Heute lese ich in der taz über das neue Buch von Bascha Mika, der ehemaligen taz-Chefin, in dem sie die These vertritt (offenbar in genau solch harschen Worten), dass Frauen feige und bequem seien und daher selbst schuld an ihrer Benachteiligung. Bei der Buchpräsentation, von der hier berichtet wird, hat sie offenbar gesagt: „Aber was hat sich denn geändert, seit wir die Strukturen beklagen? Nichts.“
Das finde ich nun interessant. Bascha Mika ist 1954 geboren, müsste sich also noch zehn Jahre besser als ich an die Zeiten vor der Frauenbewegung erinnern. Wie kann sie sagen, es habe sich nichts geändert seit den 1960er Jahren? Wer das sagt, muss wirklich Tomaten auf den Augen haben.
Klar, es mag einer nicht alles gefallen, was die jungen Frauen heute machen, ihre Stöckelschuhe zum Beispiel, oder auch ihre manchmal nostalgischen Vorstellungen vom Familienglück. Aber so oder so wird man kaum sagen können, dass für sie und die Frauen allgemein alles noch genauso ist wie damals in den Fünfzigern.
Vor allem sind Frauen heute um Längen selbstbewusster und freier. Keine Frau glaubt heute noch, sie sei prinzipiell schwächer und weniger wert als ein Mann. Und im Vergleich zu vor dreißig, vierzig Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen (und übrigens auch das zwischen Kindern und Erwachsenen) sehr verändert. Sehr zum besseren. Und auch vieles andere hat sich verändert, wir müssen nur hinschauen.
Die italienische Philosophin Luisa Muraro hat 1996 die These in die Diskussion gebracht, dass das Patriarchat zu Ende sei. Und zwar deshalb, weil die Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie ihm keinen „Kredit“ mehr einräumen. Sie forderte uns auf, nicht immer nur auf das Schlechte zu schauen, auf das, was noch beklagenswert ist (und klar, das ist viel!), sondern dass wir einfach mal dem Gedanken, es könne vielleicht vorbei sein, einen Raum in unserem Kopf einräumen. Dass wir eine Leerstelle schaffen in unserer Ideenwelt, die es möglich macht, dieses Ungeheuerliche – das Ende des Patriarchats – wirklich in Erwägung zu ziehen.
Eines ihrer Argumente scheint mir besonders wichtig: Sie fordert uns auf, auf das „ersparte Leid“ zu schauen. Auf das Leid, das Frauen heute nicht mehr ertragen müssen, weil es die Frauenbewegung gegeben hat und weil sich dadurch die Situation der Frauen wesentlich verbessert hat. Nicht überall auf gleiche Weise, aber doch auch nicht nirgendwo. Das ersparte Leid jeder Frau, die nicht mehr geschlagen wird, weil sie in ein Frauenhaus gehen kann, die nicht bei einer dilettantischen Abtreibung stirbt, die nicht Verkäuferin wurde, obwohl ihre große Leidenschaft etwas anders war – jedes einzelne dieses ersparten Leids ist „Freudensprünge“ wert (so hat Muraro ihren Artikel damals überschrieben).
Aber natürlich hat Bascha Mika auch an einem Punkt recht, wenn sie sagt, an den Strukturen habe sich nichts geändert. Ich würde zwar nicht sagen, es habe sich da gar nichts geändert, denn vor zwanzig, dreißig Jahren wäre es zum Beispiel vollkommen undenkbar gewesen, dass eine Frau Bundeskanzlerin, eine Ministerin schwanger und eine Frauenquote politisches und mediales Top-Thema ist. Aber tatsächlich halte auch ich diese Veränderungen auf struktureller Ebene für eher mickrig.
Aber für mickrig nicht im Vergleich zu dem, was das Minimalziel einer ordentlichen feministischen Revolution sein müsste, die Bascha Mika offenbar vorschwebt, sondern mickrig im Vergleich zur Größe der Veränderungen, die sich auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet bereits vollzogen haben und vor allem in den Köpfen der Frauen selbst.
Sicher, strukturell ist vieles beim Alten geblieben, da stimme ich Bascha Mika zu. Aber dies ist kein Zeichen für ein Versagen der Frauen, sondern eines für das Versagen dieser Strukturen, die nämlich offensichtlich nicht in der Lage sind oder zumindest sich schwer tun damit, die von den Frauen ausgegangene Veränderung wahrzunehmen und sich darauf einzustellen.
Ich habe mich schon oft gefragt, warum es so schwer fällt, die Errungenschaften der Frauenbewegung überhaupt nur wahrzunehmen. Eine Erklärung dafür gibt die Diotima-Philosophin Diana Sartori in einem Text über „Das Mehr der Politik und das Weniger der Macht“, den ich gerade ins Deutsche übersetze. Sie beschreibt, dass in der westlichen Ideengeschichte ein Bild von „Revolution“ gezeichnet wurde, das auf einem immer wiederkehrenden Zirkel beruht: Ein alter Patriarch, der im Lauf seiner Herrschaft immer mehr verknöcherte, wird von revoltierenden Söhnen vom Thron gestoßen, die dann wiederum sich selbst auf den Thron setzen, ihre Macht konstituieren, im Laufe der Zeit ihrerseits verknöchern, dann wiederum vom Thron gestoßen werden und so weiter und so weiter. Die Frauen nehmen in diesem Zyklos die Rolle der „Königsmacherinnen“ ein, sie sollen die Söhne bei der Revolte unterstützen und dann wieder in ihre versorgende Hintergrundsrolle zurücktreten.
Diese „ödipale“ Vorstellung von Revolution in der westlichen Ideengeschichte, wie Sartori das nennt, kann sich gesellschaftliche Veränderung also nur in Form eines eruptiven Ausbruchs des Politischen vorstellen. Mit anderen Worten: Wenn kein König vom Thron gestoßen und kein neuer installiert wurde, dann ist nichts passiert. Dann hat es keine Revolution gegeben. (Über diesen Mechanismus denke ich derzeit auch im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ägypten nach).
Und weil die Frauenbewegung eben keinen König gestürzt hat und selbst nicht vorrangig nach konstitutioneller Macht strebte, erscheint es uns so, als wäre eben nichts geschehen. Als habe es keine Erfolge, keine Veränderungen gegeben. Aber das ist ein Irrtum.
Politik geschieht eben nicht nur in den so genannten „revolutionären Momenten“, in denen sich etwas Aufgestautes entlädt. Politik geschieht jederzeit im Alltag. Politik ist, wenn Eheleute diskutieren, wer die Hausarbeit macht, wenn in der Schule kulturelle Konflikte ausgetragen werden, wenn an den Arbeitsplätzen neue Modelle zur Vereinbarkeit von Büro- und Familien diskutiert ausprobiert und installiert werden, wenn Erzieherinnen für Qualität in den Kitas kämpfen, wenn in den Redaktionen darüber nachgedacht wird, wie in der Berichterstattung Rollenklischees abgebaut werden könnten und so weiter. Und vor allem ist Politik, wenn zwei Frauen sich über ihre Wünsche und Vorstellungen, wie die Welt sein soll, austauschen und gemeinsam überlegen, wie sie das in der Welt umsetzen können.
All diese Anstrengungen und Verhandlungen sind es, die eine Gesellschaft wirklich und nachhaltig verändern. Sie brauchen dafür keinen großen Knall, keine revolutionäre Eruption. Vielmehr verhält es sich genau anders herum: Kommt es, aus welchen Gründen auch immer, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zu einer revolutionären Situation, dann werden all diese kleinen politischen Veränderungen und Mühen plötzlich eminent wichtig. Denn nur sie können sicherstellen, dass eine Revolution auch wirklich eine Revolution ist – und nicht einfach eine weitere Runde im alten, langweiligen, ödipalen Ritual zwischen verknöcherten Vätern und revoltierenden Söhnen.

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