr hat und Rollenanweisungen nur noch subtil zu Tage treten. Das meine ich nicht, meine These ist vielmehr, dass die Rollenanweisungen, die heute gegeben werden, im Vergleich zu denen früherer Zeiten substanzlos sind. Sie haben heute vor allem symbolischen Wert, weniger realen, sie werden eher unbewusst und gedankenlos reproduziert denn aktiv und ernsthaft und inhaltlich erarbeitet und debattiert.

Wenn ich mich zum Beispiel daran erinnere, wie mir die Bedeutung des Mädchen-/Frauseins als Kind vermittelt wurde, dann ging es nicht nur um symbolische Sachen wie rosa und Glitzer. Es ging um harte Sachen wie: Ich muss ordentlich sein, sonst finde ich nie einen Mann, zum Beispiel. Dies war von meiner Mutter ernst gemeint, nicht ironisch oder spielerisch oder symbolisch. Eine solche ernstgemeinte Bedeutungzuschreibung konnte ich allerdings auch aktiv verändern, indem ich zum Beispiel später meiner Mutter sagte: Es ist mir aber auch ganz egal, ob ich einen Mann finde. Oder als meine Tante mir vor meiner ersten (sehr frühen, haha) Heirat sagte: Ach, du heiratest, und ich dachte, du machst mal Karriere! Auch damit vermittelte sie mir eine bestimmte, substanzielle Bedeutung des Frauseins, die ich mit “Aber ich kann doch heiraten und trotzdem Karriere machen” diskursiv und praktisch widerlegen und bestreiten konnte.

Ich wollte also mit meinem Blogpost sagen (wobei mir das erst jetzt nach den Debatten allmählich klar wird), dass diese Substanz, die ein debattierbarer zugänglicher Inhalt ist, aus den Geschlechtsrollenzuweisungen praktisch verschwunden ist und nur symbolische Albernheiten übrig geblieben sind, denen man diskursiv hilflos ausgeliefert ist, denn sobald man was sagt kommt ein “Ist doch nicht so gemeint” oder “Ist doch nur Spaß” oder “Nimm das doch nicht alles so ernst”.

Noch etwas fiel mir auf: Wahrscheinlich bin ich in meinem Blogpost über eine Generation verrutscht. Denn zurecht wurde ich darauf hingewiesen, dass es ja nicht die Kinder sind, die auf die Rosa-Hellblau-Identifikationsangebote der Werbung anspringen, sondern auch viele junge Eltern. Wahrscheinlich ist das eine Folge davon, dass sie selbst als sie klein waren auch schon keine vernünftige Antwort auf ihre Fragen nach der Bedeutung von Frausein und Mannsein bekommen haben.

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Noch ein Update, 11.40 Uhr

Auf Facebook kam gerade der Hinweis, dass viele Eltern ihre normierenden Erziehungsinterventionen heute damit begründen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ja wissenschaftlich bewiesen wären. Mir kam dabei die Idee, dass der Hinweis auf die angebliche “Wissenschaftliche Belegbarkeit” der Stereotype ebenfalls ein Anzeichen von Diskursverweigerung sein könnte. Früher hieß es eben in der Erziehung: Mädchen SOLLEN so sein, Jungs SOLLEN so sein, d.h. es war eine bewusste Konstruktion, es war klar und wurde nicht versteckt, dass es um Konditionierung ging. Heute versteckt man sich hinter angeblicher Wissenschaftlichkeit, weil man selbst die Verantwortung für das, was man tut, ablehnt (Ich HÄTTE ja nichts dagegen, wenn mein Sohn mit Puppen spielt, aber er WILL ja nicht).

 

Lesbische Männer

Das Schöne am Bloggen ist, dass man in den Kommentaren immer noch mehr Hinweise bekommt. So postete „Bellchen“ neulich unter meinem Blogpost über Tierethik einen Link zu einer Zeitschrift, in der auch ein Artikel zu dem Thema stand. Noch interessanter war aber die  Zeitschrift selbst, die ich nämlich noch nicht kannte: Sie heißt „Queerulantin“, und das Thema der betreffenden Ausgabe Nr. 6 (pdf) war „Lebensrealitäten von Girl Fags und Dyke Guys“.

Ich hatte weder von dem einen noch von dem anderen bis dahin etwas gehört (das Konzept „queer“ ist eher nicht so meins), aber las mich schnell fest und fand heraus, dass es um schwule Frauen und lesbische Männer ging.

Hä, fragen jetzt vielleicht einige, was soll das denn sein? Sind „schwule Frauen“ (also Frauen, die sexuell Männer begehren) bzw. eben „lesbische Männer“ (also Männer, die auf Frauen stehen), denn nicht ganz normale Heteras beziehungsweise Heteros?

Nein, weil es bei Queer ja um mehr geht als darum, mit wem man Sex haben will. Es geht vor allem darum, wie die eigene Lebens- und Begehrensform interagiert mit der Umwelt, wie sie wahrgenommen, also „gelesen“ wird und in welchem Verhältnis sie zu verbreiteten Vorstellungen davon steht, wie Geschlecht zu sein hat und wie nicht. Queer ist, was nicht der Norm entspricht bzw. die Norm unterläuft, hinterfragt, eben „durchquert“.

Insofern leuchtete es mir schnell ein, dass es „schwule Frauen“ und „lesbische Männer“ gibt, also Frauen, die zwar Männer lieben, aber nicht auf „weibliche“, sondern eher „männliche“ Weise und Männer, die Frauen lieben, aber sich dabei nicht verhalten, wie Männer „normalerweise“, sondern eher wie Lesben. Mir fallen gerade für Letzteres spontan welche ein, die ich kenne, und mir steht der Unterschied klar vor Augen: zwischen „heterosexuellen Männern, die auf Frauen stehen“ und eben eher „lesbischen Männern“. Letztere kann ich zum Beispiel zu einer Lesbenfeier mitnehmen, ohne dass sie sich unwohl fühlen oder daneben benehmen, erstere nicht so ohne weiteres.

Schwule Frauen kenne ich persönlich zwar keine, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es sie gibt.

Aber obwohl ich beim Lesen des Heftes sofort einsah, dass lesbische Männer und heterosexuelle Männer zwei völlig unterschiedliche „Sorten“ von Begehrensformen sind, sprang auch sofort wieder meine Skepsis gegen das Konzept der „sexuellen Identität“ wieder an. Denn dieser Mechanismus ist halt so: Je mehr Unterkategorien wir aufmachen, umso normierter wird die Norm.

So wie bei dem (inzwischen weitgehend ausgestorbenen, oder?) Sprechen von „Frauen und Lesben“, wie in den 1970ern verbreitet, durch das „Herausnehmen“ der Lesben aus der Kategorie „Frauen“ die Heterosexualität als Norm bei den Übriggebliebenen verfestigt wurde, so wird durch das Herausnehmen der „lesbischen Männer“ aus der Kategorie der „heterosexuellen Männer“ diese männliche Heterosexualität um eine Variante ärmer, rückt näher ans Klischee.

Und ebenfalls einen Schritt näher rücken wir so, also durch das ständige weitere Ausdifferenzieren von Geschlechtsidentitäten, hin in Richtung Unendlichkeit. Ich befürchte, dass im Zuge dieser Entwicklung die Geschlechterdifferenz abhanden kommt und wir dann wieder bei der Norm des Männlichen landen. Denn unendlich viele Verschiedene sind nicht mehr wirklich verschieden, sondern nur noch Varianten des Einen. Wenn irgendwann jeder Mensch ein eigenes Geschlecht hat, gibt es keine Geschlechter mehr. Unterscheidungen ergeben nur Sinn, wenn nicht alles und jedes unterschieden wird, wenn also irgendwelche „Gruppen“ übrigbleiben, die voneinander unterschieden werden können.

An dieser Stelle kommt oft die Erklärung, dass es im Queerfeminismus keineswegs darum gehe, das Geschlecht abzuschaffen, sondern nur darum, die Binarität von Weiblich/Männlich aufzulösen und Raum zu schaffen für mehr Vielfalt. Allerdings ist das nicht bei allen so. In einem Interview mit Netzpolitik.org über die neuen Gender-Optionen bei Facebook sagt etwa Faustin Vierrath vom Verein „TransInterQueer“ als Antwort auf die Frage, wie viele Geschlechter es geben sollte_könnte: „Die Zahl existierender Geschlechter festlegen zu wollen, ist immer willkürlich. Persönlich tippe ich auf gut 7 Milliarden, mit steigender Tendenz.“

Sagen wir mal so: Ich will nicht die einzige Frau auf der Welt sein.

In der betreffenden Ausgabe der Queerulantin wird bereits thematisiert, dass es unter den lesbischen Männern und den schwulen Frauen wiederum eine große Bandbreite gibt: „Manche Girlfags definieren sich ganz als weiblich – trotz ihrer schwulen sexuellen Orientierung. Andere tun dies nicht, sie sehen sich eher als männlich, wollten möglicherweise „schon immer lieber ein Junge sein“ … Dennoch definieren sie sich nicht als Trans*Männer, sondern sehen sich noch irgendwo „dazwischen“, so wie die cissexuellen Girlfags sich eben nicht als „cis*Hetera“ sehen, sondern ebenfalls an einem anderen Punkt der Achse.“

Es ist also deutlich, dass noch weitere Unterscheidungen und immer neue Kategorien kommen werden, und auch wenn wir natürlich noch weit von der von mir befürchteten Unendlichkeit weg sind, fängt die Logikerin in mir bereits an, die Stirn kraus zu ziehen. Etwas weniger als früher, seit mir eine Bekannte im Gespräch die Vorläufigkeit all dieser Theorien plausibel machte. Sie half mir, „Queer“ als politische Praxis zu verstehen, die jeweils die Aufmerksamkeit auf einen bislang zu kurz gekommenen Aspekt sexueller Vielfalt legt, und nicht als theoretisches Konstrukt, das Geschlechtlichkeit erklärt. Als erstes funktioniert es, als zweites nicht.

Insofern kann ich Queerfeminismus als Praxis nachvollziehen und sehe die guten Seiten daran. Aber eben nicht als Theorie (mein Verständnis von Praxis entspricht ungefähr dem, was Chiara Zamboni hier beschrieben hat).

Jedenfalls kann es meiner Meinung nach nicht das Ziel sein, irgendwann mal unendlich viele Geschlechter zu haben, denn das wäre dasselbe, wie nur noch ein Geschlecht zu haben, und dieses – DER MENSCH – ist männlich. Dann lieber zwei binäre Geschlechter als nur eines, das ist jedenfalls meine Meinung.

Obwohl – vielleicht ist das ja auch der unausweichliche Gang der Dinge. Und an dem Tag, wo jeder Mensch ein anderes Geschlecht hat, könnten wir dann anfangen (und diesmal bitte ohne Rollenstereotype), wieder diejenige Unterscheidung zu treffen, die aufgrund von biologischen Gegebenheiten tatsächlich besteht: Die zwischen Menschen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schwanger werden können, und solchen, die das mit Sicherheit nicht können. Warum diese Unterscheidung wichtig ist und gesellschaftlich berücksichtigt werden muss, habe ich in diesem Blog bereits beschrieben.

Frauenbratwurst, Männerbratwurst: OMG, Edeka!

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Bei Edeka gibt es neuerdings (Update: schon seit letztem Jahr) “Frauenbratwurst” und “Männerbratwurst”, und weil das so bescheuert ist, hat Susanne Enz an die Verantwortlichen dort einen Brief geschrieben.

Weil sie darin sehr gut argumentativ begründet, was genau an der derzeitigen grassierenden Mode, die ganze Welt in “weibliche” und “männliche” Bestandteile zu sortieren, so problematisch ist, veröffentliche ich diesen Brief – mit ihrer Erlaubnis – auch hier im Blog.

Falls jemand sich fragen mag, warum ich als “Differenzfeministin” solche Art von Marketing überhaupt problematisch finde, denn schließlich bin ich doch ein Fan der Differenz, so antworte ich: eben deshalb. Ich will die realen, konkreten Unterschiede, die sich zwischen Frauen und Männern zeigen, zum Gegenstand politischer Konflikte machen. Meiner Ansicht nach ist die Dynamik der Geschlechterdifferenz etwas sehr Fruchtbares. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir das Reale an diesen Differenzen sehen (oder uns zumindest darum bemühen, hundertprozentig ist das vermutlich nicht möglich) und nicht überall willentlich Schein-Differenzen herbeikonstruieren, die dann nämlich genau dies immer schwieriger machen.

So, und hier ist der Brief von Susanne Enz:

Sehr geehrter Herr Ehret,
sehr geehrter Herr Poell,
sehr geehrter Herr Sebastian,
sehr geehrter Herr Mosa,
sehr geehrte Damen und Herren,

in mehreren Prospekten der Edeka-Gruppe sowie auf rasting.de werden derzeit die Produkte “Männer-Bratwurst” und “Frauen-Bratwurst” der Edeka-eigenen Fleischerei Rasting beworben. (Siehe Foto im Anhang). Die Wurst, die Männer ansprechen soll, wird mit Adjektiven zu ihrem Geschmack beschrieben (“deftig, kräftig gewürzt”), die “Frauen-Bratwurst” mit einem Hinweis auf den Fettgehalt (“besonders mager”). Die Packung der “Männer-Bratwurst” hat doppelt so viel Inhalt wie die der “Frauen-Brawurst”.

Sehr offen zeigt sich darin zunächst ein dumpfer Sexismus.
Männer essen viel und herzhaft, während Frauen vor allem dünn sein wollen –  diese Annahmen über geschlechtsspezifische Eigenarten klingen durch.
Männer sind so, Frauen sind anders. Unterschiede sind in Stein gemeißelt.
Frauen sollen gefallen, Männer dürfen genießen.
Eine hierarchische Rollenverteilung zugunsten der Männer ist darin deutlich eingeschrieben.
So weit, so äußerst unerfreulich.

Fraglich ist darüber hinaus aber, warum in aller Welt überhaupt das Geschlecht beim Essen eine thematische Rolle spielen soll.
Ich nehme mal an, dass Sie die Produkte am Ergebnis irgendeiner Marktforschung ausgerichtet haben, die unterschiedliche Bratwurst-Vorlieben bei Frauen und Männern ergeben hat. Selbstverständlich sind Sie bemüht, mit Ihrem Sortiment die breitesten Geschmäcker zu treffen. Dass Sie deshalb zwei unterschiedliche Produkte kreieren, von denen Sie sich jeweils große Resonanz bei einem der Geschlechter versprechen, verstehe ich. Aber warum müssen Sie die auch geschlechterspezifisch benennen?

Denn wenn Frauen magere Wurst mit Gemüsefüllung tatsächlich so gern mögen, dann werden sie sie auch kaufen, wenn sie nicht als “für Frauen” gekennzeichnet ist. Durch die geschlechtsbezogene Bennennung aber agieren Sie normativ: Sie bestimmen, dass diese Wurst zu mögen, mithin auch magere Produkte zu bevorzugen, ein Zeichen von Frausein ist. Frauen mögen diese Wurst. Weil Frauen ja dünn sein wollen. Frauen sind so.

Wenn eine Frau nun lieber die “Männer-Bratwurst” mag, dann kann sie die natürlich essen. Aber damit wird ihre simple Grill-Mahlzeit zum Überschreiten einer – von Ihnen willkürlich gezogenen – Grenze ihrer Geschlechterrolle. Die Frau muss sich plötzlich zu ihrem Frausein verhalten, nur weil sie kräftig gewürzte Wurst mag. Sie tut etwas, dass “Frauen eigentlich nicht tun”. Ihre Produktbenennung setzt eine – vollkommen sinnlose – Norm, gegen die eine Frau verstößt, die den Fettgehalt von Speisen nicht zum primären Auswahlkriterium für ihre Ernährung macht.
Ebenso übrigens wird dank Ihrer Namenswahl auch für jeden Mann sein Mannsein zum Thema, der lieber die “eigentlich für Frauen gedachte” magere Wurst mit Gemüsefüllung mag. Er verhält sich dann nicht “richtig” im Sinne der von Ihnen willkürlich gesetzten Norm für Mannsein – in der Logik der oben erwähnten Hierarchie ist dieser Schritt hin zur “Frauenrolle” für ihn ein Abstieg. Und Ihre provokative Benennung lädt die fröhliche Runde jeder Grillparty ein, solche Grenzüberschreitungen auch ausdrücklich zu thematisieren.

Natürlich geht davon das Abendland nicht unter, es ist ja nur Bratwurst. Natürlich kann man damit spielerisch umgehen, und vermutlich werden die meisten Wurstkäufer das auch tun. Aber Ihre Namenswahl und die begleitenden Werbetexte bleiben dennoch Ausdruck und Beförderer eines – bestenfalls gedankenlosen – normativen Sexismus, der jedem Geschlecht eine “richtige” Rolle zuweist, Hierarchie inklusive. Und der prägt auch im kleinen, scheinbar belanglos-spielerischen Rahmen die Wahrnehmung der Menschen und steht der Gleichberechtigung der Geschlechter hartnäckig und nachhaltig im Weg.

Eine Frage habe ich zum Schluss: Warum ist eigentlich die “Frauen-Bratwurst” pro Kilogramm 2,02 Euro teurer als die “Männer-Bratwurst”?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und habe mir die Freiheit genommen, diese Mail in Kopie auch an einige weitere, an dem Thema möglicherweise interessierte Empfänger_innen zu senden.

Mit freundlichen Grüßen
Susanne Enz

Zwischenzeitlich hat Susanne auch bereits zwei Antworten bekommen.

Ein Verantwortlicher von Rasting dankt ihr für ihre “Informationen” und will “auf das, was ich verstanden habe” , gerne antworten. Das ist aber lediglich die Frage nach dem Preisunterschied: In der Frauen-Bratwurst sei mehr besonders mageres Fleisch, außerdem hochwertiges Gemüse, und das Ganze sei in einen besonders zarten Saitling eingepackt, was die Herstellung dieser Wurst teurer mache als die der Männer-Bratwurst.

Edeka schreibt, das Anliegen sei nun an den “zuständigen regionalen Ansprechpartner weitergeleitet”. Vielleicht gibt es ja dann von dort noch eine Antwort, ich bin gespannt.

Update (29.6.2013):

Der Vollständigkeit halber sammle ich hier mal die Links zu Medien, die das Thema aufgegriffen haben, von denen es aber, da keine Blogs, keine Pingbacks gibt.

http://m.thelocal.de/society/20130627-50525.html

http://www.huffingtonpost.co.uk/2013/06/28/sexist-sausages-germany_n_3514727.html

http://www.huffingtonpost.com/2013/06/28/sexist-sausages_n_3511915.html?ir=Women

http://www.sueddeutsche.de/stil/genderspezifische-werbung-fleischgewordener-sexismus-1.1707863

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-06/frauen-bratwurst

http://www.stern.de/lifestyle/grillgut-bei-edeka-wurst-fuer-machos-wurst-fuer-tussen-2030648.html

http://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft.html?&news%5Baction%5D=detail&news%5Bid%5D=6799

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2349806/Fury-German-supermarkets-Sexist-sausages.html

http://www.inquisitr.com/819046/sexist-sausages/

http://sausagefans.co.uk/sexist-sausages-german-supermarket-chain-sells-male-and-female-bratwurst/

http://www.thepostonline.nl/2013/06/27/braadworst-nu-ook-al-seksistisch/

http://www.repubblica.it/esteri/2013/06/29/foto/germania_la_salsiccia_sessista_bufera_sul_supermercato-62057125/1/?ref=twhr&utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter

http://hvg.hu/gasztronomia/20130628_ferfi_kolbasz_noi_kolbasz

http://www.balsas.lt/naujiena/740526/vokietijoje-pardavinejamos-desreles-skirtos-skirtingoms-lytims

http://www.npr.org/blogs/thesalt/2013/06/28/196640183/bikini-baristas-and-sexist-sausages-food-marketing-gone-wrong

http://www.supermarktblog.com/2013/07/01/die-wurstgewordene-vitamintablette-edekas-eigenmarken-aus-dem-lebensmittellabor/

http://www.bust.com/his-and-hers-sausages-are-the-wurst.html

http://weblog.medienwissenschaft.de/archives/15932

Paarbildung: Schwangerwerdenkönnen und Heteronormativität

Mama, Papa, Kind. Foto: Fotowerk - Fotolia.com

Mama, Papa, Kind. Foto: Fotowerk – Fotolia.com

Dies ist Teil 2 der Reihe „Letz Talk about Schwangerwerdenkönnen“

Menschen kommen auf die Welt, indem sie als kleine hilflose überlebensunfähige Wesen aus dem Körper einer schwangeren Frau* herausrutschen. Das bedeutet, dass Bedürftigkeit und das Angewiesensein auf die Hilfe anderer eine conditio humana ist, also eine Grundbedingung des Menschseins. Es bedeutet auch, dass es in menschlichen Gesellschaftlichen Regelungsbedarf gibt für den Fall, dass eine Schwangerschaft eintritt. Geregelt werden muss insbesondere, wie die Verantwortung für diesen Neuankömmling auf der Welt unter den Erwachsenen verteilt wird.

Die Tatsache, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht bedeutet, dass Frauen* und Männer* einen unterschiedlichen Zugang zu diesem Thema haben. Zwar besteht zwischen ihnen noch eine Gleichheit, was die Zeugung eines Kindes betrifft – das ist nämlich einem Menschen allein nicht möglich, es braucht zwei dafür. Aber nicht alle Menschen haben dann gleichermaßen die Möglichkeit, dieses gezeugte Zellhäuflein auch wachsen zu lassen und zu gebären.

Wenn wir uns mal für einen Moment vorstellen, es gäbe überhaupt keine kulturellen Regeln in diesem Bereich, keine sozialen Beziehungsnormen und verbindliche Abmachungen, dann hätten Männer* aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit keinerlei Möglichkeit, eine Elternschaft zu planen – denn sie wüssten ja nie, ob die Frau*, mit der zusammen sie ein Kind gezeugt haben, auch neun Monate später noch irgendwo in der Nähe ist oder etwas mit ihnen zu tun haben möchte. Frauen* hingegen wären, falls sie schwanger werden, mit der Verantwortung für das Kind völlig auf sich gestellt – denn sie könnten ja nie wissen, ob der Mann*, mit dem sie zusammen das Kind gezeugt haben, neun Monate später noch da ist oder etwas mit ihnen oder mit dem Kind zu tun haben möchte, und sie könnten das auch von keinem anderen Menschen wissen.

Der einzige Mensch, der bei der Geburt eines Kindes mit hundertprozentiger Sicherheit anwesend ist – ohne dass es dafür irgend einer sozialen Regelung bedarf – ist die Mutter, denn aus ihrem Körper heraus kommt das Kind auf die Welt. Die Mutter kann sich nicht dafür entscheiden, bei der Geburt ihres Kindes nicht dabei zu sein. Die Anwesenheit jeder anderen Person hingegen (des biologischen Vaters, eines sozialen Vaters, einer Hebamme, einer Ärztin oder eines Arztes, von wem auch immer) ist entweder kontingent, also „zufällig“ in dem Sinne, dass diese Person auch nicht anwesend sein könnte, oder eben sozial vermittelt, also durch gesellschaftliche Regeln gewährleistet.

Der kulturelle Regelungsbedarf dreht sich also im Kern um zwei Grundthemen: die Frage, welche Unterstützung eine schwangere Frau* durch die Allgemeinheit erfährt, und die Frage, welche „Rechte“ die Allgemeinheit, die Männer* oder bestimmte andere Menschen in Bezug auf das Kind haben, das im Körper einer Schwangeren heranwächst – unter Umständen auch gegen ihren Willen. Im Detail müssen zum Beispiel für folgende Fragen Antworten gefunden werden:

Gibt es für Menschen, die schwanger sind und/oder rund um die Geburt eine Unterstützung? Was für eine? Wer kommt für diese Unterstützung auf, die Allgemeinheit oder bestimmte andere Menschen? Müssen die Schwangeren irgendwelche Bedingungen erfüllen, um in den Genuss solcher Unterstützung zu kommen? Welche? Oder müssen die Schwangeren selbst sehen, wo sie bleiben und wie sie zurechtkommen?

Wird von Menschen, die ein Kind gebären, erwartet, dass sie sich anschließend um das Neugeborene kümmern? Wie lange? Oder gibt es andere, die dafür ebenfalls zuständig sind? Wer ist das und unter welchen Bedingungen? Wie wird sichergestellt, dass die Betreffenden ihrer Verpflichtung auch nachkommen?

Können Menschen, die schwanger sind, entscheiden, ob sie das Kind austragen möchten oder nicht? Wer bestimmt darüber, was mit neugeborenen Kindern geschieht? Was davon fällt in den Entscheidungsbereich derjenigen, die das Kind geboren hat? Was davon fällt in den Entscheidungsbereich der Allgemeinheit oder bestimmter anderer Menschen? Welcher anderen Menschen? Werden für all das von der Gesellschaft Bedingungen gestellt, stehen dafür Ressourcen zur Verfügung? Wer entscheidet darüber konkret?

Das Problem bei all diesen Fragen ist, dass ihre Beantwortung jeweils unterschiedliche Folgen – Vorteile oder Nachteile – für Frauen* und Männer* hat. Beschließt eine Gesellschaft zum Beispiel, Schwangeren eine Art „Verdienstausfall“ zu zahlen (weil sie eine Zeitlang nicht in gleicher Weise wie Nichtschwangere selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können) oder eine gute, von der Allgemeinheit finanzierte Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dann werden Männer* nie in den Genuss dieser Vorteile kommen, weil sie ja von vornherein wissen, dass sie nicht schwanger werden können. Beschließt eine Gesellschaft hingegen restriktive Regeln für den Vorgang der Schwangerschaft (zum Beispiel ein Abtreibungsverbot), dann müssen Frauen* damit rechnen, davon betroffen zu sein, nämlich in dem Fall, dass sie schwanger werden, Männer* können aber sicher sein, dass sie niemals davon betroffen sind.

Das bedeutet, dass das Konzept der „Gleichheit“ für Regelungen in diesem Bereich nicht funktioniert, weil eben Männer* und Frauen* aufgrund ihrer körperlichen Unterschiede nicht gleichermaßen von solchen Regelungen betroffen sein können.

Die „Lösung“, die nun die patriarchale Kultur für diese Herausforderung erdacht hat, war die Erfindung der „heterosexuellen Matrix“. Die Idee ist gewissermaßen, dass die körperliche Differenz innerhalb der menschlichen Spezies in Bezug auf die Fortpflanzung – und damit das „Problem“, dass es in Bezug auf Schwangerschaftsregelungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu Interessenkonflikten zwischen den männlichen* und weiblichen* Individuen kommt – nivelliert wird, indem nicht in Individuen, sondern in heterosexuellen Paaren gedacht wird. Man „bindet“ sozusagen immer einen Menschen, der schwanger werden kann, und einen anderen, der nicht schwanger werden kann, zusammen: Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist dann nicht mehr der einzelne Mensch, sondern das Frau-Mann-Paar. Damit muss die Gesellschaft als Ganze sich nicht mehr um die lästige Differenz zwischen „Gebärenden“ und „Nichtgebärenden“ kümmern. Von jeder Regel ist ja jedes Paar gleichermaßen betroffen, eventuelle Konflikte sind dann bitte intern auszutragen und „Privatsache“.

Die gesamte westlich-patriarchale Konstruktion von Geschlecht ist darauf ausgerichtet, dieses System zu stabilisieren. „Legitime“ Kinder dürfen nur innerhalb eines heterosexuellen Ehepaares entstehen – daher das Verbot der außerehelichen Sexualität. Um die Nachteile, die den Männern* aus diesem Arrangement im Vergleich zum ungeregelten Zustand entstehen (denn sie müssen ja jetzt die Last und Mühe und den Umstand des Kinderkriegens und die Sorge um die Neugeborenen mittragen, obwohl sie selbst gar nicht schwanger werden und das Problem also „eigentlich“ gar nicht hätten) entsteht die sehr starke symbolische Figur des „Vaters“, die mit gesellschaftlicher Macht und Privilegien ausgestattet wird – vor allem Macht über „ihre“ jeweiligen „Ehefrauen“ und die Kinder, die diese gebären.

Die Nachteile, die den Frauen* wiederum aus diesem Arrangement entstehen (die Aufgabe ihrer Autonomie und persönlichen Eigenständigkeit) wird mit dem Verweis auf eine angebliche weibliche „Natur“ oder eine göttliche „Schöpfungsordnung“ legitimiert und durch frühkindliche Konditionierung hin zur „Selbstaufopferung“ und zur Ausbildung angeblicher „mütterlicher Instinkte“ abgesichert.

Aber weil das noch nicht reicht, entsteht ein ausgefeiltes Rechts-, Glaubens- und Wissenschaftssystem, das diese zweigeschlechtliche Ordnung festschreibt und es nahezu unmöglich macht, etwas anderes auch nur in Betracht zu ziehen. Die heterosexuelle Matrix durchzieht die Beziehungen zwischen Männern* und Frauen* auf einer sehr grundsätzlichen Ebene, auch in Bereichen, die mit dem Schwangerwerden und Gebären gar nichts zu tun haben (wie zum Beispiel bei der Frage, wer fürs Kochen oder Fensterputzen zuständig ist). Wo man auch hinschaut, ist unser Denken und unsere kulturelle Struktur von Pseudo-„Ehepaaren“ durchzogen, die klar geschlechtlich konnotiert sind – Körper und Geist, Gefühl und Verstand, Bauch und Kopf, Privat und Öffentlich….

Also: Alles, was wir über Frauen und Männer sagen, ist eine soziale Konstruktion, und nicht nur das – die patriarchale Konstruktion der Geschlechterdifferenz in Form von heterosexuellen „Ehepaaren“ prägt nicht nur das Verhältnis von Frauen und Männern, sondern das gesamte Denken und die gesamte Kulturproduktion. Aber es ist wichtig, zu sehen, dass diese Konstruktionen eben nicht in einem luftleeren Raum und willkürlich entstanden sind, sondern dass sie von ihrem Ursprung her eine Herausforderung bearbeiten, die sich für menschliche Gesellschaften aufgrund der biologischen Beschaffenheit ihrer Spezies tatsächlich stellt.

Oder anders gesagt: Wenn wir die heterosexuelle Matrix untergraben wollen, wenn wir das Modell des Mann-Frau-Paares durch etwas anderes, besseres ersetzen möchten – durch freie Individualität, durch andere Vorstellungen von Familie, durch vielfältigere Beziehungskonstellationen – dann wird das meiner Ansicht nach nur gelingen, wenn wir die oben gestellten Fragen zum Umgang mit Schwangeren und Neugeborenen bewusst stellen und andere, bessere Regelungen finden. Dafür brauchen wird Denkmodelle, die die Tatsache, dass es eine körperliche Differenz zwischen Frauen* und Männern* im Bezug auf Schwangerschaft und Geburt gibt, nicht umschiffen oder kleinreden, sondern sie realistisch ins Auge fassen.

Letz talk about Schwanger werden können

tamponIm Januar nahm ich an einem Seminar über weibliche Initiationsriten teil, bei dem es auch um den Austausch zwischen europäischen und afrikanischen Sichtweisen zu dem Thema ging. Zur Vorstellungsrunde sollten wir Teilnehmerinnen jeweils einen Gegenstand mitbringen, der für uns das „Frauwerden“ symbolisiert. Ich war sehr überrascht, dass viele der anderen etwas mitgebracht haben, das für den Eintritt der Gebärfähigkeit steht – Tampons oder Stoffbinden zum Beispiel.

Ich war davon so überrascht, weil ich selbst nicht eine Sekunde an so was dachte. Ich hatte vielmehr ein Foto herausgesucht, das meine Mutter als Baby zeigt zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihrer Großmutter. Denn für mich hängt Frausein vor allem damit zusammen, sich bewusst in eine weibliche Genealogie zu stellen, also sich zugehörig zum „Geschlecht der Frauen“ zu empfinden und zu positionieren.

Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Kinder habe und auch nie welche wollte, dass für mich das Frausein nichts mit Gebären zu tun hat, dass ich mein „Weiblichsein“ nicht mit dem Übergang vom (geschlechtsneutralen?) Kindheitszustand in den menstruierenden Zustand der „erwachsenen“ Frau assoziiere. Aber seit diesem Seminar denke ich darüber nach, ob das nicht auch ein bisschen ein Sich Herausmogeln ist.

In der heutigen, vor allem westlichen Debatte über die Geschlechterdifferenz ist das Thema Schwangerwerdenkönnen ziemlich in den Hintergrund gerückt. Wir verstehen Frausein losgelöst von biologischen körperlichen Phänomenen, denken vor allem über die sozialen Konstruktionen von Geschlecht nach, und das ja auch aus gutem Grund: Es gibt schließlich zahlreiche Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht schwanger werden können oder wollen, und es ist sogar nicht einmal ausgeschlossen, dass Männer schwanger werden, wenn zum Beispiel ein Transmann sich entschließt, seinen Geburtskörper nicht zu verändern, sondern in seiner Gebärfähigkeit zu erhalten.

Fast alles von dem, was wir meinen, wenn wir heutzutage das Wort „Frau“ benutzen, hat also überhaupt nichts mit der Frage des Schwangerwerdenkönnens zu tun. Aber das sollte uns nicht dazu verleiten, diesen Aspekt für gänzlich unbedeutend zu halten. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen der Geschlechterdifferenz und der Frage, wie Menschen sich fortpflanzen. Und auch wenn dieser Zusammenhang in unserer patriarchalen Kultur überwiegend auf sehr grauselige Weise hergestellt und mit Bedeutungen überladen wurde, die der Feminismus mit guten Gründen zurückgewiesen hat, so kann die Alternative doch nicht sein, so zu tun, als gäbe es überhaupt gar keinen Zusammenhang.

Ich habe deshalb beschlossen, eine kleine Serie von Blogposts zu schreiben, mit denen ich dieses Thema gewissermaßen umkreisen will. Mein Ausgangsgedanke dabei ist folgender:

Es gibt Menschen, die können schwanger werden, und Menschen, die können nicht schwanger werden. Und es lässt sich schon bei der Geburt eines Kindes mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob es einmal zu der einen oder der anderen Sorte gehören wird.

Diese unterschiedliche körperliche Beschaffenheit von Menschen im Hinblick auf die Fortpflanzung der Spezies ist die Ursache dafür, dass fast alle menschlichen Kulturen so etwas wie eine „Geschlechterdifferenz“ erfunden haben.

Die gesellschaftliche Konstruktion sozialer Geschlechterdifferenzen ist nicht etwa eine völlig absurde Idee böswilliger Menschen, die irgendwann in grauer Vorzeit beschlossen haben, die Menschheit willkürlich und ohne jeden Anlass in Frauen und Männer einzuteilen. Sondern diese Einteilung reagierte auf eine reale Herausforderung, vor der jede menschliche Kultur steht: Es muss nämlich die Frage beantwortet werden, wie man mit dem Umstand umgehen will, dass nicht alle Menschen gleich sind, sondern manche schwanger werden können und andere nicht.

Der Einfachheit halber will ich diejenigen Menschen, von denen man bereits bei der Geburt aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weiß, dass sie später mal schwanger werden können, hier Frauen* nennen, und diejenigen Menschen, von denen man bereits bei ihrer Geburt mit ziemlicher Sicherheit weiß, dass sie niemals schwanger werden, Männer*. Mit Sternchen.

Im Allgemeinen werden solche Sternchen oft in genau der gegenteiligen Bedeutung verwendet, nämlich um deutlich zu machen, dass es sich bei „Frauen“ und „Männern“ gerade nicht um natürliche, biologische Phänomene handelt, sondern um soziale Konstruktionen. Ich bin mit dieser Praxis bisher nicht warm geworden, weil ich es für selbstverständlich halte, dass die Begriffe „Frau“ und „Mann“ Konstruktionen sind und keine natürlichen Phänomene – so wie alle Worte übrigens. Wenn ich jetzt das Sternchen doch verwende, dann, um deutlich zu machen, dass ich diesmal gerade nicht – so wie sonst – „Frauen“ und „Männer“ in ihrer vielschichtigen und uneindeutigen und komplexen sozialen Bedeutung meine, sondern in einem tatsächlich auf die Fortpflanzungsumstände reduzierten Sinn: als begriffliche Unterscheidung zwischen „Menschen, die, wenn sie auf eine bestimmte Weise Sex haben, damit rechnen müssen, schwanger zu werden“ (Frauen*) und „Menschen, die sich ihr ganzes Leben über sicher sein können, dass sie unter gar keinen Umständen schwanger werden“ (Männer*).

Warum ist es wichtig, diese Unterscheidung zu treffen?

Heute, wo wir eine gute medizinische Versorgung haben, wo es Verhütungsmittel gibt und wir eine Lebenserwartung von an die achtzig Jahren haben, kann es so aussehen, als ob dieser Unterschied ganz unbedeutend wäre im Vergleich zu allem anderen, was so ein Menschenleben ausmacht und prägt. Selbst bei denjenigen Menschen, die schwanger werden, betrifft das ja meist nur eine relativ kurze Phase ihres Lebens, ganz abgesehen davon, dass sich viele Frauen* auch dagegen entscheiden, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

Bis vor hundert Jahren jedoch (und in vielen Gesellschaften bis heute) war das aber anders. Viele Frauen* waren früher zehn Mal oder sogar noch öfter schwanger, bei einer Lebenserwartung von vielleicht vierzig Jahren befanden sie sich also einen Großteil ihres erwachsenen Lebens „in anderen Umständen“. Schwanger sein und Gebären war zudem eine recht gefährliche Angelegenheit, man konnte dabei leicht sterben, was auch oft passiert ist. Außerdem erforderte die Sicherstellung des Lebensunterhaltes in viel höherem Maß als heute körperlichen Einsatz, sodass es einen recht erheblichen Unterschied im Alltagsleben ausmachte, ob ein Mensch schwanger war, kurz vor der Geburt stand oder gerade ein Kind geboren hatte, oder ob das in seinem Leben niemals vorkam.

Dieser Umstand, so meine These, ist ein wichtiger Grund gewesen für die Ausprägung von Geschlechterdifferenzen. Wie diese Geschlechterdifferenzen inhaltlich ausgefüllt werden, ist damit natürlich überhaupt nicht gesagt. Das zeigt sich ja auch schon daran, dass unterschiedliche Kulturen ganz unterschiedliche Systeme der Geschlechterdifferenz hervorgebracht haben und diese auch ständig verändert werden.

Eine Kultur kann sich ausgehend von der körperlichen Differenz zwischen Frauen* und Männern* in Bezug auf die Fortpflanzung alles Mögliche ausdenken oder auch nicht. Das Problem, vor dem wir als Feministinnen stehen, ist doch, dass wir den ganzen vielen Mist dekonstruieren müssen, der in dem Zusammenhang in unserer Kultur und Geschichte erfunden wurde, weil der vor allem zur Unfreiheit von Frauen* aber teilweise auch von Männern* geführt hat. Diesem ganzen Mist müssen wir irgendetwas anderes entgegensetzen, etwas, das idealerweise mit der menschlichen Freiheit vereinbar ist und nicht sie ständig untergräbt.

Ich behaupte aber, dass es uns nicht gelingen wird, eine freiheitliche Bedeutung der Geschlechterdifferenz zu finden oder zu etablieren, wenn wir den Anlass vollständig ignorieren, der dem Schlamassel zugrunde liegt. Wenn wir also so tun, als wäre es vollkommen egal, ob ein Mensch schwanger werden kann oder nicht. Denn wenn Ungleiches gleich behandelt wird, entsteht erneut Ungerechtigkeit und Unfreiheit.

Vielleicht liegt hier auch eine Antwort auf eine Frage, die mich schon länger umtreibt, nämlich warum Geschlechterklischees sich so hartnäckig halten und vielleicht sogar noch krasser werden, obwohl wir doch im Hinblick auf Emanzipation und Gleichberechtigung in den letzten Jahrzehnten so weit vorangekommen sind. Ist es vielleicht so, dass gerade die Abspaltung der Diskussionen um Geschlecht von den realen Ursachen dieser Konstruktionen, nämlich den Unterschieden zwischen Frauen* und Männern* im Bezug auf Fortpflanzung, dazu geführt hat, dass an die Stelle von solchen realen Themen ein übergroßes Imaginäres getreten ist, dass also die Diskurse über Geschlecht sozusagen in einem „freien Raum“ geführt werden und nicht mehr an die reale Bedingtheit der conditio humana geknüpft sind?

Wenn wir im Bezug auf eine freiheitliche Dekonstruktion von Geschlechtssterotypen vorankommen möchten – so meine These – dann besteht die Lösung nicht darin, die körperlichen Umstände der menschlichen Fortpflanzung (ein neuer Mensch entsteht, indem er neun Monate lang im Körper einer Frau* heranwächst) für irrelevant zu erklären. Sondern eine freie Bedeutung des Frau*-Seins (und damit auch des Frau-Seins und des Mann-Seins, ohne Sternchen) hängt davon ab, dass wir gute, menschenfreundliche, freiheitliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen und symbolische Ordnungen schaffen, wie wir als Gesellschaft mit der körperlichen Differenz von Menschen in Bezug auf die Fortpflanzung umgehen.

Ich habe vor, das Thema in nächster Zeit hier im Blog von verschiedenen Perspektiven aus weiter zu verfolgen.

Teil 2: Paarbildung: Schwangerwerdenkönnen und Heteronormativität

Teil 3: Schwangerwerdenkönnen und symbolische Ordnung

Teil 4: Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit

Und wie ich mich über jede Frau freue, die einen Posten will!

Foto: mspro

Am Wochenende war ich in Kassel auf der Open Mind, einer Konferenz mit Affinität zur Piratenpartei, und sprach über das Thema “Politik und Geschlechterdifferenz” (die Prezi steht hier, vielleicht gibt es später noch irgendwo einen Videomitschnitt (Update: Ja, gibt es inzwischen).

Dabei gab es in der anschließenden Diskussion einen Einwand, der häufig kommt, wenn ich über die Geschlechterdifferenz im Bezug auf politische und wirtschaftliche Institutionen spreche und darüber, dass diese Unterschiede zu einem politischen Konflikt gemacht werden sollten, anstatt sie zu verschleiern, auf weibliche Defizite oder “Förderbedarf” zurückzuführen und rein quantitativ statt qualitativ zu betrachten.

Der Einwand, der dann häufig kommt, lautet in etwa: “Aber damit schreibst du ja Frauen vor, dass sie etwas anderes machen sollen als Männer” beziehungsweise: “Ich will aber gerne in Organisationen aufsteigen und Posten übernehmen, bin ich dann für dich keine richtige Frau mehr?”

In Kassel habe ich darauf geantwortet, dass das natürlich genau nicht der Fall ist, sondern dass ich mich für weibliche Freiheit interessiere. Dass es mir also darum geht, dass jede Frau das tut, was sie wirklich will – auch dann, wenn das etwas anderes ist als die Mehrheit der Frauen tut. Dass also jede Frau, die Karriere machen will, dabei unbedingte Unterstützung bekommen soll. Dass sie eben bloß die Frage stellen sollte, ob sie diese Laufbahn wirklich deshalb anschlägt, weil sie selber das will, oder ob sie das macht, weil das heute von erfolgsorientierten Frauen erwartet wird oder um den Frauenanteil irgendwo zu erhöhen und um “frischen Schwung” in eine ansonsten männerdominierte Organisation zu bringen.

Feminismus bedeutet für mich, nach politischen Praktiken zu suchen, die dabei helfen, dass Frauen ihr jeweils eigenes Begehren in die Welt tragen können, ohne sich dabei an von außen gegebenen Rollenerwartungen zu orientieren, also daran, wie Frauen sich jeweils für die Allgemeinheit nützlich machen können.

Beim drüber Schlafen nun fiel mir ein, dass diese Antwort noch zu defensiv war. Auch wenn ich selbst für  mich den Weg an die Spitze von Institutionen oder Parteien oder Konzernen ablehne, weil es mir keinen Spaß machen würde, weil es nicht das ist, wo ich mich betätigen will, so freue ich mich doch sehr, wenn es andere Frauen gibt, die genau diesen Weg gehen wollen. Ich applaudiere jeder Frau, die Lust darauf hat, einen Posten zu übernehmen, Karriere zu machen, in eine Spitzenamt zu gelangen. Mit dem Unterschied zwischen Macht und Politik zum Beispiel beschäftige ich mich nicht, um Frauen davor zu warnen, sich mit der bösen Macht einzulassen, sondern ganz im Gegenteil: Weil dieser Unterschied meines Erachten hilfreich ist, um sich souverän gerade auch an die Orte der Macht begeben zu können. Ich bin also ganz dafür, Frauen bei ihren Aufstiegswünschen aus allen Kräften zu unterstützen, meinetwegen sogar mit Hilfe einer Quote.

Denn es stimmt natürlich, dass solche Ämter und Posten den Einfluss-Spielraum von Frauen erweitern können. Man kann als Chefin oder als Vorsitzende Dinge bewegen, und ich freue mich, wenn es Frauen gibt, die diesen Weg mit Elan und Spaß an der Sache gehen. Und ich wünsche mir, dass sie dabei unterstützt werden – gerade auch dann, wenn sie dort Dinge verändern und bewegen wollen und auf Widerstand stoßen.

Wenn ich trotzdem darauf herumreite, dass viele Frauen diesen Weg eben nicht gehen – dann gerade deshalb, weil ich das Problem durchaus sehe, dass es uns nicht wirklich weiterbringt, immer “außen vor” zu bleiben. Allerdings beobachte ich eben auch, dass es trotz aller Gleichstellungsbemühungen immer noch sehr viel weniger Frauen als Männer sind, die den “Marsch durch die Institutionen” attraktiv finden – so wie ich.

Und angesichts dieser Situation halte ich es für den falschen Weg, wenn man Frauen sozusagen aus Pflicht gegenüber der “Bewegung” dazu bringen will, doch in den sauren Apfel zu beißen. Weil ich es falsch finde, wenn Frauen sich im Dienst der Partei dazu “breitschlagen” lassen, für ein Amt zu kandidieren, nur damit der Frauenanteil wächst. Denn ich glaube, dass das nicht funktioniert, und ich halte es für eine Verschwendung weiblicher Energie – denn diese Frau muss sich dann mit Dingen beschäftigen, für die sie eigentlich keine wirkliche Begeisterung empfindet, und sie wird davon abgehalten, etwas anderes zu tun, etwas, wofür ihr Herz wirklich schlägt.

Wenn ich die signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Bezug auf historisch männliche Organisationsformen wie es zum Beispiel die Parteien sind, auf die politische Tagesordnung heben will, dann nicht, um Geschlechterunterschiede zu zementieren. Sondern weil ich diese Unterschiede, da, wo sie sich zeigen, für produktiv halte und für einen Schlüssel zu Veränderungsprozessen.

Gewissermaßen geht es darum, der gegebenen faktischen Situation – dass nämlich männliche geprägte Politikkulturen für Frauen deutlich weniger attraktiv sind als für Männer – mit Flexibilität und Phantasie beizukommen. Es ist nämlich klasse, dass Frauen unterschiedlich sind und unterschiedliche Dinge wollen, denn so können wir dem unbefriedigenden Status Quo von ganz verschiedenen Seiten beikommen.

Frauen, die innerhalb der Institutionen aufsteigen wollen, sind ein Glücksfall für den Feminismus, Frauen, die diesen Weg für sich ablehnen, weil sie keine Lust haben, sich den dortigen Spielregeln anzupassen, die stattdessen andere Dinge tun und an grundsätzlicheren Alternativen arbeiten möchten, sind ebenso ein Glücksfall für den Feminismus.

Nehmen wir die Verhältnisse doch einfach in die Zange und treffen uns dann vielleicht in einer besseren Zukunft irgendwo in der Mitte. Oder noch besser: Jenseits.

Frauen sind mehr als weiblich sozialisierte Personen

Seit einiger Zeit bemerke ich mit wachsendem Unbehagen, wie sich die Angewohnheit verbreitet (nicht überall auf der Welt zum Glück, aber in meiner Ecke vom Internet), Frauen nicht mehr als solche, sondern als „weiblich sozialisierte Personen“ zu bezeichnen. Ich empfinde das als ein Ärgernis, zuweilen sogar als Beleidigung.

Warum?

Weil es mir meine Subjektivität abspricht. Weil diese Formulierung unterstellt, dass das, was ich tue und sage, nur deshalb „weiblich“ sei, weil ich so sozialisiert wurde. Das stimmt aber nicht. Natürlich will ich nicht abstreiten, dass ich weiblich sozialisiert bin. Und natürlich durchdringt diese Sozialisation alles, sie lässt sich nicht von anderen Aspekten meiner Person abtrennen.

Aber meine Person wird extrem verkürzt wahrgenommen, wenn man mein Frausein allein auf das „weiblich sozialisiert sein“ beschränkt.  Ich, Antje Schrupp, bin eine Frau, und das nicht nur, weil ich weiblich sozialisiert wurde. Sondern auch aus vielen anderen Gründen.

Ein anderer Grund, warum ich eine Frau bin, ist – face it – die Biologie. Ich bin auf die Welt gekommen, ausgestattet mit einer Gebärmutter, was lange Zeit erst einmal keine große Bedeutung hatte, aber im Teenageralter eine sehr große Bedeutung annahm, weil ich mit der Tatsache umgehen musste, dass ich bei einer bestimmten Art von Sex mit Männern schwanger werden kann. Die Art und Weise wie das Thema „Kinderkriegen“ gesellschaftlich verhandelt wird, ist natürlich aufs Engste mit Sozialisierungen vermengt, aber im Kern hat es nichts mit Sozialisation zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie Menschen sich fortpflanzen.

Ein weiterer Grund, warum ich eine Frau bin, ist, dass ich meine Erfahrungen im Leben, die nichts anderes sein können als die Erfahrungen einer Frau (und zum Beispiel nicht die eines Mannes) subjektiv bearbeite. Dass ich also darüber reflektiere, mit anderen darüber spreche, davon ausgehend zu diesen oder jenen Entscheidungen komme – zu Entscheidungen, die meine eigenen Entscheidungen sind, die Entscheidungen von Antje Schrupp, also einzigartig. Sie sind nicht einfach eine zwangsläufige Folge meiner Sozialisation.

Zu dieser meiner weiblichen Subjektivität gehört zum Beispiel die Reflektion und das politische Engagement in der Frauenbewegung, das ich aktiv gesucht habe, niemand hat mich dazu erzogen. Dazu gehört auch die Entscheidung, mich einer bestimmten Richtung des Feminismus anzuschließen und anderen Richtungen nicht. Die Art und Weise, wie ich, von der Tatsache meines Frauseins ausgehend, gehandelt habe, baut natürlich auf meiner Sozialisation auf. Aber sie ist gleichzeitig Ausdruck meiner Subjektivität und Individualität. Die aber dennoch unabdingbar die Subjektivität und Individualität einer Frau ist, sie ist von meinem Frausein nicht zu trennen.

Frausein bedeutet, mit einer bestimmten Position in dieser Welt ausgestattet zu sein. Die Geschlechterdifferenz, die alle möglichen Aspekte unserer Welt auf vielfältige Art und Weise prägt (ob uns das nun gefällt oder nicht), durchquert mein Personsein permanent. Es ist unentwirrbar, es ist nicht möglich, mein „Frausein“ von meinem „Menschsein“ zu trennen, wie es die Rede von der „weiblich sozialisierten Person“ suggeriert.

Kein Mensch kommt nämlich als Tabula Rasa auf die Welt. Jeder Mensch kann nur von einer bestimmten Position aus handeln. Jeder Mensch ist „irgend etwas“, kein Mensch ist einfach nur „Mensch“. Wir alle sind mit bestimmten Körpern ausgestatt, die wir uns nicht ausgesucht haben, und wir alle waren nach unserer Geburt viele Jahre lang vollkommen auf andere Menschen angewiesen und ihnen also auf gewisse Weise auch ausgeliefert. Eine Kränkung ist das nur für Subjekte, die sich als „autonom“ phantasieren. In Wirklichkeit ist es so ziemlich das einzig „Normale“, was sich über das Menschsein sagen lässt.

Dass man nicht vollständig über sich selbst bestimmen kann, niemals, ist eine unhintergehbare Bedingung des Menschseins. Menschsein bedeutet aber gleichzeitig, frei zu sein, also nicht vollständig determiniert, sondern Individualität und Subjektivität ausbilden zu können. Jedoch nicht eine „allgemeine“, „universale“ Subjektivität. Wir können nur eine partikulare Subjektivität ausbilden, sozusagen die einer „bestimmten Sorte“ Mensch.

Das heißt, JEDE menschliche Individualität und Subjektivität ist partikular – auch die männliche, was sich allerdings große Teile des männlichen Denkens nicht klar gemacht haben, weil sie die eigene Partikularität als „normal“ definiert haben und die der Frauen als „Abweichung“. Das ist der Grund für eine Vielzahl von Defiziten in diesem männlichen Denken, zum Beispiel die unsinnige Idee der „Repräsentation“. Niemand kann aber an der Stelle von anderen sprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das, was wir in erster Person sagen und tun, einfach nur „persönlich“ oder „privat“ wäre. Gerade und ausschließlich die partikulare Subjektivität enthält Erkenntniswert für die Allgemeinheit. Die sich als „universal“ ausgebende Subjektivität hingegen ist eine Schimäre, die uns alle in die Irre führt.

Nur Frauen können sagen, was Frauen erleben. Weil Menschen, die keine Frauen sind, niemals erlebt haben können, was Frauen erleben. Die Art und Weise, wie eine bestimmte Frau das beschreibt, was sie erlebt, ist aber subjektiv, das heißt, sie unterscheidet sich von der Art und Weise, wie andere Frauen dasselbe beschreiben.

Frauenleben sind untereinander vielfältig, teilweise auch konträr. Und weibliche Subjektivität ebenfalls. Das heißt: Weder machen alle Frauen dieselben Erfahrungen (allein schon, weil es solche und solche Frauen gibt, zum Beispiel privilegiertere und weniger privilegierte). Aber auch: Selbst wenn Frauen dieselbe Erfahrung machen, kann die eine das so und die andere anders bearbeiten. Weil Frauen nämlich freie Subjekte sind. Deshalb kann es niemals eine einheitliche „Frauenmeinung“ geben. Aber das bedeutet eben gerade nicht, dass das Frausein dieser so verschiedenen Individuen belanglos wäre – ganz im Gegenteil.

Das zu verstehen ist unabdingbar, um Pluralität als wesentlichen Teil von Politik zu begreifen. Denn die Erfahrungen der Geschlechterdifferenz, also die Erkenntnis, dass Frauen nicht für Männer sprechen können und Männer nicht für Frauen, lässt sich quasi als Blueprint auf fast alle anderen Arten von gesellschaftlichen Differenzen übertragen – wenn auch in entsprechenden Modifizierungen.

Biodeutsche können nicht für Migrantinnen sprechen, Weiße nicht für People of Color, Reiche nicht für Menschen mit Armutserfahrungen und so weiter (andersrum natürlich auch nicht, aber andersrum kommt es auch selten vor).

Und bei all diesen „marginalisierten Gruppen“ – auch das ist ein blöder Begriff, denn die Erfahrungen, die Personen aus diesen Gruppen machen, enthalten eine viel größere Fülle an Erkenntnissen und Impulsen für das gesellschaftliche Zusammenleben als die Defizit-Klassifizierung als „Marginalisierte“ unterstellt – ist es dasselbe: Die gesellschaftliche Position (wovon die Sozialisierung ein Teil ist) stellt nur den Ausgangspunkt dar. Sie stellt diesen Personen ein Mehr an Wissen, an Möglichkeiten, an Erfahrungspotenzialen zur Verfügung, die sie dann subjektiv und individuell verarbeiten, und das mehr oder weniger originell, mehr oder weniger klug. Aber der Punkt ist: Ausschließlich aus diesem Mehr heraus, das aus den Differenzen entsteht, folgen relevante Handlungen und Interventionen mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Das ist der Kern des Pluralismus und das ist der Kern der Politik.

Mit Sozialisation hat das nur unter vielem anderen etwas zu tun. Und deshalb ist es mir wichtig, zu betonen, dass ich eine Frau bin, und den Begriff „weiblich sozialisierte Person“ für mich ablehne.