
Die Republica 2010 – eine große Konferenz rund um Internet-Themen – steht vor der Tür. Und ich fahre wieder nicht hin. Geschweige denn, dass ich einen Vortrag oder Workshop abhalten würde. So bin ich also auch mit daran schuld, dass Frauen dort erheblich unterrepräsentiert sind: Eben hab ich noch einmal knapp die Speakers durchgezählt und kam auf insgesamt 218, von denen 46 Frauen sind, also 21 Prozent.
Seit Feministinnen im Netz im Anschluss an die Republica 2009 den niedrigen Frauenanteil an den dortigen Speakers kritisiert haben, zum Beispiel Anne Roth, die in ihrem Blog immer wieder mal auf dieses Missverhältnis hinweist, wird im Netz heftig diskutiert, woran das liegt. Auch ich selbst habe mich schon mit dem Thema beschäftigt. Die Mädchenmannschaft und andere feministische Bloggerinnen (und einige Blogger) bemühen sich seither, Frauen im Netz sichtbarer zu machen, organisieren Gendercamps gründeten eine Facebook-Gruppe Girls on Web Society und bringen so das Thema auch ins Programm der diesjährigen Re:publica.
Sicher ist all das notwendig, denn die Zahlen sind wirklich eklatant. Unter den Top-Hundert der deutschen Twittercharts sind nur sieben Frauen – @frauenfuss (Nr. 26), @kristinakoehler (Nr. 46), @happyschnitzel (Nr. 53), @kathrinpassig (Nr. 56), @silenttiffy (Nr. 80), @elsebuschheuer (Nr. 89) und @smarttipps (Nr. 99). – Update: Es sind acht Frauen, ich habe @coldmirror (Nr. 13) vergessen! Thx an @Martina) Zumal diese Abwesenheit sich längst nicht mehr auf die Nutzung von web 2.0 bezieht: Unter denen, die auf Plattformen wie Twitter oder Facebook aktiv sind, sind inzwischen offenbar rund 60 Prozent Frauen.
Allerdings muss ich gestehen, dass mich das Thema inzwischen ein bisschen langweilt. Und zwar deshalb, weil hier, auch wenn das sicher keine Absicht ist, doch immer wieder die Vorstellung durchscheint, dass die relative Abwesenheit der Frauen irgendwie ein Defizit auf Seiten der Frauen bedeuten würde: Entweder wird gefragt: Machen sie irgendwas falsch? Sind ihre Posts nicht gut genug? Geben sie sich zu wenig Mühe? usw. usw. Oder aber man identifiziert sie als Opfer und fahndet nach Strukturen oder Sonstigem, das Frauen daran hindert, sich „genauso wie die Männer” einzubringen.
Wir bewegen uns mit dieser Fragestellung, was man machen kann, um Frauen „einzubeziehen“, immer noch im Rahmen einer falschen symbolischen Ordnung, wie das italienische Feministinnen nennen. Wenn etwa, wie von Tamar Lewin in ihrem Artikel „Bias Called Persistent Hurdle for Women in Sciences“ (nur ein Beispiel von vielen), immer wieder darauf hingewiesen wird, dass „Stereotypen und kulturelle Vorurteile den Erfolg von Frauen weiter verhindern“, dann wird damit ganz klar definiert, was „Erfolg“ ist: nämlich das, was die Männer machen.
Sicher, es gibt diese Stereotypen und es gibt diese kulturellen Hindernisse. Aber diese alleine ins Zentrum der Analyse zu stellen, legt eine Annahme zugrunde, die ich bestreite, und zwar die: Dass Frauen unbedingt dorthin wollen, wo die Männer schon sind, und dass sie nur von diesen äußeren Umständen (wenn nicht gar von ihrer eigenen Blödheit) daran gehindert werden. Das reicht mir nicht. Und es überzeugt mich nicht, und einige andere Frauen auch nicht, zum Beispiel für Mela Eckenfels nicht, die darüber in ihrem Blog geschrieben hat.
Ich interessiere mich generell weniger dafür, was Frauen nicht tun, sondern mehr dafür, was sie tun. Die Philosophinnengemeinschaft Diotima aus Verona hat diesen Perspektivenwechsel vor einigen Jahren in einem Aufsatzband mit dem schönen Titel „Von der Abwesenheit profitieren“ beleuchtet (den es leider nicht in Deutsch gibt). Darin fragen sie: Wenn Frauen nicht da sind, wo die Männer sind, wo sind sie denn dann? Und ist es da, wo sie sind, nicht vielleicht viel interessanter?
Der Fokus des Buches ist nicht die Netzkultur, sondern es geht um andere männerdominierte Felder: Geschichtsbücher, politische Institutionen, Universitäten, Religionen. Auch hier wurde seit Beginn der Frauenbewegung die Aufmerksamkeit ja vor allem auf die Mechanismen gelenkt, die Frauen den Zugang zu diesen Orten verstellt oder erschwert haben – die Verbote, die sozialen und kulturellen Gewohnheiten. Die Frauenbewegung hat erfolgreich dafür gekämpft, dass diese Mechanismen abgeschafft oder zumindest entschärft und hinterfragt wurden, und darüber bin ich froh. Aber das ist nicht genug.
Die italienischen Philosophinnen beschreiben anhand von vielen Beispielen, dass diese „Ausschlussperspektive“ immer nur einen Teil der Wirklichkeit beschrieben hat. Zwar kommen Frauen in der offiziellen Darstellung der westlichen Geschichte praktisch nicht vor, liest man Geschichtsbücher, dann könnte man glauben, in früheren Jahrhunderten hätte der Männeranteil bei ungefähr 95 Prozent gelegen. Aber das ist ja Quatsch: Zu allen Zeiten haben Frauen gelebt, und sie haben durchaus nicht nur Däumchen gedreht, sondern sie haben gearbeitet, Politik getrieben, Wissen weitergegeben, Traditionen herausgebildet, die Zivilisation gestaltet.
Die Italienerinnen fragen sich nun: „Wie sollen wir uns in eine Beziehung setzen mit einer Tradition voller Unternehmungen und Werken von Männern, ohne die weibliche Genealogie zu unterbrechen, ohne unsere Mütter zu verraten, die in dieser Tradition nicht eingeschrieben sind? Die Frauen sind in der Geschichte präsent, aber ohne sichtbare Kontinuität. Diese Feststellung hat uns auf die Idee gebracht, dass es eine originäre Geschichtlichkeit der Frauen gibt, die nicht in die Chronologie und die Sichtbarkeit der kodifizierten Fakten eingeschrieben ist. Daher die Idee zu diesem Buch. ‚Von der Abwesenheit profitieren’ ist eine Formel, die die berühmte Einladung von Carla Lonzi aufgreift, die sagte: Die Differenz der Frauen besteht aus Jahrtausenden ihrer Abwesenheit von der Geschichte. Profitieren wir von dieser Abwesenheit.“
Dazu gehört es nicht nur, die „weiblichen“ (im Sinne von mehr von Frauen als von Männern geprägten) Orte und Tätigkeiten aufzuwerten – Hausarbeit ist wichtig, die Erfindung der Nähmaschine hat die Zivilisation maßgeblich geprägt, und, ja, Strick- und Rezepteblogs sind interessant. Ina Praetorius hat einmal darauf hingewiesen, dass diese alte feministische Praxis der „Enttrivialisierung des Weiblichen“ ergänzt werden muss um einen gleichzeitigen Prozess der „Trivialisierung des Männlichen“. Also eine Bewusstseinsarbeit, die uns erkennen lässt, dass die Orden der Militärs, die Sitzungen der Parlamente, die Wissenschaft der Universitäten, die Beherrschung der „Leitmedien“ und so fort, wenn man genau hinschaut, gar nicht so bedeutsam und wichtig für das gesellschaftliche Wohlergehen sind, wie sie tun und wie im allgemeinen angenommen wird.
Dies gilt, so meine ich, nicht nur für geschichtliche Themen, sondern auch für heutige Orte und Szenarien, die von einer starken männlichen Sichtbarkeit dominiert werden, wie eben die Netzkultur-Debatten. Auch hier geht es nicht nur darum, die Sichtbarkeit von Frauen an diesen Orten zu vergrößern (das auch). Sondern es geht gleichzeitig darum, diejenigen Frauen und ihre Ideen und Wünsche und Vorstellungen nicht zu „verraten“, die sich anderswo aufhalten.
Mir fallen dazu auf Anhieb eine ganze Reihe von Punkten ein, was die Abwesenheit von Frauen aus dem „Netzdingens“ betrifft: Die fragwürdigen Kriterien zur Beurteilung von „Relevanz“ durch automatisch generierte Rankings etwa (die meiner Meinung nach noch aus der alten, analogen Massenlogik stammen), die problematischen Illusionen im Bezug auf „Anonymität“, die zu den bekannten Troll-Phänomenen führen, von denen sehr viele Frauen extrem abgenervt sind (mehr Frauen als Männer, glaube ich), die große Vorliebe vieler Frauen für Reallife-Begegnungen im Vergleich zu nur „virtuellen“ Kontakten (ein Missverständnis, wie ich meine, da diese Internetkontakte häufig das Bedürfnis nach tatsächlichen Treffen wecken), und so weiter.
Man muss allerdings aufpassen, dass man hier nicht in eine Falle läuft: Die „Trivialisierung des Männlichen“ (in diesem Fall der Bedeutung der „Alphablogger“ etc.) darf keine Ausrede sein, wenn eine Frau ihren eigenen Misserfolg, etwa im Bezug auf Rankings und dergleichen, analysiert. Denn auch wenn man wohl sagen kann, dass mehr Männer als Frauen diesbezügliche Ambitionen haben, so gibt es sicher auch Frauen, die in diesen Bereichen durchaus mitmischen möchten. Und sie sind bei ihren Ambitionen nur vollstens zu unterstützen und zu ermutigen.
„Enttrivialisierung“ des Weiblichen und „Trivialisierung“ des Männlichen bedeutet keine moralische Wertung in dem Sinne, dass das Weibliche per se wichtiger wäre als das Männliche. Worum es geht ist, einer alten patriarchalen (und bis heute wirksamen) Tradition entgegenzutreten, die alles, was Männer machen, automatisch für wichtig hält, und alles, was Frauen machen, automatisch für unwichtig – und zwar unabhängig von der tatsächlichen gesellschaftlichen Bedeutung der jeweiligen Bereiche.
Ich zumindest möchte mich von diesen symbolisch aufgeladenen Kriterien nicht beeinflussen lassen, sondern versuchen, herauszufinden, was ich selbst denn tatsächlich für relevant und wichtig halte. Ein wichtiger Wegweiser dabei ist – das habe ich auch von den italienischen Philosophinnen gelernt – das Begehren: Wo ist bei dem, was ich mache, Strom drauf? Was macht mir Spaß? Wofür strenge ich mich gerne an? Und wozu quäle ich mich, mache es nur aus Pflichtbewusstsein? Dieses Begehren (das etwas anderes ist als der „freie Wille“ aus der männlichen Philosophie, aber dazu vielleicht ein andermal) ist mein Wegweiser zu einem Urteil über „Relevanz“.
Derjenige Punkt, der mir persönlich im Zusammenhang mit dem ganzen Thema Netzkultur momentan besonders wichtig ist, liegt in ihrer Integration mit dem analogem Leben. Das wurde mir klar, als ich vor einigen Tagen per Twitter fragte, was die „Nerds“ in meiner Timeline eigentlich von dem Nerd-Artikel in der letzten brandeins halten. Die ziemlich einhellige Antwort war: Denn Artikel haben sie nicht gelesen, weil er nicht online verfügbar ist, und sie lesen nur noch im Netz.
Das kann ich gut nachvollziehen, und es nervt mich auch, wenn wichtige Texte nicht im Netz stehen. Aber so eine Haltung kann man sich natürlich nur leisten, wenn man sich auf Themen beschränkt, die im Netz auch ziemlich vollständig abgebildet sind. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass in Zukunft nichts mehr Relevanz haben wird, was nicht im Internet verfügbar ist. Aber heute sind wir definitiv noch sehr weit davon entfernt.
Ich könnte zum Beispiel keine relevante feministische Denkarbeit betreiben, wenn ich meine Informationen ausschließlich aus dem Netz beziehen würde. Dazu passiert einfach viel zu viel außerhalb. Ich würde die interessantesten und relevantesten Ideen und Diskussionen verpassen, wenn ich einfach alles ignorieren würde, was nicht online verfügbar ist. Und so geht es vermutlich allen, die sich mit irgendwelchen anderen Themen beschäftigen als mit dem eng definierten Thema „Internet“ als solchem.
Aber es ist auch noch anders herum. Ich denke, dass angesichts der rasanten Entwicklung des Internet und seiner rapide zunehmenden Bedeutung eine gesellschaftlich-politischen Hauptaufgabe derzeit darin liegt, die Kluft zwischen „Online-Virtuos_innen“ und „Netzdistanzierten“ nicht ständig weiter wachsen zu lassen. In dieser Vermittlungsarbeit liegt das, wo bei mir momentan im Bezug auf „Netzpolitik“ der größte Strom drauf ist. Solche Vermittlungsarbeit funktioniert aber – wie jede andere politische Vermittlungsarbeit auch – nicht über das Ausformulieren von Standpunkten und Positionen und Analysen, sondern nur, indem man hingeht und mit den „anderen“ redet. (Politik verkörpern statt Stellung beziehen habe ich das an anderer Stelle mal genannt). Nicht besserwisserisch, sondern mit wirklichem Interesse für ihre Ansichten und Meinungen, auch wenn man sie erst einmal falsch findet. Nur in dieser Begegnung selbst kann dann nach Anknüpfungspunkten dafür gesucht werden, anderen die eigenen Erfahrungen, die eigene Begeisterung zu vermitteln.
Deshalb entscheide ich mich ganz bewusst dafür, meine Energie nicht in erster Linie dafür aufzuwenden, doch noch auf irgendwelchen Blogcharts zu landen, meine Followerzahlen in die Höhe zu treiben oder ähnliches, sondern darauf, die Funktionsweise des Internet, die Fülle seiner Möglichkeiten und vor allem die Unausweichlichkeit seiner immer dominanter werdenden Relevanz gerade auch denjenigen gegenüber zu vermitteln, die dieser ganzen Sache skeptisch bis ahnungslos gegenüber stehen.
Und das ist der Grund, warum ich nicht zur Re:publica fahre, sondern meine Wochenende anderen Treffen widme. Ganz besonders solchen, von deren Existenz das Internet gar nichts weiß, und wo Leute zusammenkommen, die ihrerseits vom Internet noch viel zu wenig wissen.
(Vielen Dank an Anne Roth, die diesen Text in einer ersten Fassung gelesen hat und deren Kommentare mich zu einigen Überarbeitungen und Ergänzungen anregten.)

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